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Mailänder Mode : „Selbst wenn man nur ins Restaurant geht, macht man sich zurecht“

Tiziana Cardini: Früher arbeitete sie als Modechefin für die italienischen Ausgaben der „Amica“ und der „Glamour“, seit 2007 ist sie Modechefin von La Rinascente. Bild: Monica Vinella

Tiziana Cardini ist Modechefin im Kaufhaus La Rinascente und kennt den Stil der Mailänder wie kaum eine andere. Im Interview spricht sie über die modischen Vorlieben in ihrer Stadt und die Touristen, die sie oft schon am Einkaufsverhalten erkennt.

          3 Min.

          Signora Cardini, Sie tragen oft bunte gestrickte Jacken. Ist das etwas typisch Mailändisches?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja und nein. Strickteile sind praktisch und zu ganz verschiedenen Anlässen einsetzbar. Daher trägt sie heute so gut wie jeder. Man zieht sie über, fertig!

          Wie würden Sie den Stil der Mailänderin denn beschreiben?

          Die Mailänderin ist eine anspruchsvolle, elegante Frau. Sie möchte nicht angeben, das ist nicht Teil unserer Kultur. Sie ist eher reserviert und diskret. Uns ist die Qualität wichtig. Natürlich trifft das vor allem auf die Wohlhabenden zu. Andererseits, wenn man sich so umguckt, kann man bei jedem einen gewissen persönlichen Stil ausmachen. Das geht selbst mit den einfachsten Kleidungsstücken, die nichts mit Luxus zu tun haben.

          Was macht diesen Stil genau aus?

          Er ist modisch, aber nicht zu auffällig. Die Mailänder schauen auf jeden Fall, wo es mit der Mode hingeht, was da gerade los ist, schließlich sind wir Italiener. Bei Tag geht es jetzt eher um Maskulines, Strenges. Abends, zu Events, Empfängen, Essen oder Partys, wird es dann aber exzentrisch und üppig. Selbst wenn man nur ins Restaurant geht, macht man sich zurecht. Den Menschen ist ihr Aussehen also ziemlich wichtig.

          Wie übersetzt sich diese Haltung in konkrete Kleidungsstücke?

          Im Winter gehört dazu auf alle Fälle die Daunenjacke. Wirklich jeder scheint eine zu haben. Das ist schon so etwas wie ein Virus, das sich durch die ganze Stadt zieht. Dazu würde ich auch alle weiteren praktischen Funktionsjacken zählen. Diese Jacken sind immer gut geschnitten, sie sitzen richtig, und die Farben sind schön. Dann sind flache Schuhe wichtig, heute fahren ja immer mehr Menschen Fahrrad oder laufen einfach. Natürlich mögen wir auch hohe Schuhe, allerdings eher für den Abend.

          Und die Farben? Ist es ein Zufall, dass Giorgio Armani sein Greige aus Grau und Beige in Mailand erfunden hat?

          Wohl nicht. Es geht gedeckt zu mit bunten Klecksen. Das hat viel mit dem Wetter sowie mit der Farbe unserer Gebäude zu tun. In Rom sieht man zum Beispiel eine ganz andere Farbpalette als in Mailand. Sie haben dort jeden Tag Sonnenschein. Das Licht färbt alles rosa.

          Und das überträgt sich dann auf die Bewohner?

          Auf jeden Fall, man ist dort auf ganz natürliche Weise optimistischer, also trägt man viele Farben, viel Gold und viel Glänzendes.

          Wie wichtig sind solche Überlegungen für Ihre Arbeit im Kaufhaus La Rinascente?

          Wir haben ganz verschiedene Kunden. Viele Touristen, aber die Italiener machen etwa 50 Prozent aus. Sie haben in den vergangenen Jahren besonders gerne Kleider gekauft. Aber jetzt sieht man in den Kollektionen immer mehr Stücke zum Kombinieren, also Röcke, Hosen, Blusen. Das „mix and match“ wird jetzt auch bei unseren Kunden wieder beliebter. Aber zugleich müssen wir eben daran denken, dass Kunden aus der ganzen Welt kommen, um bei uns nicht Mailänder Stil, sondern italienischen Stil zu kaufen.

          Oder das, was sie für typisch italienischen Stil halten?

          Ja, natürlich, aber das ist nicht schwer zu bieten, denn wir haben in Mailand ja die besten Marken.

          Dazu gehören nach langer Zeit auch wieder junge Designer wie Marco di Vincenzo oder Stella Jean. Der Marke MSGM widmen Sie gerade ein ganzes Schaufenster. Lohnt sich das?

          Ja, wir versuchen, neue Labels zwischen die bekannten Namen zu hängen. MSGM läuft richtig gut, es ist eine der erfolgreichsten Marken auf dem Stockwerk, mit sehr viel Dynamik. Das mögen die Leute.

          Beobachten Sie die Leute manchmal beim Stöbern?

          Natürlich. Man sieht dann schon, woher sie kommen.

          Das erkennen Sie an der Art, wie die Leute einkaufen?

          Ja. Russische Frauen mögen zum Beispiel sinnliche und enggeschnittene Stücke. Sie suchen den hyper-femininen sexy Look, sie mögen Stickereien und üppige Stoffe, sie wollen sehr auffällig wirken. Die Chinesen sind immer für neue Accessoires zu haben, also für Schmuck oder Taschen. Was die Bekleidung angeht, brauchen sie ja ganz andere Schnitte.

          Und deshalb legen sie eher Wert auf die Accessoires?

          Ja, schon. In der Mode mögen sie das, was neu, besonders und auffällig ist. Bei den Kunden aus dem Nahen Osten ist es ähnlich: Sie mögen ebenfalls Farbe und Stickereien, die sie dann unter ihrer Burka tragen. Auch interessant sind die Koreaner. Sie lieben Mode in ihrer extremen Form, mit Farben, Mustern, Logos, Volumen, sonderbaren Schnitten.

          Was würden Sie denn als Touristin in Mailand tragen, um sich nicht gleich als solche zu outen?

          Heute ist es gar nicht mehr so einfach, Touristen zu erkennen. Natürlich kann man das aufgrund ethnischer Merkmale tun. Aber besonders wenn man sich besser gekleidete Touristen anschaut, sieht man kaum noch einen Unterschied zu echten Mailändern. Dafür ist der internationale Stil einfach zu prägend.

          Wie sieht der aus?

          Aufgeräumt, sportlich, irgendwo zwischen Funktionalität und Eleganz. Das sind: ein Kaschmirpullover, eine gutgeschnittene Hose, ein Paar flache Schuhe, eine von der Sportswear inspirierte Alltagsjacke, für Frauen noch ein schönes Abendkleid, für Männer ein Anzug.

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