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Label „Sea Me“ : Sehnsucht nach den Farben Odessas

  • -Aktualisiert am

„Sea Me“-Geschäftsführerin Natalya Ishchenko Bild: Hersteller

„Sea Me“ entwirft und produziert Textilien in Odessa – trotz des Krieges. Die Produktion im Ausland wäre möglich gewesen. Doch Geschäftsführerin Natalya Ishchenko will bleiben.

          4 Min.

          Als Russland am 24. Februar 2022 großflächig die Ukraine angriff, schlief Natalya Ishchenko noch. Vom Krieg erfuhr sie erst, als sie morgens aufs Handy blickte. „Ich habe den ganzen Tag die Nachrichten verfolgt“, erzählt die Unternehmerin. „Es war, als würde man live dabei zusehen, wie die eigene Welt zusammenbricht.“

          Die Gründerin des Textillabels „Sea Me“ war erst am Tag vorher aus Kyiv zurück nach Odessa gereist, der tatsächliche Ausbruch des Kriegs überraschte, wie so viele Ukrainer und Ukrainerinnen, auch sie. „Meine Freunde waren schockiert, als sie hörten, dass ich keinen Fluchtplan hatte.“ Sie empfahlen ihr eine Route über Moldawien: Im Marshrutka, einem Minibus, fuhr die Achtunddreißigjährige nach Chișinău. „Ich erinnere mich an die Panik in den Augen der Menschen und ewige Schlangen an der Grenze. Chișinău war kalt und grau, alle hatten Angst.“ Weil die Flughäfen in Moldawien geschlossen waren, fuhr sie mit dem Bus zu Freunden nach Paris. Über 50 Stunden dauerte die Fahrt. Ihre Mutter folgte ihr auf dem gleichen Weg einige Tage später.

          Slow Fashion aus Odessa

          Ishchenko bezeichnet sich selbst als „Odessa-Girl“, sie ist in der Stadt am Schwarzen Meer geboren, aufgewachsen und dorthin zurückgekehrt, nachdem sie eine Zeit lang in einem großen Wirtschaftsunternehmen in Singapur arbeitete. Sie hat International Economic Relationships studiert und mit ihrer Freundin Eteri Saneblidze einen Onlineshop gegründet, der Kunsthandwerk und Designobjekte aus der ganzen Welt in die Ukraine importierte. Als Russland 2014 die Krim annektierte und die ukrainische Währung an Wert verlor, wurde der Import zu teuer. Die Freundinnen, die eine Zeit lang gemeinsam in New York lebten, schlossen den Online-Shop und gründeten 2015 ein weiteres Unternehmen, dieses Mal mit einem ukrainischen Produkt: „Sea Me“ entwirft und produziert Leinenbettwäsche und Pyjamas in Odessa. Seit 2021 leitet Ishchenko das Textilunternehmen vorwiegend allein, weil Saneblidze sich in Lissabon ein weiteres Start-up gegründet hat.

          In der Mode würde man das, was „Sea Me“ macht, als Slow Fashion bezeichnen.
          In der Mode würde man das, was „Sea Me“ macht, als Slow Fashion bezeichnen. : Bild: Hersteller

          In der Mode würde man das, was „Sea Me“ macht, als Slow Fashion bezeichnen: Die Kollektion ist überschaubar, es gibt zwei Pyjama-Sets mit kurzem und langem Bein, die öko-zertifizierte Naturfaser-Bettwäsche ist in elf verschiedenen Farben erhältlich und wurde von Ishchenko und Saneblidze so entworfen, dass alle miteinander kombinierbar sind. Die Farbpalette von „Sea Me“ ist eine Hommage an lange Tage am Meer: himmel- oder marineblau, tiefes Grün, rauchiges Rosa, Steingrau. Dafür, dass lokal gefertigt wird, sind die Preise moderat: Ein 140 x 200 cm großer Bettbezug kostet rund 150 Euro, geliefert wird in die ganze Welt. Produziert wird erst nach der Bestellung, „weil das nachhaltiger ist, und wir so auch Sondergrößen anbieten können.“

          Der Krieg trifft die Textilindustrie der Ukraine, obwohl sich die Lage sukzessiv stabilisiere, wie das Fachmedium „textile network“ in einem Beitrag zur Textilwirtschaft in der Ukraine berichtete. Im Mai diesen Jahres riefen der europäische Textildachverband Euratex und der ukrainische Textil- und Lederverband Ukrlegprom sogar eine Initiative ins Leben, die den europäisch-ukrainischen Textilhandel unterstützen sollte. Auch Ishchenko, die mit ihrer Boutique-Brand in kleiner Auflage produziert, stoppte die Produktion nach ihrer Flucht ins Ausland nur für einen Monat.

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