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Trendanalyst über Konsum : „Wir glauben, dass Konsum uns gesellschaftlich und beruflich voranbringt“

  • -Aktualisiert am

Wir haben die Kontrolle über unseren Konsum verloren. (Symbolbild) Bild: dpa

Carl Tillessen gibt mit „Konsum – Warum wir kaufen, was wir nicht brauchen“ sein Buchdebüt. Im Interview spricht er über die Zukunft des Konsums – und erklärt, wie wir aus der Kauffalle herausfinden.

          5 Min.

          Herr Tillessen, Sie vertreten die These „Man muss die Zukunft antizipieren, um auf die Gegenwart vorbereitet zu sein.“ Also: Wo führt uns dieser Konsum noch hin?

          Die globale soziale Ungerechtigkeit, die die Voraussetzung für unseren derzeitigen Konsum ist, wird sich nicht unbegrenzt aufrecht erhalten lassen. Wir können ja nur so schnell, so viel und so oft konsumieren, weil die Dinge für uns so günstig sind. Sie sind für uns aber nur deshalb so günstig, weil sie mithilfe von moderner Sklaverei hergestellt werden. In dem Moment, in dem diese moderne Sklaverei – auf dem einen oder anderen Weg – zu einem Ende kommt, wird auch der Konsum, so wie wir ihn jetzt kennen, nicht mehr möglich sein.

          In Ihrem Buch heißt es: „Wir haben die Kontrolle über unseren Besitz verloren. Wir brauchen Hilfe. Professionelle Hilfe!“ Sind Sie die neue deutsche Marie Kondō, um Ordnung und Klarheit in unser Gehirn zu bringen? 

          Nein, so sehe ich mich überhaupt nicht. Ich fühle mich unwohl damit, anderen Leuten zu sagen, was sie tun sollen. Der Ausgangspunkt des Buches war, mein Wissen zu teilen und dem Leser die Tragweite unseres Konsums bewusst zu machen. Auf der anderen Seite wäre es aber auch nicht richtig, den Leser aufzurütteln und ihn dann alleine lassen. Deswegen habe ich ein paar Richtungen vorgegeben, wie man mit den Informationen umgehen kann. Ich habe mich bemüht, dem Leser die nötigen individuellen Spielräume für die Umsetzung dieser Anregungen zuzugestehen und auch nur Dinge vorzuschlagen, bei denen die realistische Möglichkeit besteht, dass diese tatsächlich umgesetzt werden.

          Carl Tillessen ist Trendanalyst, Berater, Autor, Designer und Dozent für Mode.
          Carl Tillessen ist Trendanalyst, Berater, Autor, Designer und Dozent für Mode. : Bild: Martin Mai

          Warum müssen wir überhaupt aufhören zu konsumieren? Uns geht es doch eigentlich gut damit, oder?  

          Ja, und das ist genau das Problem. Die Schäden, die wir mit unserem Konsum anrichten, werden entweder nur zeitlich verzögert für uns spürbar oder sind geografisch zu weit von uns entfernt, sodass wir im Moment noch gar nicht genug Leidensdruck empfinden, um unser Verhalten zu ändern. Wir machen nur deshalb einfach immer so weiter wie bisher, weil es für uns so leicht ist, die Konsequenzen unseres Handelns zu verdrängen. Wenn man sich diese Konsequenzen bewusst machen würde, würde man nämlich zu dem Entschluss kommen, dass man das so nicht mehr will.

          Kennt Konsum überhaupt Grenzen? 

          Im Moment nicht. Wir sind evolutionär darauf programmiert, uns alles anzueignen und zu sammeln, was wir kriegen können. Dieser Urtrieb kann nur durch eine rationale Anstrengung und durch Disziplinierung beherrscht werden.

          Konsum bedeutet gleichzeitig auch Macht, und wir wollen mehr! Bringt uns dieser Konsum in eine gottgleiche Position?

          Das Bedürfnis nach Teilhabe und Macht ist eng mit Konsum verbunden, insbesondere mit niederschwelligem Konsum. Je effizienter die Technologien werden und je einfacher es für uns wird, mit einem Fingerklick eine Bestellung auszulösen, die innerhalb immer kürzer werdender Zeit bei uns ankommt, werden wir uns immer mächtiger fühlen. Selbst wenn wir nicht alles kaufen oder bestellen, gibt uns das bloße Wissen um die unbegrenzten Konsummöglichkeiten ein enormes Gefühl der Ermächtigung.

          Es gibt aber auch Menschen, die sich nur günstige Kleidung leisten können. Die werden in Ihrem Buch nicht erwähnt. Ist Konsum vielleicht nicht für jeden in unserer Gesellschaft gestaltbar? Und stecken arme Menschen demnach in der Konsumfalle?

          Eine spannende Frage, inwieweit die Forderung nach bewusstem, ethischem oder nachhaltigem Konsum elitär ist. Um die Band Kraftklub zu zitieren: „Mit 390 Euro Hartz kommt man nicht weit im Biomarkt.“ Das stimmt natürlich einerseits, andererseits gibt es Studien, die zum Beispiel zeigen, dass sich selbst in der Bevölkerungsgruppe mit dem niedrigsten Einkommen jeder Zehnte mindestens einmal im Monat neue Klamotten kauft. Solche und ähnliche Zahlen zeigen, dass es selbst in der untersten Einkommensschicht einen Spielraum gibt, für weniger aber besseren Konsum. Selbstverständlich ist dieser Spielraum kleiner als in den oberen Einkommensschichten, er ist aber quer durch unsere Gesellschaft vorhanden.

          Sie schreiben: „Besorgten Umweltschützern fällt bisher jedenfalls nichts Besseres ein, als mit erhobenem Zeigefinger zu einer Mäßigung des Konsums zu mahnen. Eine körperliche und seelische Abhängigkeit kuriert man aber eben nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern mit einer Therapie.“ Müssen wir jetzt also alle in Therapie?

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