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On y va

Von ESTELLE MARANDON

21. September 2016 · Sie wollte nicht nur Postkartenmotive sehen: Unsere Autorin Estelle Marandon ist mit der Designerin Christelle Kocher losgezogen. Ein Tag in Paris.

Christelle Kocher ist keine Klischee-Pariserin. Die französische Designerin wuchs in der Straßburger Banlieue auf, wo Turnschuhe und Jogginghose den Ton angeben. Anschließend ging sie an die Londoner Kunsthochschule Central Saint Martins, um Mode zu studieren. Sie arbeitete für Sonia Rykiel, Dries Van Noten und Bottega Veneta und ist seit 2010 Kreativdirektorin der Maison Lemarie, einer Traditionswerkstatt für Federn und Seidenblüten, die zu den „Metier d'Art“-Ateliers von Chanel gehört. Außerdem unterhält die 37 Jahre alte Designerin ihr 2014 gegründetes Label Koche: Sie kombiniert venezianische Rüschenblusen mit schlabberigen Samtshorts, wirft Paillettenoberteile über dicke MoltonJogginghosen. Ach ja, und seit fünf Jahren ist sie außerdem meine Nachbarin. Eine Tour durch unsere Gegend, die Pariser Rive Droite.

© Estelle Marandon Christelle Kocher

7 Uhr – Parc des Buttes-Chaumont, 19e Arrondissement Der Wecker von Christelle Kocher klingelt um 6.30 Uhr. So wie eigentlich jeden Morgen. Denn die Jungdesignerin jongliert gerade mit drei Jobs gleichzeitig, ihre Zeit ist knapp bemessen. Zum Wachwerden trinkt sie eine Tasse heiße Zitrone, und dann geht es ab in die Sportklamotten. Tägliches Joggen im Parc des Buttes-Chaumont gehört für die ehemalige Hobby-Handballerin zum Pflichtprogramm. Der hügelige Park vor ihrer Haustür im 19. Arrondissement ist dafür bestens geeignet und außerdem einer der schönsten von Paris, findet Kocher. Um diese frühe Uhrzeit liebt sie ihn besonders. Fast ungestört kann sie ihre Runden durch die kleinen Wäldchen laufen und den Blick über die Dächer der Stadt genießen. Auch abends sei der Park zu empfehlen, sagt sie. Vor allem im Pavillon Puebla oder Rosa Bonheur treffe sie sich gern auf ein Gläschen mit Freunden.

Parc des Buttes-Chaumont, 19. Arrondissement (19e)
Pavillon Puebla, Avenue Darcel, 19e
Rosa Bonheur, 2 Avenue La Cascade, 19e

8.30 Uhr – Marché Place des Fêtes, 19e Arrondissement Ihre Wocheneinkäufe erledigt die Designerin für gewöhnlich an der Place des Fetes, nicht weit vom Buttes-Chaumont entfernt. Im Gegensatz zum verträumten Park hat die Gegend weiter westlich einen zweifelhaften Ruf. Sie ist von sogenannten cités, Problemsiedlungen, umgeben und alles andere als eine Schönheit. Doch Kocher stört das nicht. „Ich finde die Mischung gut“, sagt sie, während wir an den Marktständen vorbeischlendern. Anlässlich ihrer ersten Schau im September vergangenen Jahres lud sie die Modeleute in den Keller des Einkaufszentrums Les Halles. Einer der vielleicht unromantischsten Orte der Stadt, auch wenn Teile davon gerade renoviert wurden. Die nagelneue Canopee, ein lichtdurchlässiges Dach, und der davor liegende neu angelegte Park haben dem „Loch“, wie die Gegend vorher genannt wurde, zwar ein freundlicheres Gesicht verpasst. Doch im Keller ist bisher alles wie gehabt. Hier laufen fünf Metro-Linien und drei Vorort Züge zusammen, statt Luxuslabels nur Billig-Textilketten und Fast-Food-Läden. Auf dem Wochenmarkt der Place des Fetes kauft Kocher übrigens nicht nur Obst und Gemüse, sondern auch weiße T-Shirts für 2,50 Euro. „Meistens benutze ich sie, um Muster daraus zu schneiden, aber ich trage sie auch einfach so.“ So wie heute unter der hellblauen Rüschenbluse ihres eigenen Labels.

Place des Fetes, 19e

9.30 Uhr – Boulangerie „Du Pain et Des Idées“, Canal Saint-Martin Als Französin lege sie Wert auf gutes Brot, erzählt die gebürtige Straßburgerin. Dafür nehme sie auch Umwege in Kauf. Ihre Lieblingsbäckerei „Du Pain et Des Idees“ liegt an der Rue Yves-Toudic am Canal Saint-Martin, eine halbe Stunde Fußweg von der Place des Fetes entfernt. Das köstliche pain des amis sei die kleine Reise wert, meint sie. Und außerdem der Beweis, dass Franzosen nicht nur Baguette backen können. Das große Bauernbrot wird 30 Stunden lang gelagert, bevor es in den Ofen kommt, und hält sich mindestens eine Woche. Also machen wir uns auf den Weg durch das bunt gemischte Viertel Belle-ville hinunter zum Kanal, immer der Rue du Faubourg-du-Temple folgend mit den unzähligen chinesischen Boutiquen, die Mode zu Discounter-Preisen anbieten. Noch bevor wir die hübsche Bäckerei mit der hellblauen Wandverkleidung überhaupt sehen können, strömt uns ein betörender Duft von Brot in die Nase. Die Auslage ist ein einziges Schlaraffenland: Zitronen-Schnecken mit Nougat aus Montelimar, überbackene Brötchen mit Speck und Reblochon-Käse und natürlich das berühmte pain des amis als viertel, halbes oder ganzes Kilo. Mit zwei Cassis-Frischkäse-Schnecken verlassen wir glücklich das Geschäft und steigen in ein Taxi, das uns zu den Grands Boulevards bringt.

© Estelle Marandon

Du Pain et Des Idees, 34 Rue Yves Toudic, 10e

10.15 Uhr – Librairie du Passage Jouffroy, Grands Boulevards Hier, in einer mit Glas überdachten wunderschönen Passage aus dem 19. Jahrhundert, liegt die Librairie Jouffroy, ein Antiquariat, das sich ganz den schönen Künsten widmet. „An Orten wie diesen ruiniere ich mich regelmäßig“, sagt Kocher und hat schon ein paar große Bücher in der Hand. „Ein Buch über das Handwerk im sächsischen Königshaus, ist das nicht unglaublich? So ein spezielles Thema findet man nicht überall.“ Auch die Preise der Librairie Jouffroy sprechen für sich. Für nur 15 bis 20 Euro kann man hier wunderbar erhaltene Kunstbände erstehen. In der Passage befindet sich übrigens auch das Musee Grevin, ein spektakuläres Wachsfigurenkabinett. Kocher hat sich inzwischen in einen Bildband über Art-Deco-Schmuck in deutscher Sprache verguckt, entscheidet sich am Ende aber doch dagegen. Zu viel Gewicht: „Wir haben schließlich noch ein bisschen was vor.“

© Estelle Marandon

Librairie du Passage Jouffroy, 39 Passage Jouffroy, 9e

11 Uhr – Passage du Prado, 10e Arrondissement Von hier aus gehen wir ungefähr zehn Minuten zu Fuß zur Porte Saint Martin im zehnten Arrondissement, wo sie mir die Passage du Prado zeigen möchte. Ein versteckter Ort direkt an der Metro-Haltestelle Strasbourg Saint-Denis, den selbst viele echte Pariser nicht kennen. Die kleine Passage ist, abgesehen von dem frisch renovierten Art-Deco-Dach, ein wenig heruntergekommen. Hier gibt es viele afrikanische Friseure und kleine Handyshops. Der Duft von Marihuana liegt in der Luft, als wir durch die kleine Galerie spazieren. „Hier fand meine zweite Modenschau statt“, erzählt Kocher mit frechem Grinsen. Die Idee, eine Horde aufgebretzelter Modeleute an diesen eigenwilligen Ort zu schicken, hat ihr sichtlich gefallen. Und dem Publikum letztlich auch. Endlich einmal weg vom ewig öden Glamour gewöhnlicher Fashion-Shows, hinein ins echte Leben. Das Viertel rund um die Passage habe viele Gesichter, erzählt Kocher. „In den zwanziger Jahren gab es hier viele Stoffhändler, Hutmacher und Kurzwarengeschäfte. Erst in den sechziger Jahren wurde das Viertel so multikulturell wie heute.“ Bis es in den vergangenen Jahren zur angesagten Gegend avancierte. Coole Bars und Restaurants wie „Chez Jeannette“ oder das „52“ sind in unmittelbarer Nähe. Dennoch bleibt das Viertelpopulaire, wie man auf französisch so schön sagt. Was in diesem Zusammenhang nicht populär bedeutet, sondern eher volksnah. Das Gegenteil von bourgeois, wenn man so will.

© Estelle Marandon

Passage du Prado, 12 Rue du Faubourg Saint-Denis, 10e

12 Uhr – Vintage Clothing Paris, Le Marais Etwas schicker geht es da schon im Marais zu, einer der beliebtesten Shopping-Gegenden. Hier möchte Kocher einen Abstecher zu ihrer Freundin Brigitte machen. Deren Boutique Vintage Clothing Paris in der Rue de Crussol ist ein Paradies für Vintage-Freunde. „Brigitte mischt Kleider aus den zwanziger und dreißiger Jahren mit Stücken von Comme des Garçons oder Azzedine Alaïa. Auch tollen Schmuck findet man hier.“ Kocher geht akribisch alle Kleiderstangen durch, zögert bei einem weißen Mantel von Comme des Garçons, bis Brigitte einen beigefarbenen Trenchcoat unter dem Tresen hervorkramt.„Wolltest du den nicht haben?“, fragt sie Kocher. „Den von Issey Miyake? Sag bloß, den hast du noch mal bekommen?“ Sie ist begeistert und zieht ihn sofort über. Dass sie Kleidung für sich selbst einkaufe, sei selten, sagt sie, aber dieses Teil müsse sein. „Das meiste Geld gebe ich für Turnschuhe aus. Ich liebe Sportbekleidung und technische Materialien.“ Ihren Stil beschreibt sie als entspannt. Für sie muss Mode auch bequem sein. So wie ihre schwarze Hose, die sie heute anhat. Sie ist wie eine Basketball-Shorts geschnitten – und trotzdem mit Pailletten bestickt.

© Estelle Marandon

Vintage Clothing Paris, 10 Rue de Crussol, 11e

14 Uhr – Galerie Perrotin Von der Rue de Crussol überqueren wir zu Fuß den Boulevard Beaumarchais und spazieren weiter über die Rue de Turenne bis zur Nummer 76. Hier, in einem Stadtpalais, liegt die Galerie Perrotin, eine der bekanntesten Adressen für zeitgenössische Kunst in Paris. Zum Repertoire der Galerie gehören Superstars wie Damien Hirst, Xavier Veilhan oder auch Takashi Murakami, dessen Ausstellung noch bis zum 23. Dezember bei Perrotin läuft. „Mir gefällt natürlich nicht alles, was gezeigt wird, aber ich liebe zum Beispiel alle Werke der italienischen Künstlerin Tatiana Trouve, von der Skulptur bis zur Zeichnung. Und Bernard Frize, einen der großen zeitgenössischen Maler aus Frankreich.“ Neben der Mode gehört Kunst zu ihren Leidenschaften. „Gerade erst habe ich ein Bild des Fotografen Mehdi Meddacci gekauft, der fotografiert auch meine Kampagne. Seine Vision vom Körper ist von einer Poesie, die mich sehr berührt.“

Galerie Perrotin, 76 Rue de Turenne, 3e

15.30 Uhr – Music Please Record Shop, Belleville Wir verlassen das Marais und machen uns wieder zurück auf den Weg nach Belleville. In der Nähe der Place Sainte-Marthe befinden sich gleich zwei ihrer Lieblings-Plattenläden, Music Please und Ground Zero. Richtig: Zu Hause läuft bei ihr Musik auf Vinyl. Aber nicht nur, weil Schallplatten schöne Objekte sind. „Für mich hat das etwas Zeremonielles“, sagt sie. „Man sucht sich eine Platte aus, und wenn die A-Seite vorbei ist, muss man die B-Seite auflegen. Nicht wie bei MP3-Geräten, wo die Musik einfach nebenbei läuft.“ Auf eine bestimmte Musikrichtung will sie sich nicht festlegen. Dafür sei sie viel zu neugierig. Mal hört sie Cumbia, mal Hip-Hop, mal AvantgardeMusik wie Ariel Pink. Im Moment läuft bei ihr vor allem Rap der jungen Kanadierin Tommy Genesis und die R'n'B-Sängerin ABRA. Ein Sound, der auch bei ihren Modenschauen zu hören war.

© Estelle Marandon

Music Please Record Shop, 5 Rue Jean Moinon, 10e
Ground Zero, 23 Rue Sainte-Marthe, 10e

16.30 Uhr – Epicerie „Mon Oncle le Vigneron“, Belleville Wir überqueren den Boulevard de la Villette und laufen am Café „Chéri“ vorbei die Rue Rébeval hoch. Hier liegt die Epicerie „Mon Oncle Le Vigneron“. Zeit für einen Stop, um Rotwein und pâté au piment zu kaufen, das ist scharfe Fleischpastete. Sie liebe guten Wein und Essen, sagt sie, darin investiere sie gerne ihr Geld. Ihr Gemüse bestellt sich Kocher oft beim Star der französischen Gemüsebauern, Joel Thiébault. Fleisch kauft sie bei Hugo Desnoyer, ebenfalls eine Institution in Paris. Heute Abend habe sie vor, endlich einmal im „Achille“ an der Rue Servan essen zu gehen. Ein Top-Restaurant, das ihr Kumpel Svante Forstop gerade neu eröffnet hat und das sie unbedingt probieren möchte.

© Estelle Marandon

Mon Oncle le Vigneron, 71 Rue Rebeval, 19e
Achille, 43 Rue Servan, 11e
Hugo Desnoyer, 45 Rue Boulard, 14e
Joel Thiebault, Marche Avenue du President Wilson, 16e

© Estelle Marandon

16.45 Uhr – Cafe „KD“, Rue Pradier Zum Abschluss kehren wir noch einmal ein, in Kochers Stammcafe, das direkt gegenüber der Epicerie liegt. Sie begrüßt den Kellner mit Küsschen rechts und links und lässt sich zu einem Glas Rose überreden. So viel Zeit muss sein. Das „KD“ ist eines dieser typischen Pariser Cafés mit großer Theke und geflochtenen Bistrostühlen davor. So wie man sie hier an jeder Ecke sieht. Genau das mache seinen Charme aus, findet Kocher. Ein traditionelles Cafe, ohne viel chichi. Auch der französische Regisseur Abdellatif Kechiche geht hier übrigens ein und aus. Er wohnt auf der anderen Straßenseite.

KD Cafe, 1 Rue Pradier, 19e

17.30 Uhr – Kochers Wohnung, Buttes-Chaumont Den Tag beenden wir bei einem apéro in Kochers frisch renovierter Duplexwohnung, zwei Straßen weiter. Es gibt Wein und Pâté, bien sûr. Und am Ende dann doch noch ein waschechtes Postkartenmotiv, von ihrem Balkon aus: einen einmaligen Blick auf Sacré-Coeur.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 21.09.2016 10:15 Uhr