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Uhrenhersteller Breguet : „Frankreich war für Breguet einfach zu klein“

Damals: Napoleons Reiseuhr, die er im Jahr 1798 kaufte. Bild: Hersteller

Vor 200 Jahren kämpften Napoleon, Blücher und der Herzog von Wellington in der Schlacht von Waterloo. Eine Gemeinsamkeit hatten die drei aber – trotz aller Feindschaft.

          3 Min.

          Emmanuel Breguet, Sie sind Nachfahre des Gründers der Uhrenmarke Breguet und verantworten den historischen Teil des Unternehmens. Am kommenden Donnerstag jährt sich der Tag der Schlacht von Waterloo zum 200. Mal. Damals, am 18. Juni 1815, trugen alle drei beteiligten Feldmarschälle – Napoleon Bonaparte, Gebhard von Blücher und der Herzog von Wellington – Breguet-Uhren. War das ein Zufall?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das war Zufall und kein Zufall. Könige, Staatsoberhäupter und Botschafter waren damals Breguet-Kunden. Der Gründer, Abraham Louis Breguet, war sehr gut darin, seine Modelle in verschiedene Länder zu exportieren und so ein Netzwerk aufzubauen.

          War das damals eine Seltenheit?

          Für einen Uhrmacher, ja. Ich glaube, dass Breguet einer der ersten Uhrmacher mit einem so großen Netzwerk war. In anderen Bereichen, zum Beispiel in Porzellan- oder Kristallbetrieben, war es damals schon nicht mehr ganz so außergewöhnlich, zwischen Frankreich, Russland und Großbritannien vernetzt zu sein. Aber Frankreich war für Breguet einfach zu klein. Die Hälfte seiner Produktion ging damals schon von Paris aus ins Ausland.

          Woher wissen Sie eigentlich, dass Napoleon, Blücher und der Herzog von Wellington alle Breguet trugen?

          In unseren Archiven liegt ein Dokument aus der Zeit, auf dem alle drei Modelle ganz genau beschrieben sind. Neben der Beschreibung ist dort notiert, welcher Kunde welches Modell wann gekauft hat. Wenn wir behaupten, dass Napoleon im Jahr 1798 eine Uhr gekauft hat, dann könnte ich Ihnen diesen Auszug von damals zeigen, mit der Handschrift von Abraham Louis Breguet.

          Die drei Feldmarschälle einigten sich am 18. Juni 1815 darauf, das Feuer um 11.35 Uhr zu eröffnen. Wie genau waren denn damals deren Uhren?

          Die Uhren waren natürlich genau (lacht). Nicht ganz so genau wie heute, aber gut.

          Was waren das für Uhren?

          Taschenuhren mit Repetitionsschlagwerk, per Druckknopf wurde die Zeit mit einem Läuten signalisiert, ding, ding, ding, d-ding, d-d-ding.

          Breguet hatte wenige Jahre zuvor für die Schwester von Napoleon eine Armbanduhr entworfen. Wäre so etwas für einen Feldmarschall ausgeschlossen gewesen?

          Das war damals zu früh, so ist das ja oft mit Erfindungen. Wenn etwas zu früh auf den Markt kommt, braucht es Zeit, popularisiert zu werden. Breguet hat zwar zwischen 1810 und 1812 für Caroline Murat, Napoleons Schwester, die erste Armbanduhr überhaupt entworfen, aber die blieb jahrelang eine absolute Ausnahme. Erst um 1830 folgten weitere Modelle.

          Und richtig konnte sich die Armbanduhr erst knapp hundert Jahre später etablieren, oder?

          Ja, zum Massenprodukt wurde die Armbanduhr erst zwischen den zwei Weltkriegen. Noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts produzierten die Uhrmacher vor allem Taschenuhren und nur ganz wenige Modelle für das Handgelenk.

          Warum hat das so lange gedauert? Waren Armbanduhren damals einfach zu teuer oder auch gesellschaftlich nicht anerkannt?

          Schwer zu sagen, ich weiß es nicht. Jemand sollte darüber promovieren (lacht).

          Emmanuel Breguet

          Auf der einen Seite war Napoleon ein guter Breguet-Kunde, auf der anderen hat seine Politik Abraham Louis Breguets Geschäfte massiv eingeschränkt. Wie stand Ihr Vorfahre zu Napoleon?

          Am Anfang war die Beziehung zwischen den beiden gut; nicht nur Napoleon kaufte sehr früh ein paar Uhren, ab 1798, Jahre vor der Krönung zum Kaiser, sondern eben auch seine Geschwister. Das Problem war, dass Breguet ja schnell große Bekanntheit in Großbritannien und Russland erlangte, und nach 1810, als Napoleon Krieg gegen diese Länder führte, konnte er nicht mehr dahin exportieren. Um das Exportverbot zu umgehen, gründete er in Sankt Petersburg ein Tochterunternehmen, bis im Jahr 1811 französische Produkte in Russland komplett verboten wurden. In den letzten Jahren des Kaiserreiches wurde die Beziehung also sehr schwierig, Breguet hat sich damals auch beschwert. Der Zugang zum britischen Markt war verschlossen, zum russischen auch. Für einen Geschäftsmann war das damals ein ähnlich großes Problem wie heute ein Exportverbot nach China. Statt wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts etwa 200 Modelle pro Jahr zu produzieren, halbierte sich die Stückzahl.

          Napoleons ehemaliger Außenminister Talleyrand soll Breguet in dieser Zeit geholfen haben, indem er die Uhren heimlich ins Ausland schmuggelte.

          Talleyrand war sein ganzes Leben lang ein enger Freund von Breguet und eine sehr besondere Hilfe. Viele seiner Bekannten wurden Breguet-Kunden. Ein Beweis dafür ist zum Beispiel die Tatsache, dass während des Wiener Kongresses in den Jahren 1814 und 1815 fast alle Delegierten Breguet-Uhren bei sich trugen.

          Heute: Modell Breguet-Tradition

          Welchen Status hatte eine Uhr damals überhaupt?

          Selbst gewöhnliche Uhren konnten sich nur wenige Kunden leisten. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Taschenuhr in der breiteren Bevölkerung.

          Und welchen Status hatte konkret eine Breguet-Uhr?

          Selbst die einfachsten Uhren waren damals sehr, sehr teuer, es waren die teuersten zu der Zeit. Breguet richtete sich damit deshalb nur an eine ganz kleine Gruppe von Menschen.

          Wie teuer?

          Schwer zu sagen, in der lokalen Währung zu der Zeit, dem Goldfranken, waren das zwischen 2000 und 7000. Umgerechnet wären das heute wohl mehr als 100.000 Euro. Breguet hat damals mit rund 40 Handwerkern zusammengearbeitet, mit Zeigermachern, Zifferblattmachern und so weiter. Für eine gewöhnliche Uhr haben sie über zwölf Monate gebraucht, für Spezialanfertigungen wie die Armbanduhr für Napoleons Schwester sogar zwei Jahre.

          Wissen Sie, was mit Napoleons Uhr von der Schlacht von Waterloo passiert ist, nachdem er nach St. Helena gebracht wurde?

          Leider nicht. Von den drei Uhren, die Napoleon im Laufe seines Lebens gekauft hat, ist uns heute nur noch eine Reiseuhr geblieben. Die steht jetzt im Schweizerischen Nationalmuseum. Die zwei anderen Uhren sind verschollen, selbst die heutigen Nachfahren von Napoleon wissen nicht, wo sie sind.

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