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Textilbranche : Jeans für die Gutbetuchten

Traditionsware aus Italien: Jeans der Firma Lucarda Bild: Stephan Finsterbusch

Die Jeans waren Symbol der Freiheit und der erste Exportschlager Chinas. Heute machen sich mit ihr fern der Massenmärkte kleine Firmen einen großen Namen.

          6 Min.

          Alles ist wie früher, nur noch ein bisschen besser. Der Stoff und die Knöpfe, die Nähte und die Nieten, vor allem aber die Farben. Ein zartes Weiß kreuzt ein himmlisches Azur; ein Stoff wie ein Meer voll welliger Schaumkronen. Hundert Farben Blau. Scott Morrison hat sie alle im Angebot. Eine Jeans aus seinem Haus hat den Preis eines Anzugs von Armani. Der Unterschied: Er schneidert seine Hosen von Hand und auf Maß. Nichts kommt von der Stange, nichts ist für die Masse. Der Stoff ist aus Japan, der Schnitt aus Amerika. Jeans vom Allerfeinsten. Denim der Luxusklasse. Jedes Stück ein Unikat.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mitten in New York, mitten in Manhattan, mitten in Soho hat Morrison seine Schneiderei. Ein Gebäude mit der Fassade eines Palazzo. Hohe Decken, schwere Säulen, Backsteinmauern und Parkett. Drüben am Broadway hat ein großer Textilkonzern gerade einen Superstore aufgemacht. Schnelle Mode, schick und billig, „Made in Asia“. In der Mercer-Street setzen sie auf Wert und Luxus. Vor vier Jahren machte Morrison seine Firma auf, es war die dritte, und er nannte sie „3×1“.

          Vorn im Laden wird verkauft; hinten rattern sie die Stoffe durch die Nähmaschinen; im Keller ist der Zuschnitt, im ersten Stock die Anprobe. Drei Etagen, 24 Mitarbeiter, 10 Millionen Dollar Umsatz im Jahr: Kleingeld in einer Branche, in der milliardenschwere Konzerne wie Gap, Inditex oder Uniqlo den Ton angeben. Doch Morrison hat alles unter einem Dach. Keine Fremdproduktion, kein Outsourcing, keine Auftragsarbeit. Sein Laden ist eine Goldgrube.

          Scott Morrison

          Kein Wunder: Seit Calvin Klein Mitte der siebziger Jahre die Designer-Jeans erfand und Karl Lagerfeld das feste derbe Segeltuch zu seinem liebsten Hosenstoff erkor, hat die alte Seemannskluft aus Genua die Modewelt erobert. Jeans sind salon- und luxusfähig geworden. Einst trugen sie Rebellen wie James Dean, heute trägt sie jeder. Die Branche hat einen Markt von 60 Milliarden Dollar. Ein knallblauer Stoff als Wirtschafts- und Kulturgut. Amerika hatte die Blue Jeans einst zum Gipfelkreuz der Freiheit erhoben; China machte sie zu seinem ersten Exporthit.

          Mittlerweile kommen viele der sagenhaft blauen Sachen aus Bangladesch und Kambodscha. Länder mit Fabriken wie Arbeitslager; Hungerlöhne für die „Hose der Freiheit“. Während in den Nähstuben und Armenhäusern Asiens Zehntausende Menschen für faire Löhne und ein wenig Menschenwürde am Arbeitsplatz auf die Straße gehen, haben sich ans obere Ende der Branche kleine feine Firmen gesetzt.

          Ein Millionengeschäft mit Tradition

          Sie tragen Namen wie „Momotaro“ oder „3×1“ oder „Blue de Genes“; sie kommen aus Amerika, Japan oder Europa und sind in ihrer Branche das, was Ferrari in der Autoindustrie ist: extravaganter Luxus, das Beste vom Besten, Maßarbeit für Gutbetuchte. Die Edeljeans-Macher setzen auf alte Shuttlewebstühle und vielfach verzwirnte Fäden, auf überkommene Techniken der Färber und natürliche Stoffe, auf Indigo und Färberwaid, Suvin-Garn und langfasrige Baumwollen. Das alles hat seinen Preis, viele zahlen ihn, wenige wissen, was sie tun. Ein Millionengeschäft mit Tradition.

          Michela Lucarda nimmt ein Stück Geschichte zur Hand. Sie steht hinter der Kasse ihres Ladens in den Arkaden der Via di Sottoripa am Hafen von Genua. Von hier aus wurde vor einem halben Jahrtausend ein kleines Weltreich regiert und Flotten auf allen befahrbaren Meeren finanziert. Die Seefahrt brauchte derbe Sachen. So haben sie im französischen Nîmes den Denim und in Genua die Jeans erfunden. Robuste Stoffe für die Arbeit. Lucarda wirft eine schwere alte Hose auf den Tisch. Die letzte ihrer Art.

          Michela Lucarda

          Nach dem Tod ihres Onkels führte sie das Geschäft alleine fort. Das war vor zehn Jahren. Seitdem steht sie hinter der schweren Kasse, an der schon ihr Urgroßvater Ringel-T-Shirts und Regenmäntel, Jacken aus Leinen und schwere Baumwollhosen registrierte. Vor ihr liegt die erste Jeans des Hauses. Dafür bot man ihr schon ein Vermögen. Sie lehnte ab. Geld spielt keine Rolle. Es geht um die Tradition der Famlie, und die wiegt schwer.

          Das gute Stück war ihr vor dreißig Jahren beim Stöbern im Lager der Firma in die Hand gefallen. Seit Großvaters Zeiten ist dort niemand mehr gewesen. Sie wollte wissen, was da ist, suchte nichts und fand einen Schatz. Dunkel wie die Nacht, derb wie Leder, steif wie Holz. Die Hose steht wie ein Brett auf dem Tisch. Im Hafen nannten sie solche Sachen einst „Teufelshaut“. Lucarda nennt sie „mein Juwel“. Ein Kleinod aus der Hafenstraße.

          Matrosen der alten Segel- und ersten Dampfschiffe hatten sie über ihre Kluft gezogen, um die zu schonen und sich zu schützen. Sie hielten viel ab: Wind und Wetter, Kälte und Regen. Ein Tuch wie eine Rüstung. Stramm, steif und schwer. Im fernen San Francisco macht die Levi Strauss & Co. im hauseigenen Museum viel Wirbel um eine Hose aus den Jahren ihres Gründers; in Genua haben sie blau-weiß gewebte Stoffe aus den Zeiten von Columbus. Strandgut der Geschichte. Die Gegenwart ist leer.

          Die Branche liegt am Boden

          Die letzten Jeansfabriken in der Stadt machten dicht, als sich die Billigimporte aus China auf die Märkte drängten. Lucardas Laden steht unter Denkmalschutz. Alles bleibt, wie es war. Sie darf nichts ändern und zahlt dafür weniger Steuern an die Stadt. Doch die Branche liegt hier am Boden.

          Anderthalbtausend Kilometer entfernt machte sich Ole Madsen im dänischen Kolding daran, ein paar Stücke davon aufzuheben. Den Namen, das Label, die Marke. Es habe quasi alles auf der Straße gelegen, sagt er. Und so nannte er seine kleine Unternehmung „Blue de Genes“ - das Blau aus Genua. Madsen gab ihr das Zeichen des weiß-rot gekreuzten Wappens vom heiligen Georg, dem Schutzpatron der Matrosen, das Wahrzeichen der Stadt am Mittelmeer. Genua in Dänemark. Ein lohnendes Geschäft.

          Madsen ist seit fast vierzig Jahren dabei. Er hat alles gesehen und vieles erlebt. Die ersten Designer-Jeans von Armani, die Fetzenjeans von Diesel, den Aufstieg von Firmen wie Guess und den drohenden Niedergang von Marken wie Levi’s. Seine kleine Firma floriert. Flotte Schnitte und ein Blau in allen Farben. Viele Kunden legen für eine gute Jeans viel Geld auf den Tisch: bei dreihundert Euro geht es los. Was gefragt ist, wird geliefert über alle Altersklassen hinweg. Die Jeans - ein Generationenvertrag der Mode. Madsen hatte früh gesehen, was kommt.

          Ole Madsen

          Er suchte sich in Italien einen Partner, stieß auf eine kleine Familienweberei bei Venedig, setzte auf gute Qualität und hohe Preise, baute die Marke und in der Heimat eine Ladenkette auf. Keine Schnäppchen, keine Spielchen, nichts ist aus Asien. Alles: Made in Europe. „Anders können wir uns gar nicht halten“, sagt er. Madsen setzt mit seinen Edel-Jeans im Jahr heute zehn Millionen Euro um.

          „In diesem Geschäft kommt man mit Masse nicht mehr weit“, sagt Katsu Manabe. Das machen die Branchenriesen unter sich aus, die Levi’s und die Gap, die Guess und auch der Diesel. Billig geht nicht. Manabe setzt auf Extraklasse.

          Sein Vater Hisao hat es ihm vorgemacht. Der hatte vor zwanzig Jahren im südjapanischen Kojima unter dem Namen Collect eine erste kleine Jeans-Firma gegründet. Weitere folgten. Heute sind es vier. Der alte Manabe hat sie alle unter das Dach einer Holding gestellt. Die Japan Blue Group. Ein Name wie ein Versprechen. Blaue Wunder aus Japan. Früher hatten sie in Kojima Uniformen für Soldaten und Eliteschulen geschneidert; heute geht es um Denim, Jeans und den gepflegten Alltag.

          Kein Stoff kommt aus China

          Die Manabes halten alle Teile der Fertigungskette fest in der Hand, vom Zwirnen bis zum Weben, vom Färben bis zum Nähen und zum Verkauf. Ein kleines Imperium mit begrenzter Aussicht. Kein Stoff kommt aus China, keine Zwirne aus Vietnam, keine Knöpfe von den Philippinen, nichts aus Kambodscha, Malaysia oder Indonesien. Das kommt ihm nicht ins Haus. Das hat Tradition in der Region. Als der einstige Schauspieler und Stuntman Toshikiyo Hirata drüben in Kurashiki Ende der siebziger Jahre die erste Jeans-Schneiderei aufgemacht hatte, haben sie alle noch gelacht.

          Hirata blieb locker, baute seine eigene Baumwolle und seinen eigenen Indigo an, holte sich ein paar ausgediente Webstühle aus Amerika, stellte eine Handvoll Näherinnen ein und verkaufte seine erste Jeans für tausend Dollar, später legte ihm ein Kunde für eine Hose achttausend Euro auf den Tisch. Ein Wahnsinn und ein Meisterstück. Alles beste Ware, alles erste Klasse, alles erste Wahl. Hirata machte seinen Schnitt. Die Nachbarn horchten auf und gingen ans Werk.

          Katsu Manabe

          Heute werden in den alten Textilzentren Südjapans die wohl besten Jeans-Stoffe der Welt gemacht. Ole Madsen will sich das bald mal ansehen. Scott Morrison war schon da. Er kauft hier immer ein, zweimal im Jahr. Die Japaner haben Preise wie auf den Stoffmessen von Paris. Auf ihren hundert Jahre alten schmalen Shuttle-Looms weben sie heute wieder wie zu Zeiten von Levi Strauss - unzenschweren Ring-Denim in Köperbindung und mit der weiß-roten Webkante. Die Färber bringen das Indigo so auf die Garne, dass die Oberfläche der Fäden blau, der Fadenkern aber tief weiß bleibt. Dafür gibt es eine handvoll Techniken. Eine ist komplizierter als die andere. Jede sorgt für ein ganz eigenes Aussehen beim Abrieb. Die Patina der Stoffe.

          „Wir haben hier alles, was wir brauchen“, meint Katsu Manabe. Kleine japanische Marken wie Syoaiya, Rampuya oder Mantaro haben in der Szene einen großen Ruf. Manabe verkauft von der Stange und fertigt nach Maß. Gemacht wird, was der Kunde will. Damit erlöst der Familienbetrieb heute rund 25 Millionen Euro. Der Laden läuft - offline wie online. Verkäufe übers Internet haben der Firma neuen Schwung gegeben. Die Nachfrage in Europa ist riesig. So hat Manabe in Paris eine Dependance aufgemacht.

          Kann man die Konkurrenz nicht schlagen, dann muss man mit ihr arbeiten. In New York hat Scott Morrison einen Pakt geschlossen. Er holt all seine Stoffe aus Nippon und macht daraus sein eigenes Geschäft. Einen Steinwurf entfernt von seiner Firma in der Mercer Street lag einst der Kramladen der deutschen Einwandererfamilie Strauss - die Genuesische Seefahrerhosen aus dem New Yorker Stadtteil „Little Italy“ nach Kalifornien bringen, sie Jeans taufen, einen Welthit und ein riesiges Geschäft daraus machen sollte. Der aus Kalifornien stammende Morrison brachte sie zurück nach New York. Goldrausch am Hudson.

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