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Ilaria Venturini Fendi : Wo sind nur die Jahreszeiten?

Ein Umweg über den Käse: Für ihre eigene Marke Carmina Campus recycelt Ilaria Venturini Fendi Müll Bild: Martin Mueller

Auch Designer haben ihren Job manchmal satt. Ilaria Venturini Fendi verließ die Luxusmarke, wurde Landwirtin - und fand als solche wieder zurück zur Mode. Heute verarbeitet sie vor allem Müll.

          Ausgerechnet sie. Ilaria Venturini Fendi, Enkelin von Edoardo und Adele Fendi, die im Jahr 1925 eine Werkstatt für Pelze und Lederwaren gründeten, und Tochter von Anna Fendi, die aus dem Haus mit den wertvollen Materialien später eine der führenden internationalen Luxusmarken machte, diese Ilaria Venturini Fendi steht an einem späten Septemberdonnerstag in einem hübschen Mailänder Hinterhof und spricht über Müll. Und über Mülltüten.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Müll und Mülltüten!“ Es bringt die Tochter der Fendi Dynastie selbst zum Lachen. Allerdings kümmert sie sich nicht um das Müllproblem in Neapel oder arbeitet neuerdings bei einer Recyclingfirma. Ilaria Venturini Fendi, heute in ihren Vierzigern, entwirft noch immer schöne Dinge. Aber zwischen den dicken bunten Pelzen, den feingearbeiteten Lederwaren des Traditionshauses Fendi und ihren eigenen Entwürfen liegen jetzt trotzdem Welten.

          „Blaue, graue und grüne Mülltüten“, sagt Fendi und zeigt auf eine Serie Taschen, die hier, im Showroom ihrer eigenen Marke Carmina Campus, in einem alt aussehenden Metallschrank stehen. „Das sind Platten von den Dächern alter Häuser, eine italienische Designerin fertigt daraus neue Möbel“, erzählt sie. Hier kommt also wirklich gar nichts weg. Unter Fendis Lockenkopf blitzt ein Paar Ohrringe hervor - alte Verschlüsse von Cola-Dosen. Die Italienerin hat sie so lange aufgehübscht, bis daraus Schmuck entstanden ist. „Sehen Sie, dieses Armband haben wir aus den Deckeln von kleinen Alkoholflaschen gefertigt.“ Gleich daneben steht ein großer Sitzsack - „der ist ebenfalls aus dem Material von Müllsäcken“. Müll und Mülltüten, das sind die Stoffe, aus denen Ilaria Venturini Fendi heute Mode macht.

          Eine Entschuldigung, Cola zu trinken

          Sie ist eine Aussteiger-Designerin. Plötzlich genug vom eigenen Beruf zu haben, das passiert nicht nur Köchen, die im Sternerestaurant hinschmeißen und auf den Bauernhof ziehen, oder ehemaligen Managern, die mit ihrer Abfindung ein ganzes Weingut kaufen. Auch Designer können ihren Job manchmal satt haben. So ging es vor gut zehn Jahren Ilaria Venturini Fendi. Deshalb gibt es jetzt Carmina Campus, ihre eigene Upcycling-Marke.

          Beschläge aus Böden von Limodosen

          Dass sich Fendi heute fast komplett von ihren eigenen Erzeugnissen ernährt, ist nur ein Hinweis auf ihr neues Leben. Die Tatsache, dass sie immer noch „eine Schwäche für Cola hat“, erinnert an ihr altes. Aber jetzt ergeben die Unterseiten von Cola-Dosen auf einer ihrer Taschen-Serien auch ein bizarr anmutendes Muster, eine neue Art des Metallbeschlags. „Heute bekomme ich die Materialien dafür von einer Recycling-Firma“, sagt Fendi. „Die Prototypen habe ich hingegen wirklich noch mit den Dosen gefertigt, die ich zuvor selbst ausgetrunken hatte. Eine Entschuldigung, sie überhaupt zu trinken“, lacht Fendi. Nur, die Limonade ist eben eine Ausnahme. Eigentlich kommt der Aussteiger-Designerin heute vor allem Bio-Ware auf den Tisch. Sie sieht das gar nicht als Trend, sondern als Lebenseinstellung.

          70 Hektar Land bei Rom haben sie sofort überzeugt

          Fendi ist jetzt so sehr Landwirtin wie Modemacherin. Noch in den neunziger Jahren hatte sie bei Fendi die jüngere Zweitlinie Fendissime geleitet. Auch nachdem der Luxuskonzern LVMH die Muttermarke im Jahr 2001 kaufte und die Linie Fendissime im Zuge dessen schloss, blieb sie im Unternehmen. Doch zunehmend sehnte sich die Fendi-Tochter nach Entschleunigung. Nach einem richtigen Frühjahr, nach einem Sommer, Herbst und Winter. Die Jahreszeiten der Mode haben damit nicht mehr viel zu tun. Die Zeit, in der die Ware für das Frühjahr und den Sommer aktuell ist, beträgt zum Beispiel gerade mal vier Monate, von frühestens März bis spätestens Juni. Eingezwängt ist die Phase von Resort und Pre-Fall, in denen ein Designer neue, besser verkäufliche, schneller verständliche Ideen liefern muss - ohne dabei die eigene Marke zu verwässern.

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