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Über den Stil der Deutschen : „Sie sind heute neugieriger“

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„Die Deutschen haben doch Geschmack“: Giuseppe Santoni Bild: Hersteller

Kein Grund zur Sorge: Die Schweizer kleiden sich schlimmer als Deutsche, sagt Herrenschuh-Fabrikant Giuseppe Santoni – und braune Schuhe seien heute auch kein Problem mehr.

          Herr Santoni, Ihre Familie stellt seit Jahrzehnten in Italien Herrenschuhe her. Frauen wird nachgesagt, verrückt nach Schuhen zu sein. Das ist natürlich vor allem ein Klischee, aber kann dieses auch auf Männer zutreffen?

          Ja, unsere Kunden haben ein ähnliches Verhältnis zu Schuhen. Wir fertigen keine Schuhe, die andere kaufen, nur um darin zu laufen. Sie sind mehr vom Emotionalen als vom Rationalen geleitet.

          Hat sich dieses Kaufverhalten in den vergangenen Jahren stärker unter Männern herausgebildet?

          Die Dinge ändern sich langsam. Das ist sogar in einem Land wie Deutschland zu beobachten, das man ja auch als Land der Ingenieure bezeichnen könnte. Die Deutschen sind zwar sehr darauf bedacht, dass ihre Produkte funktional sind, aber ich beobachte, dass gerade die Männergeneration zwischen 30 und 40 mehr auf ihr Aussehen achtet. Wir haben zum Beispiel eine Kooperation mit AMG, der High-Performance-Marke von Mercedes. Und als die Mitarbeiter unsere Schuhe gesehen haben, fanden sie die richtig gut.

          Die Ingenieure?

          Die Deutschen verbessern sich gerade sehr. Als ich das erste Mal in Deutschland war, damals war ich noch sehr jung, da habe ich Männer mit weißen kurzen Socken gesehen oder mit kurzen Hemdsärmeln und dazu Krawatten. Vielleicht ziehen sich die Leute auf dem Land oder in Kleinstädten immer noch so an, aber wenn man sich heute in Großstädten wie München, Düsseldorf oder Berlin umschaut, sieht man, sie haben doch Geschmack.

          Die Italiener sind ihnen dennoch um Längen voraus, oder?

          Unsere Kultur ist von Schönheit geprägt; wenn man nach Rom kommt, ist das, als betrete man ein Freilichtmuseum. Von dieser Schönheit umgeben zu sein, von den Museen und der Architektur, färbt auf die eigene Ästhetik ab. Selbst in Süditalien, wo das Einkommen geringer ist, sieht man, wie wunderbar die Leute aussehen, weil sie Geld für Mode ausgeben. In Deutschland hingegen fahren Leute der Mittelschicht lieber ein schönes, teures Auto - da gibt es Leute, die fahren einen Porsche und ziehen sich sehr einfach an. Aber es geht noch schlimmer. Ich kann Ihnen Beispiele nennen von Schweizern. Keine Sorge, ihr habt nicht die am schlimmsten aussehenden Männer in Europa.

          In Deutschland ist es gerade unter Männern angesagt, auch mal typische Frauenaufgaben zu übernehmen. Sie entdecken ihre Leidenschaft für das Kochen oder nehmen Elternzeit. Meine Vermutung ist, dass sie sich auch mehr für Mode interessieren, weil sie unterbewusst glauben, es werde von ihnen erwartet.

          Natürlich, für gewöhnlich mögen es Frauen nicht, wenn sie sich um ihren Ehemann wie um ein Kind kümmern müssen. Heute leben ja viel mehr Leute allein. Wenn man so alleine wohnt, verliert die Familie automatisch an Einfluss.

          Man entwickelt ein anderes Gespür für die eigene Persönlichkeit. Bleiben Männer dabei denn so markentreu wie in der Vergangenheit? Wenn sie früher einmal eine Marke gefunden hatten, blieben sie für gewöhnlich dabei.

          Sie sind heute auf jeden Fall neugieriger, sie probieren mehr. Vor 15 Jahren waren wir zum Beispiel nicht auf dem deutschen Markt präsent, denn wohlhabende Deutsche trugen nur britische Schuhe.

          Welchen Anteil macht der deutsche Markt heute für Ihr Geschäft aus?

          Etwa acht Prozent.

          Wie in vielen anderen Ländern haben auch deutsche Kaufhäuser ihre Flächen für Schuhe in den vergangenen Jahren um ein Mehrfaches vergrößert. Warum ist gerade das Geschäft mit den Schuhen so interessant?

          Weil es das einzige Accessoire ist, das man aufträgt. Seine Kleidung trägt man niemals auf, aber seine Schuhe.

          Wie sieht denn der Herrenschuh für den Herbst aus?

          Ich mag Schuhe, die schwer sind. Für den nächsten Herbst haben wir deshalb viele Chukka-Boots in der Kollektion. Wir gehen davon aus, dass unser Kunde schon einen Grundstock an schlichten Schuhen besitzt, etwa einen schwarzen Monk, blaue und braune Schnürschuhe. Anschließend kann man sich etwas Besonderes kaufen.

          Wo Sie gerade von braunen Schuhen sprechen, wie stehen Sie zu der britischen Stilregel „No brown after six o’clock“?

          Oder „No brown in town“. Das ist eine veraltete Regel, solche sind nichts für unsere modernen Kunden, sondern eher für die von englischen Schuhen.

          Italiener tragen ja mit Vorliebe dunkelblaue Anzüge mit braunen Schuhen. Wie finden Sie die Mischung?

          Sehr gut. Am besten tragen Sie dazu noch einen braunen Gürtel und eine braune Krawatte.

          Was sind die wichtigsten Dinge, auf die man nach dem Tragen Ihrer Schuhe achten sollte?

          Das Beste, was Sie machen können ist, die Schuhe nach jedem Tragen über Holzschuhspanner zu ziehen und einzucremen. So hat die Creme Zeit, einzuziehen. Vor dem nächsten Tragen nimmt man dann einfach ein Stück Wolle und putzt einmal drüber. Schon sehen die Schuhe toll aus. Und stellen Sie die Schuhe niemals in die Nähe von Wärmequellen.

          Was sollte man noch niemals tun?

          Tragen Sie Ihre Schuhe nicht täglich. Wenn Sie sie nur einmal die Woche tragen, werden sie ewig halten, sofern es ein gutes Paar ist, natürlich.

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