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„Der große Drache Angst“ : Was geschieht, wenn man in eine seit Jahren ungeöffnete Handtasche blickt?

  • -Aktualisiert am

Was geschieht, wenn man in eine längst vergessene, seit Jahren ungeöffnete Handtasche blickt? Bild: F.A.Z

Das Innere der Handtasche bleibt ein Mythos. Ein Buch mit literarischen Texten von 21 Autoren widmet sich ihr nun. Ein Auszug.

          5 Min.

          Seit sechs Jahren stand die Tasche geschlossen im Flur. In einem bestimmten Moment war sie verschlossen worden und ging nicht mehr auf. Nicht, dass sie etwas Unnahbares verbarg, mit dem Umzug aus einer unnahbaren Stadt war sie verschlossen geblieben. Helen hatte die Tasche nicht mehr geöffnet, um die Stadt zu vergessen, die Stadt und die Arbeit, zu der sie mit der Tasche gegangen war. Es war keine Handtasche, vielmehr handelte es sich um einen unförmigen Rucksack. Eine Handtasche brauchte eine Dame, die sie ausführt. Als Dame wuchs man in feministischen Zeiten nicht auf, viel wichtiger war die Arbeit. Mit dem Rucksack war Helen zur Arbeit gegangen.

          Helen wusste nicht mehr, was sich im Rucksack befand. Er lag im Flur, wie ein vergessener Fleck. Eine Leerstelle, dachte sie, ein Wegweiser in ein fremdes Gebiet. Um den Rucksack herum bildeten sich Sumpfecken, weitere Objekte sammelten sich an. Stofftaschen mit doppelter Schlaufe, Tüten, Koffer. Seltsamerweise blieben die Gebilde ebenfalls verschlossen. Nicht, dass sie sich nicht öffnen ließen, sie lagen wie gelähmt da, als hätte der Rucksack einen Ring um sich gebildet, eine unnahbare Rucksackfestung, um die sich Gräben und Türme gruppierten.

          Helen vermied das Rucksackgebiet. Je weiter sie sich jedoch von der Stelle entfernte, desto näher rückte diese an Helen heran. Mit jeder Umgehung wuchs eine Angstlandschaft heran, die ihr zunehmend die Luft nahm. In ihren kühnsten Träumen hätte Helen Moor nicht erfinden können, dass ihr Leben einmal in einem Rucksacksumpf ein Ende nehmen würde. Allerhand Lebensbeendigungsvariationen hatte sie im Kopf zwar erprobt, nicht jedoch den Tod durch Rucksack. Etwas Bedrohliches ging von dem Rucksack aus. Wie viele Krisen hatte Helen in ihrem Leben heldenhaft überstanden, vor dem Rucksack fühlte sie sich hilflos.

          Das Innere der Handtasche bleibt ein Mythos – egal wie groß oder klein sie ist.

          Helen wusste, dass es im Grunde nicht um den Rucksack ging. Worum es jedoch ging, das umging sie. Wie die Stadt und die Arbeitsstelle hatte sie ihre Kindheit hinter sich gelassen. Die Kindheit war eine Art Morast gewesen, ein Sumpfgebiet aus Erpressungen, Streit, Beschuldigungen und dramatischen Ereignissen. Helen, von Natur aus ein helles Kind, hatte diesen täglichen Morast für normal erachtet und war Expertin für gefährliche Sumpfüberquerungen geworden. Einen Tag erstickte die Schwester fast, einen Tag starb der Vater beinahe, und immer lag etwas Dramatisches in der Luft, eine Bedrohung, die jederzeit ausbrechen konnte. Als Kind hatte Helen viel gesungen, Lieder hatten sie durch die schwere Zeit gebracht, bis alles zusammenbrach. Mit einem Mal war Helen verstummt. Etwas klemmte im Hals. Etwas hatte sich verriegelt, an das sie nicht mehr herankam. Ihr Mund lag stumm und festgesteckt, wie in der Zimmerecke. Mehrfach war Helen an ihrer verriegelten Zunge nachts fast erstickt. Versuche, das Atmen auszulassen, waren regelmäßig ins Leere gegangen.

          Überall drückte, zischte und dampfte die Angst

          Die Lähmung, die vom Rucksackgebiet ausging, war mit der Zeit auf Helen übergegangen. Tagsüber legte sie sich schlafen. Das Bett schien ihr ein letzter Rückzugsort, an dem sie sich von der Rucksackbedrohung erholen konnte.

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