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Modelabels aus Berlin : Zwischen Hier und Überall

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So entrückt von Identität und Personenkult wie der Name ist auch die Kollektion. Sie besteht aus normierten Basics, die von Arbeitskleidung und Uniformen inspiriert sind. Die aber sollen perfekt sein, sagt Isik, der zuvor mit Phi Berlin Schnittmacher für Berliner Labels war und seit vergangenem Jahr an der Modeschule AMD unterrichtet. „Wir wollen das Beste aus dem Einfachsten machen“, sagt er. „Statt an Formen zu experimentieren, wollen wir das Essentielle perfektionieren.“ Und das mithilfe von Testern, dem GmbH-Kollektiv, die in der Entwicklungsphase die Entwürfe ausprobieren und modifizieren.

„GmbH“ sieht sich als Modekollektiv unter der Obhut des Fotografen Benjamin Alexander Huseby und des Modedesigners Serhat Isik.
„GmbH“ sieht sich als Modekollektiv unter der Obhut des Fotografen Benjamin Alexander Huseby und des Modedesigners Serhat Isik. : Bild: Benjamin Alexander Huseby

Gegen alle Erwartungen an Cargo-Hosen und sperrige Lederjacken sitzen die Stücke tatsächlich überraschend gut an verschiedenen Körperformen. Noch wird jedes Teil in Berlin mit Reststoffbeständen hergestellt, die von anderen Modefirmen aufgekauft wurden. Und das, obwohl schon die erste Kollektion international geordert wurde. Wie das junge Label das geschafft hat? „Wir haben einfach sieben Shops rausgesucht, die wir haben wollten, und haben sie kontaktiert“, sagt Huseby. „Als wir kurz vor der Pariser Männermodewoche Rückmeldung bekamen, haben wir spontan eine Airbnb-Wohnung gemietet, in der wir nur eine Kleiderstange mit 20 Teilen hatten.“ Der Mut hat sich ausgezahlt, sechs der sieben Shops haben geordert, Mode-Hotspots wie The Store und Voo Store aus Berlin, Opening Ceremony aus New York und Los Angeles, Isetan aus Tokyo und LN-CC in London. Das langfristige Ziel aber ist alles andere als die Norm: „Wir wollen international als vollwertiges Fashion-Label anerkannt werden und zeigen, dass aus Berlin etwas kommen kann, was wirklich international erfolgreich ist“, sagt Isik.

Bless: Praktisch absurd

Als Modelabel kann man Bless gar nicht eingrenzen. Denn die Arbeit der Gründerinnen Ines Kaag und Desiree Heiss sowie ihres Kollektivs bringt Elemente aus Mode, Kunst, Produktdesign, Architektur und sozialer Praxis zusammen. Klar, dass sie mit einem solchen Konzept die Lebenswelten von Menschen hinterfragen. Die beiden Modedesign-Absolventinnen lernten sich 1993 bei einem Studentenwettbewerb in Paris kennen, begannen zusammenzuarbeiten und gründeten ihr interdisziplinäres Design-Studio vor genau 20 Jahren zwischen Berlin und Paris. Dass sie so lange durchgehalten haben, macht sie zu einer Institution.

Ines Kaag lernte ihre heutige Geschäftspartnerin Desiree Heiss 1993 bei einem Studentenwettbewerb in Paris kennen. Seitdem arbeiten sie zusammen.
Ines Kaag lernte ihre heutige Geschäftspartnerin Desiree Heiss 1993 bei einem Studentenwettbewerb in Paris kennen. Seitdem arbeiten sie zusammen. : Bild: Hersteller

Schon ihre erste Kollektion Nº00 zog internationale Aufmerksamkeit auf sich: Martin Margiela zeigte daraus in seiner Präsentation 1997 eine Pelzperücke. So wie diese seltsame Perücke bewegen sich die Objekte von Bless zwischen Funktionalität und Absurdität. Aus einer Bürste wachsen Haare, Besteck ist Schmuck, eine Hängematte aus Pelz. Und sie überdauern Saisons, weil sie jeweils auf zwischen 20 bis 2000 Stück limitiert sind und so lange verkauft werden, bis sie aus sind.

Im vergangenen Jahr wurde ihre Kollektion Nº56 Worker’s Delight, die sich mit der Büro-Arbeitswelt auseinandersetzt, im Vitra Design Museum gezeigt. Während der Pariser Modewoche im Oktober luden sie ihre Einkäufer einen Tag vor Beginn zu einer Art Schulausflug zur Ausstellung nach Weil am Rhein ein. Um sich weiter mit dem Verhältnis des Menschen zu seinen Ressourcen auseinanderzusetzen, arbeiteten sie in Nº57 Daycation mit dem Künstler Marc Brandenburg zusammen, dessen Prints tonale Zeichnungen von Stadtmüll, Plastiktüten von Discountern und Pappschilder von Bettlern zeigen.

Desiree Heiss und ihre Geschäftspartnerin zogen bereits mit der ersten Kollektion von „Bless“ internationale Aufmerksamkeit auf sich.
Desiree Heiss und ihre Geschäftspartnerin zogen bereits mit der ersten Kollektion von „Bless“ internationale Aufmerksamkeit auf sich. : Bild: Hersteller

Für Gesprächsstoff sorgen Bless gerade auch mit der Ausstellung „Costumes & Wishes for the 21st century“ mit den Künstlern Dominique Gonzalez-Foerster und Manuel Raeder im Berliner Schinkel-Pavillon und der Gruppenausstellung „Touch Deeper“ in der Münchner Halle „Lothringer13“.

Vielleicht ist es gerade dieses Unkonventionelle, das Bless seit vielen Jahren erfolgreich macht. Denn die beiden haben über die Jahre nicht nur mit internationalen Labels wie Weekday oder Longchamp kooperiert, sondern verkaufen Mode in mehr als 50 Läden auf der ganzen Welt, im eigenen Geschäft in Paris und in einer Shop-Wohnung in Berlin.

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