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Streifen-Klassiker : Hier läuft zurecht was quer

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Noch immer werden die Originale in Frankreich gestrickt

1858 wurde ein Dekret erlassen, dass die Matrosen der französischen Marine sich einheitlich zu kleiden hatten: Sie trugen von nun an gestreifte Wollshirts unter ihren Segeltuchhemden. Das Rumpfteil musste dabei 21 weiße Streifen haben und 20 oder 21 blaue, dazu 14 weiße Streifen an den Ärmeln. Dabei maßen – und messen bis heute – die blauen Streifen einer echten Marinière exakt zehn Millimeter und die weißen 20. Angeblich sollte die Anzahl der Streifen auf die Siege Napoleons über die Briten verweisen. Sicher ist, dass die abwechselnde Farbgebung es einfacher machte, einen über Bord gegangenen Seemann zu entdecken, und dass das Färbemittel Indigo damals teuer war, weshalb es ökonomisch sinnvoll gewesen sein könnte, die Farbe abzuwechseln.

Die Pullover wurden dabei so engmaschig gestrickt, dass sie fast wasserundurchlässig und gleichzeitig isolierend waren – sozusagen der Vorläufer der „performance wear“. Perfekt im feuchten Klima der Normandie, selbst wenn es ausnahmsweise mal nicht regnet.

Die Pullover wurden dabei so engmaschig gestrickt, dass sie fast wasserundurchlässig und gleichzeitig isolierend waren.

Bis heute werden die Pullover der Kollektion L’Atelier so gestrickt: Bis zu 23 Kilometer Garn fließen in einen Pullover, bis zu 15 Tage wird an einem Pullover gearbeitet, maximal 18 Arbeitsschritte sind dabei vonnöten, die von 18 unterschiedlichen Personen ausgeführt werden. In einem Monat stricke sich das Unternehmen so zum Mond und wieder zurück, sagt Caroline Collin, die an diesem Tag für die Führung durch die Produktion zuständig ist. „Manche Muster entstehen ganz zufällig durch Strickfehler“, sagt ihre Kollegin, Jacqueline Petipas, die Designdirektorin des Labels. So zeigt sie zum Beispiel eines, bei dem sich die Farben maschenweise abwechseln und so ein sehr filigranes Streifenmuster ergeben. „Die meisten sind aber das Resultat einer Entwicklungsarbeit gemeinsam mit den Strickexperten des Labels, die schon mal bis zu einem Jahr in Anspruch nehmen kann“, sagt Petipas. Sie wuchs in der Normandie auf, studierte in Paris und sammelte erst Designerfahrung bei einem schwedischen Moderiesen, bevor es sie in die Heimat und somit die ruhigere Umgebung und langsamere Taktung des Lebens auf dem Land zurückzog.

Die Mitarbeiter bleiben treu

Nun hat sie die Aufgabe, dem Strickklassiker und dem gestreiften Baumwollshirt, der Marinière, in jeder Saison einen neuen Reiz zu verleihen. Ihre Inspiration findet sie dort, wo die Marke herkommt – ob es nun die etwas verkitschte Dekoration im lokalen Fischrestaurant ist, einfache Fischernetze, oder der Sonnenuntergang hinter dem bekannten Postkartenmotiv, der Bucht des Mont Saint-Michel. In der neuen Kollektion wird es beispielsweise eine Ankerbordüre geben, weiß auf schwarzem Grund, ein Netzmuster und ein paar pinkfarbene Akzente für die Damen. Die Klassiker bleiben zwar immer gleich, aber „manchmal toben wir uns beim Design auch richtig aus, das muss sein“, sagt Jacqueline Petipas.

Heute arbeiten etwa 300 Angestellte bei Saint James, 250 davon in der Konfektion, der Rest in Administration und Design. Wie so häufig in der Bekleidungsindustrie ist der Frauenanteil hoch: 78 Prozent. „Wer hier anfängt, bleibt meist ein Leben lang“, sagt Luc Lesénécal, seit 2012 Chef des Unternehmens. 2013 erhielt es für sein Knowhow und seine Exzellenz das Prädikat „Unternehmen des lebendigen Kulturerbes Frankreichs“ vom französischen Wirtschaftsministerium. Zu den weiteren so ausgezeichneten Unternehmen der Haute Couture und Konfektion zählen etwa Chanel, Céline und Lanvin sowie der Mitbewerber Armor Lux, ebenfalls ein Anbieter von Streifenshirts, allerdings auf bretonischer Seite und mit nicht ganz so langer Geschichte.

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