https://www.faz.net/-hrx-7pg5d

Verlobungsringe : Wer kann dazu Nein sagen?

Der Theologe verlässt das Juwelier-Geschäft mit verpacktem Ring, geht nach Hause und lässt den Ring in der Schublade verschwinden - für mehrere Jahre.

Wie soll man auch wie selbstverständlich den richtigen Zeitpunkt für das Ritual einer Ringübergabe in Verbindung mit einer lebensentscheidenden Frage finden, wenn der Brauch in der eigenen Kultur kaum verankert ist?

Die amerikanische Tradition als Marketingkampagne

„Wir sind in der Hinsicht sehr vom angelsächsischen Raum geprägt“, sagt Bucherer-Direktor Steffen. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist die Tradition des Verlobungsrings mit Diamanten aus den Vereinigten Staaten in großem Stil nach Europa herübergeschwappt. In keinem anderen Land der Welt sei ein Ring mit Diamant zur Verlobung wichtiger als in den Vereinigten Staaten, das hat die Beratungsfirma Bain & Co. im vergangenen Jahr ermittelt. Bain & Co. rechnet damit, dass 80 Prozent aller Amerikaner im Jahr 2023 Heiratsanträge mit diamantbesetzten Verlobungsringen stellen werden.

Dabei gründet sich auch die amerikanische Tradition auf nicht mehr als eine findige Marketingkampagne. Die Wirtschaftskrise von 1929 hinterließ in den Folgejahren auch in der Branche der Luxusgüter ihre Spuren. Der Diamantenpreis war am Boden, Verlobungsringe drohten zunehmend unmodern zu werden. Die Diamantenfirma De Beers begann daraufhin eine umfassende Kampagne, die mit der Botschaft „A diamond is forever“ einen Nerv traf.

Wer sich heute einen Stapel Hochglanzmagazine vornimmt, findet ähnliche Anzeigen auch in deutschen Heften. Als hätte der Verlobungsring mit Diamant, nach den Folgen der jüngsten Wirtschaftskrise, Chancen, sich auch in Deutschland fest zu etablieren.

„Der Ring ist der Höhepunkt des Antrags“

Bei einigen Männern gehört er zum Antrag auch schon dazu. Der IT-Berater aus München zum Beispiel wurde nach der Suche erst im Internet, dann bei Christ und Wempe und am Ende beim amerikanischen Schmuckhaus Tiffany fündig. Seine Freundin trug damals kaum Schmuck, die beiden kannten sich zu der Zeit gerade einmal zwei Jahre. Immer wieder fragte der 32 Jahre alte IT-Berater sie beim Schaufensterbummel durch die Münchner Innenstadt nach ihrem Geschmack. „Sie hat wirklich nichts gemerkt, aber ich konnte mir aus ihren Erzählungen ableiten, dass ihr bestimmt ein klassischer Ring mit Diamant gefallen würde.“

Zwischen 3000 und 4000 Euro hat der Ring gekostet, „wenn sie das wüsste“, sagt der IT-Berater. Vier Tage vor Halloween holte er ihn ab, um ihn eigentlich zwischen Weihnachten und Sylvester zu überreichen. Dann hielt er es nicht mehr aus: Beim Abendessen legte er das kleine Päckchen neben einen Teller Crème brûlée, „mein Herz schlug bis zum Hals. Ich hatte mir alles genau überlegt, aber dann kam nur noch Gestammel heraus. Der Ring hat in der Situation geholfen.“

Auch der Klinikarzt aus Norddeutschland, der im vergangenen Jahr vor seiner Freundin niederkniete, sagt heute: „Der Ring ist der Höhepunkt des Antrags.“ Im Gegensatz zu dem IT-Berater wusste er, wie seine Freundin zu Schmuck steht. „Sie hat von Anfang an gesagt, dass ich ihr nicht mit Thomas Sabo kommen müsste“, sagt er. Ein Solitaire schied für ihn aus praktischen Gründen aus, „damit bleibt man ja ständig hängen“. Aber etwas Glitzerndes sollte es schon sein. Den mit Brillanten besetzten Ring suchte er an einem Samstagmorgen bei Tiffany aus, Seite an Seite mit Männern, die dort ebenfalls für den großen Moment einkauften.

Weitere Themen

So schmeckt die Zukunft! Video-Seite öffnen

Die Küche Westafrikas : So schmeckt die Zukunft!

Mit einem Stück Kochbanane ein komplettes Menü revolutionieren? Beflügelt durch Migration und Vernetzung entdeckt die Welt die Aromen Westafrikas. In London inspiriert das Restaurant „Ikoyi“ mit Spitzenküche aus der Region.

Die weiße Liebe der Deutschen Video-Seite öffnen

Kulturgut Spargel : Die weiße Liebe der Deutschen

Der Weißspargel gilt in Deutschland als eines der beliebtesten Saisongemüse, wohingegen im restlichen Europa meist grüner Spargel auf den Tisch kommt. Die Saison ist relativ kurz und endet jedes Jahr am 24. Juni.

Topmeldungen

„Die Zerstörung der CDU“ : Das Rezo-Video im Faktencheck

Klima, Wohlstand, Krieg und Protestkultur: Eine zornige Abrechnung wird zum Internethit. Was hält einer genaueren Betrachtung stand? Eine kritische Perspektive auf die vier zentralen Themen.

Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

Die neue linksliberale Partei „Wiosna“ (Frühling) des populären Politikers Robert Biedron mischt die politische Landschaft in Polen auf. Die Anhänger sind jung, nennen ihren Parteivorsitzenden „Robert“ und drängen auf einen Wandel in Polen – und Europa.
Eine Frau wirft in Erfurt einen Brief wird in einen Briefkasten der Deutschen Post AG.

FAZ Plus Artikel: F.A.Z. exklusiv : Das Briefporto steigt von 70 auf 80 Cent

Jetzt ist es raus: Der Standardbrief kostet künftig 10 Cent mehr. Auch alle anderen Briefarten werden deutlich teurer – die Postkarte sogar um ein Drittel. Nur ihre Großkunden verschont die Post zunächst.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.