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Textilbranche : Jeans für die Gutbetuchten

Michela Lucarda

Nach dem Tod ihres Onkels führte sie das Geschäft alleine fort. Das war vor zehn Jahren. Seitdem steht sie hinter der schweren Kasse, an der schon ihr Urgroßvater Ringel-T-Shirts und Regenmäntel, Jacken aus Leinen und schwere Baumwollhosen registrierte. Vor ihr liegt die erste Jeans des Hauses. Dafür bot man ihr schon ein Vermögen. Sie lehnte ab. Geld spielt keine Rolle. Es geht um die Tradition der Famlie, und die wiegt schwer.

Das gute Stück war ihr vor dreißig Jahren beim Stöbern im Lager der Firma in die Hand gefallen. Seit Großvaters Zeiten ist dort niemand mehr gewesen. Sie wollte wissen, was da ist, suchte nichts und fand einen Schatz. Dunkel wie die Nacht, derb wie Leder, steif wie Holz. Die Hose steht wie ein Brett auf dem Tisch. Im Hafen nannten sie solche Sachen einst „Teufelshaut“. Lucarda nennt sie „mein Juwel“. Ein Kleinod aus der Hafenstraße.

Matrosen der alten Segel- und ersten Dampfschiffe hatten sie über ihre Kluft gezogen, um die zu schonen und sich zu schützen. Sie hielten viel ab: Wind und Wetter, Kälte und Regen. Ein Tuch wie eine Rüstung. Stramm, steif und schwer. Im fernen San Francisco macht die Levi Strauss & Co. im hauseigenen Museum viel Wirbel um eine Hose aus den Jahren ihres Gründers; in Genua haben sie blau-weiß gewebte Stoffe aus den Zeiten von Columbus. Strandgut der Geschichte. Die Gegenwart ist leer.

Die Branche liegt am Boden

Die letzten Jeansfabriken in der Stadt machten dicht, als sich die Billigimporte aus China auf die Märkte drängten. Lucardas Laden steht unter Denkmalschutz. Alles bleibt, wie es war. Sie darf nichts ändern und zahlt dafür weniger Steuern an die Stadt. Doch die Branche liegt hier am Boden.

Anderthalbtausend Kilometer entfernt machte sich Ole Madsen im dänischen Kolding daran, ein paar Stücke davon aufzuheben. Den Namen, das Label, die Marke. Es habe quasi alles auf der Straße gelegen, sagt er. Und so nannte er seine kleine Unternehmung „Blue de Genes“ - das Blau aus Genua. Madsen gab ihr das Zeichen des weiß-rot gekreuzten Wappens vom heiligen Georg, dem Schutzpatron der Matrosen, das Wahrzeichen der Stadt am Mittelmeer. Genua in Dänemark. Ein lohnendes Geschäft.

Madsen ist seit fast vierzig Jahren dabei. Er hat alles gesehen und vieles erlebt. Die ersten Designer-Jeans von Armani, die Fetzenjeans von Diesel, den Aufstieg von Firmen wie Guess und den drohenden Niedergang von Marken wie Levi’s. Seine kleine Firma floriert. Flotte Schnitte und ein Blau in allen Farben. Viele Kunden legen für eine gute Jeans viel Geld auf den Tisch: bei dreihundert Euro geht es los. Was gefragt ist, wird geliefert über alle Altersklassen hinweg. Die Jeans - ein Generationenvertrag der Mode. Madsen hatte früh gesehen, was kommt.

Ole Madsen

Er suchte sich in Italien einen Partner, stieß auf eine kleine Familienweberei bei Venedig, setzte auf gute Qualität und hohe Preise, baute die Marke und in der Heimat eine Ladenkette auf. Keine Schnäppchen, keine Spielchen, nichts ist aus Asien. Alles: Made in Europe. „Anders können wir uns gar nicht halten“, sagt er. Madsen setzt mit seinen Edel-Jeans im Jahr heute zehn Millionen Euro um.

„In diesem Geschäft kommt man mit Masse nicht mehr weit“, sagt Katsu Manabe. Das machen die Branchenriesen unter sich aus, die Levi’s und die Gap, die Guess und auch der Diesel. Billig geht nicht. Manabe setzt auf Extraklasse.

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