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Dior-Ausstellung in London : Die Operation Kniefall kehrt zurück

Eine geheime Modenschau für die Königin – klingt nach Hollywood, ist aber in den 50er Jahren tatsächlich passiert. In London zeigt nun eine Ausstellung Kleider des Designers: Christian Dior.

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          Nicht einmal die Models durften wissen, wer im Publikum saß. Es war das Jahr 1950. Etwas mehr als drei Jahre zuvor hatte Christian Dior in Paris ein Couture-Haus gegründet. Die Expansion war ihm schon in diesen frühen Tagen wichtig. Im Londoner Savoy-Hotel organisierte er eine Modenschau für die bessere Gesellschaft der Stadt. Aber damit war es nicht getan. Den gebuchten Models, die man nach der Schau zusammen im selben Hotel untergebracht hatte, wurde gesagt, sie könnten am nächsten Morgen ausschlafen. „Um acht Uhr wurden sie dann aber von den Dior-Mitarbeitern geweckt, es gebe doch noch einen Termin, einen streng geheimen“, sagt Oriole Cullen, die im Victoria & Albert Museum in London als Kuratorin tätig ist.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Erst dann erfuhren die Models, wohin es ging: in die französische Botschaft, zu einer Modenschau für die damalige Queen, also die spätere Queen Mum, Princess Margaret, Princess Marina, die Herzogin von Kent, und ihre Schwester Prinzessin Olga von Griechenland und Dänemark. „Sie wollten es unbedingt sehen, alles redete damals über Dior“, sagt Oriole Cullen. Besonders Prinzessin Margaret wird angetan gewesen sein. 1951, an ihrem 21. Geburtstag, trug sie eine Robe von Dior. „Die Schau war so geheim, dass sie sogar einen Codenamen hatte: Operation Révérence.“ Operation Kniefall.

          Das Kleid, das Prinzessin Margaret an ihrem 21. Geburtstag trug, ausgestellt im Victoria & Albert Museum in London.

          Fast sieben Jahrzehnte später erlebt die Operation Kniefall im V&A in London ein Comeback. In der Ausstellung ist auch das Bild zu sehen, das Cecil Beaton von ihr anlässlich ihres 21. Geburtstags aufnahm. Die große Ausstellung aus dem Musée des Arts décoratifs in Paris von vor zwei Jahren wird jetzt in London gezeigt, und zwar erweitert.

          Ein Teil der Ausstellung widmet sich nämlich Dior in Großbritannien. Auch nach der ersten Operation Kniefall hat das französische Modehaus hier seine Spuren hinterlassen. Das liegt unter anderem daran, dass Christian Dior dem Land freundschaftlich verbunden war: „Neben meinem Land gibt es kein anderes, dessen Lebensstil ich so schätze“, sagte er einmal. „Ich mag die englischen Traditionen, die englische Höflichkeit, die englische Architektur. Ich mag sogar die englische Küche.“

          London behielt wichtige Rolle

          Dior mochte Großbritannien aber wohl auch deswegen, weil er dort Geschäfte witterte. „Schon 1952 eröffnete er in New York und London Büros“, sagt Oriole Cullen. „Unermüdlich war er damit beschäftigt, neue Märkte zu erobern, zum Beispiel in Japan, Australien und Venezuela.

          Aber das Londoner Geschäft ist besonders interessant.“ An der Maddox Street in Soho wurden nämlich eigens Stücke für die Britinnen gefertigt, keine Couture, sondern erste Modelle von der Stange. Dabei bestand die Herausforderung darin, nicht das gleiche Kleid an Frauen im selben gesellschaftlichen Umfeld zu verkaufen. Ist trotzdem hin und wieder passiert. „Drei Frauen trugen mal das gleiche Kleid“, sagt Cullen. „Und eine hatte pikanterweise dafür viel mehr bezahlt als die anderen beiden.“

          Im Jahr 1960 begann das V&A, Christian-Dior-Entwürfe anzukaufen. Jetzt kommen sie endlich mal aus den Archiven. Es ist die größte Mode-Ausstellung seit Alexander McQueen in diesem Haus, das wie kaum ein anderes großes Museum der Welt auf Modeausstellungen spezialisiert ist. „Wir können uns glücklich schätzen, dass wir kein Kunstmuseum sind“, sagt Oriole Cullen. „So müssen wir uns nicht die Frage stellen: Ist Mode Kunst? Wir zeigen diese Ausstellung stattdessen im Rahmen unserer Design-Kompetenz.“

          Christian Dior, der schon 1957 starb, als sein Unternehmen gerade einmal elf Jahre alt war, konnte seine Londoner Mission nicht mehr erfüllen. Aber einem seiner Nachfolger im Hause Dior hat die Stadt seine Karriere erst ermöglicht. In den fünfziger Jahren hatte Marc Bohan in London gearbeitet, als dort schon die Jugendbewegung aufkam. Für ihn war das die beste Vorbereitung. Als der Designer 1961 in Paris als Kreativdirektor von Dior begann, war er schon lange im Zeitalter der sechziger Jahre angekommen.

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