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Textilbranche : Jeans für die Gutbetuchten

Traditionsware aus Italien: Jeans der Firma Lucarda Bild: Stephan Finsterbusch

Die Jeans waren Symbol der Freiheit und der erste Exportschlager Chinas. Heute machen sich mit ihr fern der Massenmärkte kleine Firmen einen großen Namen.

          Alles ist wie früher, nur noch ein bisschen besser. Der Stoff und die Knöpfe, die Nähte und die Nieten, vor allem aber die Farben. Ein zartes Weiß kreuzt ein himmlisches Azur; ein Stoff wie ein Meer voll welliger Schaumkronen. Hundert Farben Blau. Scott Morrison hat sie alle im Angebot. Eine Jeans aus seinem Haus hat den Preis eines Anzugs von Armani. Der Unterschied: Er schneidert seine Hosen von Hand und auf Maß. Nichts kommt von der Stange, nichts ist für die Masse. Der Stoff ist aus Japan, der Schnitt aus Amerika. Jeans vom Allerfeinsten. Denim der Luxusklasse. Jedes Stück ein Unikat.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mitten in New York, mitten in Manhattan, mitten in Soho hat Morrison seine Schneiderei. Ein Gebäude mit der Fassade eines Palazzo. Hohe Decken, schwere Säulen, Backsteinmauern und Parkett. Drüben am Broadway hat ein großer Textilkonzern gerade einen Superstore aufgemacht. Schnelle Mode, schick und billig, „Made in Asia“. In der Mercer-Street setzen sie auf Wert und Luxus. Vor vier Jahren machte Morrison seine Firma auf, es war die dritte, und er nannte sie „3×1“.

          Vorn im Laden wird verkauft; hinten rattern sie die Stoffe durch die Nähmaschinen; im Keller ist der Zuschnitt, im ersten Stock die Anprobe. Drei Etagen, 24 Mitarbeiter, 10 Millionen Dollar Umsatz im Jahr: Kleingeld in einer Branche, in der milliardenschwere Konzerne wie Gap, Inditex oder Uniqlo den Ton angeben. Doch Morrison hat alles unter einem Dach. Keine Fremdproduktion, kein Outsourcing, keine Auftragsarbeit. Sein Laden ist eine Goldgrube.

          Scott Morrison

          Kein Wunder: Seit Calvin Klein Mitte der siebziger Jahre die Designer-Jeans erfand und Karl Lagerfeld das feste derbe Segeltuch zu seinem liebsten Hosenstoff erkor, hat die alte Seemannskluft aus Genua die Modewelt erobert. Jeans sind salon- und luxusfähig geworden. Einst trugen sie Rebellen wie James Dean, heute trägt sie jeder. Die Branche hat einen Markt von 60 Milliarden Dollar. Ein knallblauer Stoff als Wirtschafts- und Kulturgut. Amerika hatte die Blue Jeans einst zum Gipfelkreuz der Freiheit erhoben; China machte sie zu seinem ersten Exporthit.

          Mittlerweile kommen viele der sagenhaft blauen Sachen aus Bangladesch und Kambodscha. Länder mit Fabriken wie Arbeitslager; Hungerlöhne für die „Hose der Freiheit“. Während in den Nähstuben und Armenhäusern Asiens Zehntausende Menschen für faire Löhne und ein wenig Menschenwürde am Arbeitsplatz auf die Straße gehen, haben sich ans obere Ende der Branche kleine feine Firmen gesetzt.

          Ein Millionengeschäft mit Tradition

          Sie tragen Namen wie „Momotaro“ oder „3×1“ oder „Blue de Genes“; sie kommen aus Amerika, Japan oder Europa und sind in ihrer Branche das, was Ferrari in der Autoindustrie ist: extravaganter Luxus, das Beste vom Besten, Maßarbeit für Gutbetuchte. Die Edeljeans-Macher setzen auf alte Shuttlewebstühle und vielfach verzwirnte Fäden, auf überkommene Techniken der Färber und natürliche Stoffe, auf Indigo und Färberwaid, Suvin-Garn und langfasrige Baumwollen. Das alles hat seinen Preis, viele zahlen ihn, wenige wissen, was sie tun. Ein Millionengeschäft mit Tradition.

          Michela Lucarda nimmt ein Stück Geschichte zur Hand. Sie steht hinter der Kasse ihres Ladens in den Arkaden der Via di Sottoripa am Hafen von Genua. Von hier aus wurde vor einem halben Jahrtausend ein kleines Weltreich regiert und Flotten auf allen befahrbaren Meeren finanziert. Die Seefahrt brauchte derbe Sachen. So haben sie im französischen Nîmes den Denim und in Genua die Jeans erfunden. Robuste Stoffe für die Arbeit. Lucarda wirft eine schwere alte Hose auf den Tisch. Die letzte ihrer Art.

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