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Blick auf die Fesseln : Es zählt die Lücke

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Geschnürt, gekrempelt: Die Blicke haften jetzt am Knöchel. Dahinter steckt aber mehr als purer Narzissmus ihrer Besitzer. Bild: plainpicture/Rajkumar Singh

Viele Frauen zeigen jetzt nackte Fesseln her, obwohl der Frühling gerade erst anfängt. Der Trend erobert die deutschen Großstädte. Wie konnte es dazu kommen?

          Es ist eine magische Stelle, und seit Jahren ist sie im Gespräch. Der Knöchel, das obere Sprunggelenk. Die Mode tut alles, um sie zu betonen, diese Stelle. Und angesichts der Fülle von Variationen genügt es wohl kaum, von einem Trend zu sprechen. Schon eher handelt es sich um eine chronische Verliebtheit, eine Fixierung. Man kann von einer regelrechten Vernarrtheit sprechen: Jeans werden hochgekrempelt, die Knöchel durch Slingpumps betont. Zu den High Heels trägt man Socken. Der Sport verbündet sich mit der Anmut und Sinnlichkeit des Rokokos. Diese Kombination ist liebenswert und glamourös.

          In den meisten aktuellen Kollektionen ließe sich in diesem Sinne etwas finden. Etwas Unbekümmertes schwingt in der Attitüde, wie bei Chanel, wo das Sprunggelenk wie mit weißem Tapeband umwickelt erscheint. Die Gangart dazu ist stabil, selbstbewusst. Bei Loewe wird das Sprunggelenk mit einem farblich kontrastierenden Schaft aus Wildleder aufgeführt, bei Salvatore Ferragamo akzentuiert man es in Gladiatorenstärke. Bei Fendi sehen, um das schöne Wort von den „Tennisstrümpfen“ aufzunehmen, die Stiefelchen für dieses Frühjahr so aus, als gehe es vornehmlich darum, jedes Gramm Aufmerksamkeit an einer Stelle zu konzentrieren.

          Das Sprunggelenk wie mit weißem Tape umwickelt bei Chanel Bilderstrecke

          Nicht nur bei Gucci übliche Hochwasser der Siebenachtel-Hosen

          Der springende Punkt dabei ist die Gegend der Fessel, die übrigens zum Bein gehört und nicht zum Fuß. Sie bietet reiche assoziative Möglichkeiten. Ihre Aura ist stark und für die gesamte Silhouette prägend. Sie lässt sich hemmungslos deuten. Und das geschieht auch. Seit einigen Monaten und auch winters kursieren die Interpretationen zum sogenannten „Flanking“. Dabei wird die Nacktheit des Knöchels als Bekenntnis zu einer radikalen Fitnesskultur verstanden. Der Knöchel spiegle die genetische Ausstattung wider. Hier helfen weder Diät noch Gymnastik. Die Fessel sei also ein unverrückbares Faktum. Und die schlanke Fessel deshalb ein schlagender Beweis für die Qualität der Beine, sprich für die Erlesenheit des weiblichen Körpers. Sogar an den Sklavenmarkt wurde dabei erinnert.

          Anderswo, im Wiener „Standard“ beispielsweise, finden Autoren demgegenüber eine gesellschaftskritische Lesart. Die nackte, selbst im Winter frei gelassene Haut sei als trotziger Kommentar auf die Kälte einer globalisierten Konkurrenz zu werten. So viel Witz habe man der Mode gar nicht zugetraut.

          Nein, die Mode ist nicht dumm, und mit Respekt: Das Zutrauen hätte sich vermutlich weiter gesteigert, würden auch andere Gesten und Erscheinungsformen rund um die Fessel einbezogen. Da wären die erwähnten Tennisstrümpfe und das nicht nur bei Gucci übliche Hochwasser der Siebenachtel-Hosen. Die Jogginghosenbündchen sind zurück, deutlich subtiler als in den Achtzigern. Nicht zu vergessen sind die Federn und Schnürungen der Schuhe auf Sprunggelenkshöhe. Sie alle tun ihr Bestes, um die Blicke zu bündeln und die Phantasien anzuregen.

          Mal sinnlich und kraftvoll, mal nahbar und verletzlich

          Es kann einem jede Menge einfallen. Bilder und Geschichten ranken sich um die Fessel wie Efeu. Die Phantasie geht spazieren und trifft zum Beispiel das Gemälde des Genfer Pastellmalers Jean-Étienne Liotard, auf dem die Wiener Kammerzofe Annette Baldauf zu sehen sein soll. Im Dreiviertel-Profil ist die niedliche Erscheinung porträtiert. Der Teint ist makellos rosig, die Haltung aufrecht. Die junge Dame balanciert ein Tablett, darauf ein Glas Wasser und eine Tasse Kakao. Ihre Füße stecken in Schuhen mit den für das 18. Jahrhundert typisch geschwungenen Régence-Absätzen und könnten Karl Lagerfeld inspiriert haben. Sofort stellt man sich das vor. Wie sich die ganze hübsche Person anmutig und sicher durch den Raum bewegen wird. Der gestärkte Rock wird beim Gehen hin und her schaukeln und die Fesseln freigeben.

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