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Foto: Dieter Rüchel

Die halten zusammen

Von JENNIFER WIEBKING
Foto: Dieter Rüchel

14. Februar 2021 · Heute ist der Tag der Paare. Wir stellen vier vor, die verheiratet sind und gemeinsam Unternehmen für Handtaschen führen. Wie vereinbaren sie Privates und Geschäftliches? Und haben sie Tipps für andere, die auch mit dem Gedanken spielen, gemeinsam zu gründen?



Vivica und Philipp Bree
PB 0110

Fotos: Ludwig Schöpfer, StudioTusch

30 Prozent Marke, 30 Prozent Familie – von wegen

Foto: privat
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PB, das steht für Philipp Bree. Der Sohn aus der gleichnamigen Handtaschenfamilie aus Hannover hatte sich 2013 dafür entschieden, eine eigene Marke zu gründen, PB 0110. Und seine Frau Vivica, die zuvor freiberuflich tätig gewesen und nun schwanger war mit dem zweiten Kind, hatte beschlossen, ihm zu helfen. Organisation und Kommunikation waren schon immer ihre Stärken, sie kümmerte sich fortan auch um den Vertrieb. „So bin ich mit den Amerikanern eingeschlafen und morgens mit den Japanern aufgewacht“, sagt Vivica Bree über die ersten Monate. „Als wir angefangen haben, meinte Philipp so schön: 30 Prozent Firma, 30 Prozent Kinder, 30 Prozent Haushalt.“ Schnell habe sich herausgestellt, wie viel Zeit eine Neugründung tatsächlich in Anspruch nimmt – für beide. „Ich dachte: Schön, ich arbeite hier gerade 110 Prozent und pfeife auf dem letzten Loch, und du verwirklichst dich.“ Auf einmal nicht nur zusammenzuleben, sondern auch zusammenzuarbeiten hätten sie lernen müssen. „Es war zum Beispiel sehr seltsam, von meinem Mann am Anfang Lob zu bekommen. Ich dachte, du musst mich doch nicht loben wie ein Kleinkind. Das musste ich erst einmal lernen anzunehmen.“

Auch deshalb sei es wichtig, klare Bereiche zu definieren: „Ich bin eher der unruhige Geist, der sagt, schau doch mal hierhin oder dorthin“, sagt Vivica Bree, „und Philipp ist der Bewahrer der Marke.“ Den Online-Shop, den Auftritt bei Instagram stieß zunächst sie an. Und mit der Pandemie gründete Vivica Bree, 45, noch eine zweite Marke für Stoffmasken mit ästhetischen Prinzipien: Puremasks.

Es sei außerdem wichtig gewesen, das Unternehmen klar vom Privaten abzugrenzen. „Wenn es Spaß macht, ist es verführerisch, immer über das Geschäftliche zu sprechen“, sagt Philipp Bree, 49. „Aber wir merken jetzt, wie auch die Kinder dann zurückschrauben müssen.“ Und wer so nah zusammenarbeitet, brauche auch hin und wieder die Meinung des Außenstehenden: „Wir haben uns einen Ort gesucht, an dem wir uns einmal im Vierteljahr coachen lassen“, sagt Vivica Bree. „Diese Impulse sind wichtig. Ich empfinde es als größere Herausforderung, mit dem Ehepartner zusammenzuarbeiten als mit jemand Fremdem.“





Lili Radu und Patrick Löwe
VEE COLLECTIVE und LILI RADU

FotoS: Vee Collective

Eine Probezeit empfiehlt sich

Foto: Vee Collective
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Sie kennt beides. Vor zehn Jahren begann Lili Radu, zunächst mit Laptoptaschen, ihr eigenes Unternehmen in Frankfurt aufzubauen. Sie erweiterte ihr Sortiment schnell, zog mit ihrem Partner Patrick Löwe nach Berlin. Nach der Hochzeit gab er vor sechs Jahren seinen Job im Marketing auf und stieg bei Lili Radu ein. „Es war immer klar, dass ich ab einer gewissen Größe einen sparring partner brauche, um zum nächsten Wachstumsziel zu kommen“, sagt sie. Dass der eigene Ehemann die geeignete Personalie war, habe sich Schritt für Schritt herausgestellt. „Patrick hat zuvor schon sehr viel für mich gemacht, aber es war auch klar, dass uns die Ehe wichtiger ist als der Job.“ Die beiden vereinbarten eine Probezeit von einigen Monaten. „Wenn es nicht funktioniert hätte, dann hätten wir die Reißleine gezogen.“

Es funktionierte, und das so gut, dass sie – heute beide 39 Jahre alt – neben der Marke Lili Radu eine zweite aufbauten: „Von den Kunden hörten wir immer wieder, dass sie einen leichten Shopper suchten. Aus Leder kann man den nicht herstellen.“ Sie seien gerade in Los Angeles gewesen und hätten das wieder einmal gehört, als Patrick Löwe auf die Idee einer neuen Marke für leichte Shopper kam, Vee Collective.

Das Beispiel Los Angeles sei aber auch eine Erklärung dafür, warum so viele Paare in Deutschland gemeinsam Handtaschen entwerfen: „In welchem anderen Job als in der Mode hat man die Möglichkeit, in so vielen schönen Städten unterwegs zu sein“, sagt Patrick Löwe. Zu zweit verbinde man auf diese Weise das Angenehme mit dem Nützlichen. Oder umgekehrt: „Allein würde es bedeuten, sehr viel Zeit ohne den Partner zu verbringen.“





Heike und Frank Lehnig
KEINE SCHWESTER

FotoS: Heike und Frank Lehnig

Eine Firma kittet keine Beziehung

Foto: Heike und Frank Lehnig
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Einen persönlicheren Namen für die gemeinsame Marke kann man kaum finden: Heike und Frank Lehnig haben drei Söhne, 19, 15 und zwölf Jahre alt. „Uns war das Geschlecht bei jedem Kind, das kam, nicht wichtig“, sagt Heike Lehnig. „Aber unser Umfeld, die Nachbarn, sagten jedes Mal: Wieder ein Junge, wieder keine Schwester.“ Also tauften die ausgebildete Logopädin und Fotografin und der Vertriebler ihr viertes Baby vor fünf Jahren auf diesen Namen: Keine Schwester.

„Wir haben überlegt, was wir zusammen gründen könnten, und unser gemeinsames Interesse ist Leder“, sagt Heike Lehnig. „Es war schnell klar, dass wir den Weg mit Taschen gehen wollen.“ Zum Sortiment gehören heute auch bunte Portemonnaies und Modelle wie diese Reisetasche, deren Innenleben so ordentlich strukturiert ist wie das eines Koffers.

Die Zeit vor der Gründung als Familie hätten sie – beide heute 50 Jahre alt – wie eine Testphase empfunden. „Wenn man merkt, dass man als Team gut funktioniert und mit alltäglichen Schwierigkeiten zurechtkommt, dann kann man sich das auch zutrauen.“ Die Aufteilung sei schnell klar gewesen: Sie verantwortet das Design des Produkts, seine Funktionalität im Alltag, seine Bedeutung in den sozialen Medien. Er kümmert sich um Beschaffung und Vertrieb.

Frank Lehnig arbeitet neben Keine Schwester auch weiterhin als Vertriebler für andere Unternehmen. Denn als Familie mit einem jungen Unternehmen ist die Existenzfrage nicht unerheblich. „Bei drei Kindern, die noch nicht durch sind, muss es diese Sicherheit geben“, sagt Heike Lehnig. Aus ihren früheren Berufen hätten beide allerdings gewusst, was es bedeutet, selbständig zu sein. „Es ist ein Rund-um-die-Uhr-Job, und es ist klar, dass man auch am Wochenende arbeitet“, sagt Frank Lehnig. Und noch etwas solle man sich ehrlich beantworten, bevor man den Schritt der gemeinsamen Gründung wagt: „Wie bei einem Kind ist eine Firma nichts, womit man Probleme kaschieren oder eine Beziehung kitten kann“, sagt Frank Lehnig. Und seine Ehefrau sagt: „Es gibt jeden Tag Konfliktpotential, und damit kann man nur umgehen, wenn man wirklich auf einer Linie ist.“





Esther Schulze-Tsatsas und Dimitrios Tsatsas
TSATSAS

Fotos: Tsatsas

Vorsicht vor der Zahnpastatube

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Dimitrios Tsatsas kommt aus dem Homeschooling des Sohns in die Zoom-Konferenz, und seine Frau Esther Schulze-Tsatsas ist so gleich bei den Vorteilen des gemeinsamen Arbeitens: „Wir können uns abwechseln und gegenseitig unterstützen, allein weil man weiß, dass der andere die Situation so gut versteht.“

Sie kennen es nicht anders: Die beiden lernten sich vor zwanzig Jahren im Job kennen, damals noch bei einer Designagentur. „Wir haben immer gut zusammengearbeitet und waren bis spät abends im Büro. Dann entstand der Gedanke mit den Taschen.“ Dimitrios Tsatsas’ Vater unterhält eine Taschenmanufaktur in Offenbach, eine Tradition in der Stadt. Dort produzierten sie ein erstes Modell, trugen es selbst, Freunde fragten, ob sie auch eines bekommen könnten, und so wagten sie den Schritt in die Selbständigkeit, gemeinsam. Dass die in Frankfurt ansässige Taschenmarke, die noch immer im familieneigenen Betrieb in Offenbach produziert, dabei seinen Namen trägt, ist für Esther Schulze-Tsatsas vollkommen in Ordnung. „Ich sage immer: Wir hätten die Taschen alternativ auch ,Schulze‘ nennen können.“

Er, 42, verantwortet das Design. Sie, 45, kümmert sich um Marketing, Sales, Vertrieb, Presse, Mitarbeiterkoordination. Unfaire Verteilung? „Gar nicht, ich habe ein Organisationsfaible.“ Wie in der Ehe, sagen sie, sei es auch in der Geschäftsbeziehung wichtig zu akzeptieren, dass der andere eben anders ist. „Wir haben nie versucht, uns gegenseitig zu verändern“, sagt Dimitrios Tsatsas. Man müsse aufpassen, dass man sich nicht in Kleinigkeiten wie der berühmten Zahnpastatube verliere. „Wenn man so anfängt, kann man nicht auch noch den ganzen Tag zusammenarbeiten.“

Nach Maori-Protest Keine Krawatten-Pflicht mehr in Neuseelands Parlament
Verkauf von Birkenstock Bald teurer, aber noch cooler?

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 14.02.2021 10:38 Uhr