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Twiggy wird 70 : Das Gesicht einer neuen Zeit

Twiggy im Alter von 16 Jahren auf ihrem Weg zur Model-Ikone Bild: Allstar Picture Library

Mit ihrer zierlichen Statur, den auffällig geschminkten großen Augen und ihren Miniröcken prägte Ur-Model Twiggy ein Schönheitsideal – bis heute. Nun feiert die Stil-Ikone ihren 70. Geburtstag.

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          Alles in ihrem Leben war Durchschnitt. Und nichts sollte durchschnittlich bleiben, nachdem Lesley Hornby im Januar 1966 den Friseursalon von Leonard Lewis im wohlhabenden Londoner Stadtteil Mayfair aufgesucht hatte. Sie war Schülerin, wohnte mit ihren Eltern und zwei Schwestern in einem Vorort. „Wir waren weder arm noch reich, mein Vater war Zimmermann, meine Mutter war zu Hause“, sagte sie dem F.A.Z.-Magazin vor zwei Jahren. „Dann änderte sich von einem Tag auf den anderen alles.“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Friseur schnitt ihr die langen Haare ab und färbte sie. Für ihn war es ein Experiment, das er fotografisch festhielt und in seinen Salon hing. Für sie bedeutete es den Beginn einer Karriere, denn bald darauf entdeckte eine Redakteurin des „Daily Express“ das Foto und erklärte Lesley Hornby auf einer Doppelseite zum „Gesicht von 1966“. Und für die Welt prägte es ein neues Schönheitsideal, das nie wieder verschwinden sollte.

          Lesley Hornby war wie geschaffen, um als idealtypische Vorlage der vielen Jugendlichen der Babyboomer-Generation zu dienen. „Plötzlich gab es diese Jugend-Explosion, und dafür brauchten sie junge Models. Die meisten waren über 20 und passten nicht mehr so gut in die Zeit. Selbst Jean Shrimpton, die mein großes Idol war und mit deren Bildern ich meine Wände tapeziert hatte, passte nicht zu den sehr jungen Kleidern.“

          Lesley Hornby passte umso besser, mit einem Look wie nicht von dieser Welt: große Augen, Stupsnase, dünne Beine. Und mit einer Biographie, die mit der typischen Model-Vita brach. Bis dahin kamen Models wie selbstverständlich aus besserem Hause. Mit der Jugendbewegung aber wurde die Straße zum Ort des Geschehens. „Selbst in unserem standesbewussten England war es dann angesagt, ein Kind der Arbeiterklasse zu sein.“

          Für die Zeitschriftencover: Das Model Twiggy im Jahr 1967 Bilderstrecke

          Twiggy, die Vorläuferin von Moss, Miller und Chung

          Zum Look und zum Leben, das sie in den ersten 17 Lebensjahren geführt hatte, kam die Tatsache, dass Twiggy („Zweig“), wie man sie in der Schule schon wegen ihrer zierlichen Statur genannt hatte, zur richtigen Zeit am richtigen Ort war – in Großbritannien, von wo auf einmal alles Neue kam. Was man auch in den Vereinigten Staaten registrierte. Das Magazin „Time“ titelte im selben Jahr „London: The Swinging City“, wegen einer Band wie den Beatles, wegen einer Modedesignerin wie Mary Quant, eines Friseurs wie Vidal Sassoon – und eben ihretwegen. Sie war das Gesicht einer neuen Zeit.

          Twiggys Schulleiterin in Neasdon brauchte eine Weile, um das zu erkennen. Sie sei außer sich gewesen, als sie hörte, dass sie hingeschmissen hatte. „Wenige Monate, bevor ich die Mittlere Reife gehabt hätte.“ Dem Vater habe die Lehrerin einen Brief geschrieben, „dass wir einen schrecklichen Fehler machen“.

          Twiggy aber stand längst vor einer anderen Art von Reifeprüfung – die Schauen in Paris standen an, ein Shooting mit dem Fotografen Bert Stern für die amerikanische „Vogue“, ein Termin mit deren damaliger Chefredakteurin Diana Vreeland.

          Sie machten Twiggy zum Ur-Model, das ein Schönheitsideal prägte – möglichst jung, möglichst dünn –, das sich bis heute hält. Lange bevor Stilikonen, It-Girls und Influencerinnen existierten, gab sie vor, was man zu tragen hatte, damals war es natürlich der Minirock. Bis heute kommen überdurchschnittlich viele ihrer Nachfolgerinnen aus Großbritannien, zum Beispiel Kate Moss, Sienna Miller oder Alexa Chung. Auch das hat das Land zu einem nicht unerheblichen Teil ihr zu verdanken.

          Mit Unterstützung der halben Welt wurde aus Lesley Hornby innerhalb von wenigen Jahren ein Mythos, eine Marke, wie man heute sagen würde. Das Bild, das sie aus sich und das man sich von ihr machte, war so stark, dass Hornby ihm nicht entwachsen konnte: Die Mitbegründerin des Jugendwahns scheint nicht zu altern.

          Wer an Twiggy denkt, der hat das Bild eines jungen, dünnen Wesens im Kopf, obwohl die Frau später durchaus weiter in der Öffentlichkeit erschien. Das Modeln ließ sie schon nach fünf Jahren sein. Sie arbeitete als Schauspielerin, Sängerin, Unternehmerin und gab sich bodenständig. Anders als Claudia Schiffer, Naomi Campbell oder Kate Moss erzählte sie in Interviews freimütig aus ihrem Leben, und wenn es auch nur darum ging, wie sie den Garten umgräbt. Der Welt aber blieb ein anderes Bild von Twiggy im Gedächtnis. Die Frau, die den Jugendwahn mitbegründete, muss ewig jung bleiben, auch wenn sie heute 70 Jahre alt wird.

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