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Uhren-Trends : Understatement am Handgelenk

Flach wie eine Flunder: Die CST-01 von „Central Standard Timing“ ist bislang noch ein Prototyp. Bild: Hersteller

Früher machte man sich gerne wichtig mit protzigen Uhren. Heute mag man es schlichter: Die neuen Uhren sind flach wie nie. Bei den Herstellern ist ein Wettlauf um das flachste Exemplar im Gange.

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          Vor einiger Zeit war ein alter Freund zu Besuch. „Schaut mal, ich habe mir eine neue Uhr gekauft, eine ziemlich teure“, meinte er plötzlich. „Auch als Geldanlage natürlich, ist doch besser als Tagesgeld.“ War es etwas Großes, Glänzendes, Protziges? Viele Knöpfe, viel Bling-Bling? Eine Männeruhr eben, mit der man zeigen will, was man hat?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          An seinem Handgelenk hing das genaue Gegenteil. Teuer war sie gewesen, das sah man ihr an. Aber sonst? Ein dezentes, schlichtes Gehäuse an unspektakulärem Lederband, klassisch, unaufgeregt, na ja, und irgendwie auch selbstsicher. Und wie flach die Uhr war! „7,4 Millimeter, Wahnsinn, oder?“ Er hätte all die weiteren Daten gar nicht herunterrattern müssen. Es war klar: Da ist einer mächtig stolz auf eine dünne Innovation.

          Flachste Automatik-Uhr: Das Gehäuse der Piaget Altiplano 43mm ist nur 5,25 Millimeter hoch.

          Schon lange schreitet die Verflachung voran. Jetzt hat sie auch die Uhrenmode erfasst. Früher, in Zeiten des Geltungskonsums, entsprach die voluminöse Uhr dem Statusbewusstsein, dem Geldbeutel und oft auch dem Bauchumfang ihres Trägers. Heute ist die Uhr flach wie der durchtrainierte Bauch ihres Besitzers.

          Alte Status-Insignien scheinen nicht mehr zeitgemäß

          Der Trend am Arm geht zum Understatement. „Mit einer ultraflachen Uhr will der Träger nicht sofort zeigen, was er hat. Er ist ein stiller Genießer feiner mechanischer Handwerkskunst“, meint Michael Klefoth, General Manager für Nordeuropa bei Piaget. Wie in anderen Konsumsegmenten gilt heute auch bei Uhren: Lieber den Ball flach halten, als mit protzigem Imponiergehabe am Arm unterwegs zu sein. Bei guten Autos gehört es schließlich mittlerweile auch zum guten Ton, den Hubraum nicht mehr stolz am Wagenheck auszuweisen.

          Bei Liebhabern und Rekordjägern waren flache Uhren schon immer begehrt. Auf Uhrenmessen raunten die Sammler einander neue Rekordwerte, bewunderungswürdige Komplikationen und andere Feinheiten der Uhrwerke zu. Doch jetzt ist die Flachheit wieder in der Breite der Mode angekommen wie zuletzt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als man schon einmal etwas auf dünne Eleganz hielt.

          Referenz 5940: Die Ultra-flat-Version von Patek Philippe ist nicht die flachste Uhr, aber eine der luxuriösesten.

          Das ist auch Ausdruck eines veränderten Selbstverständnisses. Die ersten zierlichen Armbanduhren wurden vor allem von Frauen getragen. Statusbewusste Männer führten ihre dickbäuchigen Taschenuhren umso grimmiger am Revers, weil ihnen die neuen Uhren am Handgelenk weibisch erschienen. Heute wiederum drückt sich politische Macht nicht mehr in Cohiba und Brioni aus, sondern es geht eher um die Farbe der Kanzlerinnenkette. Nicht einmal machtbewusste Männer scheinen alte Status-Insignien noch zeitgemäß zu finden.

          Schon länger ist bei den Luxusherstellern deshalb ein Wettlauf um die flachste Uhr im Gange. Derzeit kann sich Piaget damit rühmen, die flachste Automatikuhr der Welt zu bauen: Das Gehäuse der „Altiplano 43 mm“ ist nur 5,25 Millimeter hoch. Auch das Datums-Automatikwerk ist nach Angaben von Piaget das zur Zeit wohl flachste der Welt: Das Kaliber (Werk) 1208P misst nur 2,35 Millimeter Höhe. Die Uhr ist in Weißgold für 20.100 Euro zu haben.

          Der Trend geht zur Zweit-Uhr

          So viel Flachheit hat die Schweizer Traditions-Manufaktur Patek Philippe aus Genf nicht zu bieten. Dafür aber noch mehr Luxus: Die „ultra-flat“-Version des Ewigen Kalenders „Referenz 5940“ misst 8,5 Millimeter in der Höhe und kostet knapp 70.000 Euro; der Käufer erhält dazu aber auch ein kissenförmiges Gehäuse in 18 Karat Gelbgold und den Ewigen Kalender mit Zeigeranzeigen für Datum, Wochentag, Monat und Schaltjahrzyklus nebst Mondphasen. Dass man nicht die flachste Uhr im Markt hat, sieht man bei Patek Philippe entspannt. „Wir folgen keinen Trends, daher gibt es keinen Wettlauf um die flachste Uhr“, sagt Yannick Michot, Geschäftsführer von Patek Philippe Deutschland. „Wir bauen schon immer flache Werke, also flache Uhren. Das ist eine uhrmacherische Herausforderung. „Außerdem ist eine flache Uhr schön und elegant.“

          So flach wie fein: Die „Ballon Bleu Extraflat“ von Cartier ist nur 7,05 Millimeter hoch.

          Auch andere Hersteller führen längst Uhren mit flachen Gehäusen und variieren dafür gerne ihre Klassiker. So hat Cartier seine „Ballon bleu“, die seit 2007 im Programm ist, vor zwei Jahren um eine „Flat“-Variante erweitert. Nur 7,05 Millimeter ragt das Gehäuse der „Ballon bleu extraflat“ (19.100 Euro) in die Höhe; die normale „Ballon bleu“ bringt es auf immerhin 13 Millimeter. Im vergangenen Jahr lancierte Cartier zusätzlich die „Tank Louis Cartier XL Extraflat“ (11.800 Euro). Mit einer Höhe von nur 5,1 Millimetern ist sie die dünnste Cartier-Uhr überhaupt. Im Gegensatz zu Piagets „Altiplano 43mm“ mit Automatikwerk wird sie aber mit der Hand aufgezogen. „Im exquisiten Bereich haben flache Uhren einen besonderen Rang“, sagt Cartier-Nordeuropa- Chefin Patricia Gandji. Bei Männern komme hinzu, dass die Uhr oft ihr einziges Schmuckstück sei. „In den letzten Jahren hat sich der Trend entwickelt, mehrere Uhren zu besitzen, passend zu jedem Anlass.“ So manche flache Uhr ist eine Zweit-Uhr - wenn es am Abend mal dezenter sein soll.

          Der Schweizer Hersteller Hublot hat mit der „Classic Fusion Ultra Thin“ (ab etwa 13.500 Euro) eine Uhr im Angebot, die mit einer Gehäusehöhe von 8,3 Millimetern ebenfalls zu den sehr flachen Uhren im Luxussegment zählt. „Nach der Finanzkrise zeichnete sich in der Uhrenbranche eine Tendenz zu bescheidenerem Auftreten ab, verbunden mit einer Rückkehr zu traditionellen Werten“, sagt Philippe Roten, Director Sales und Retail bei Hublot. „Bei uns zeigt sich dieser Trend in der großen Beliebtheit der Classic-Fusion-Modelle, die sich auf die Wurzeln der Marke besinnen.“ Auch Frauen zeigten ein wachsendes Interesse an Technik. Daher werden heute weit mehr mechanische Damenuhren nachgefragt.

          Wie ein papierdünner Armreif um das Handgelenk

          Doch die flachen Uhren werden noch aus einem anderen Grund immer beliebter: „Sie stehen für das Können und die Präzision einer Uhrmanufaktur“, sagt Michael Klefoth von Piaget. Je flacher das Gehäuse, desto höher die Anforderungen an das Werk und die Präzision der Mechanik. Eine besonders flache Uhr ist deshalb immer teurer als eine höhere. Die wachsende Nachfrage nach flachen Uhren spielt vor allem den europäischen Traditionsmarken in die Hände. Als um 1970 die Quarztechnik aufkam, vorangetrieben vor allem von japanischen Unternehmen wie Seiko, gerieten mechanische Uhrwerke aus den europäischen Manufakturen ins Hintertreffen. Die Quarzkrise stürzte die europäische Uhren-Industrie in ihre bislang größte Krise. Seit die Mechanik-Uhr im Luxussegment eine Renaissance feiert und flache Uhren mit hohen Ansprüchen an Feinmechanik und Präzision stark nachgefragt werden, hat sich die Branche davon erholt.

          Flach und sogar günstig: Sieben Millimeter „Zeppelin-Flatline Ref. 7334-4“ kosten 200 Euro.

          „Dünn“ muss übrigens nicht zwingend „teuer“ und „klassisch“ bedeuten. Das will vom kommenden Jahr an das amerikanische Unternehmen „Central Standard Timing“ aus Chicago beweisen. Dessen Gründer Dave Vondle hat eine futuristische Armbanduhr entwickelt, die nur 129 Dollar kosten soll. Sie soll aus einem extrem dünnen Stück rostfreien Stahls hergestellt werden. Mit einem Gewicht von nur zwölf Gramm und einer Dicke von 0,8 Millimetern soll sie für lange Zeit die dünnste Uhr sein. Vorbild für die „CST-01“, die bislang nur als Prototyp existiert und wie ein papierdünner Armreif um das Handgelenk geschnallt wird, war die Textdarstellung auf elektronischem Papier bei E-Books. Die „CST-01“ wird mit einer hauchdünnen Batterie betrieben, die in zehn Minuten geladen ist und einen Monat halten soll. Knöpfe gibt es nicht, einstellen kann man auch nichts. Die Zeit wird über eine Basisstation eingestellt, die auch die Batterie der Uhr auflädt. Angezeigt wird die Zeit über ein „E Ink“-Display.

          Geheimtipp für Liebhaber und Pragmatiker

          Als Dave Vondle sein ungewöhnliches Projekt im vergangenen Winter gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Jearry O’Leary der Öffentlichkeit vorstellte, hatten sie eine große Vision, aber nicht genügend Geld. Doch der Prototyp der „CST-01“ überzeugte Uhren-Fans: Schon nach kurzer Zeit überstieg die Zahl der Vorbestellungen die Erwartungen. 200.000 Dollar benötigten Vondle und Leary, um die „CST- 01“ weiterzuentwickeln und erste Exemplare zu produzieren. Nach wenigen Monaten hatten sie bereits eine Million Dollar eingenommen.

          Anfang 2014 sollen die ersten „CST-01“, die den neuen Trend zur Flachheit auf die Spitze treiben, ausgeliefert werden. Sie könnten sich bei Uhren-Liebhabern und pragmatisch veranlagten Menschen zu einem Geheimtipp entwickeln. Schließlich gibt es auch einen ganz profanen Grund, auf eine flache Uhr zu setzen: Sie verschwindet besser unter dem Ärmel als ein dicker Chronograph. In Zeiten von Slim-Fit-Hemden kann man das nicht hoch genug schätzen.

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