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Streifen-Klassiker : Hier läuft zurecht was quer

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Der Exportanteil der Produkte von Saint James, die wie wenige andere repräsentativ für Frankreich stehen, liegt derzeit bei etwa 40 Prozent. Besonders die Japaner lieben die Shirts der Franzosen, und auch in Südkorea unterhält die Marke acht Läden. Seit mehr als 30 Jahren produziert das Unternehmen im Regierungsauftrag gestreifte Pullover für die Marine, seit 2014 auch dunkelblaue für die Polizei. Diplomaten verschenken Saint-James-Produkte als Gaben an ausländische Botschafter. Ab Oktober werden die Streifenshirts auch auf Mittel- und Langstreckenflügen im Bordshop von Air France verkauft.

Die Feinarbeit funktioniert immer noch am besten von Hand

Wie ein so kleines Unternehmen diese Quantitäten stemmt? Natürlich wird das meiste heute an modernen, computergesteuerten Strickmaschinen erledigt, aber auch mechanische sind noch im Einsatz. „Eine Maschine kostet etwa 100.000 Euro“, sagt Caroline Collin. „Deshalb behalten wir die alten auch, solange sie funktionieren.“ Vier bis sechs dieser Maschinen werden parallel ständig kontrolliert: von sogenannten Bonnetiers, Mitarbeitern, die, wie Collin sagt, „die ‚Saint-James-Augen‘ haben und sofort erkennen, wenn etwas nicht stimmt“. Bei Fehlern wird das Produkt gekennzeichnet und später ausgebessert, in der Raccoutrage. „Wir werfen so gut wie nichts weg.“ Um Verschnitt zu vermeiden, werden die Pullover anstatt in Stoffbahnen gleich in der richtigen Schnittform gestrickt, die anschließend zugeschnitten werden. Garnabfälle werden recycelt und beispielsweise als Füllung für Kuscheltiere verwendet.

Wenn die Bonnetiers die Augen von Saint James sind, sitzen in der Raccoutrage die Hände. Hinter Glasscheiben sieht man die Frauen Strickfehler ausbessern, mit Nadeln winzige Fäden aus dem Stoff ziehen und Unebenheiten versäubern. Hier geht es um Konzentration. Auch das Vernähen des Rumpfteils mit dem Kragen ist ein Akt der Geduld: Der Rumpf wird auf eine runde Nähmaschine gezogen, deren Rand mit Spitzen versehen ist. Masche für Masche wird über die Spitzen gelegt, anschließend geschieht das Gleiche noch einmal mit den Kragen. Ist alles korrekt übergezogen, wird maschinell vernäht. „30 Prozent der Leute, die diesen Posten besetzen, geben in den ersten drei Monaten auf“, sagt Collin. Und: „Die Wolle lebt“, weshalb im Fertigungsraum konstant eine Temperatur zwischen 23 und 25 Grad Celsius herrscht. Die Luftfeuchtigkeit liegt immer bei 70 Prozent – sonst kann es passieren, dass sich die Wolle verzieht. Das könne, je nachdem, bis zu zehn Prozent ausmachen: Bei einer Breite von 60 Zentimetern bedeute das beispielsweise bis zu drei Größen Unterschied. Daher wird jeder Pullover von Saint James so hergestellt, dass er erst einmal zu groß ist. Bei der maschinellen Wäsche wird er dann kontrolliert zum Einlaufen gebracht, damit es später nicht mehr zu bösen Überraschungen kommt.

Die Führung endet an diesem Tag an der Falt- und Verpackungsmaschine. Pünktlich dazu ertönt das Pausenzeichen in der Fertigungshalle. Die noch übrigen Arbeiterinnen und Arbeiter begeben sich zum Mittagstisch. Jetzt im Sommer haben viele der Angestellten schon Ferien. In der nächsten Woche beginnt der Betriebsurlaub für alle, dann stehen die Maschinen in Saint James zur Reinigung und Wartung still. Allerdings nur eine Woche lang, dann wird weiter gestrickt. Der Bedarf an Marinières aus der Normandie ist ja da. So wie schon vor über hundert Jahren in Deauville.

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