https://www.faz.net/-hrx-99636

Tattookunst : Spiel mit dem Schicksal

  • -Aktualisiert am

Die Stars des internationalen Fußballs sind die Avantgardisten des Tätowierens. In der Opulenz ihrer Tattoos scheinen sie sich berufs- oder auch nur mannschaftstypisch überbieten zu wollen Bild: Reuters

Jetzt im Frühjahr sind sie wieder zu sehen, nicht länger versteckt unter Pullovern und Jacken: Tattoos. Ist ihre Popularität ein Zeichen für die Rückkehr des magischen Denkens?

          4 Min.

          An den Anblick von Tattoos im öffentlichen Raum haben wir uns längst gewöhnt. Die tätowierte Schulterpartie einer Präsidentengattin wäre heute nicht einmal mehr eine Meldung wert. Die eigene Einzigartigkeit wird millionenfach hervorgehoben. Das Tattoo ist aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst. Es kombiniert heute die Idee des flüchtigen Eindrucks mit dessen Gegenteil, das Situative mit der dauerhaften Gestalt, vergleichbar dem Schmuck oder der Schminke. Der demonstrative Auftritt wirkt umso stärker, weil es im unerschöpflichen Angebot von Botschaften und Ornamenten und im Hinblick auf Körperteil, Farbe, Form und Inhalt keine normativen Schranken mehr zu geben scheint.

          Es ist wenig aufschlussreich, darauf hinzuweisen, dass mit dem Tattoo das Zeitalter des Narzissmus endgültig angebrochen sei. In der Moderne komme es darauf an, „Unterschiedsempfindlichkeit“ zu erregen, so schrieb schon vor mehr als 100 Jahren der Soziologe Georg Simmel. Die Stilanforderungen des großstädtischen Lebens verführten zu tendenziösen Wunderlichkeiten, zu Extravaganzen des Apartseins, der Caprice, des Pretiösen, „deren Sinn gar nicht mehr in den Inhalten solchen Benehmens, sondern nur in seiner Form des Andersseins, des Sich-Heraushebens und dadurch Bemerklich-Werdens liegt“.

          Sich herauszuheben mag eine Rolle spielen. Aber welche Motive und Ideen veranlassen Menschen, sich in einer schmerzhaften Prozedur die Haut markieren zu lassen? Handlungsmotive sind in der Regel überdeterminiert. Viel spricht dafür, dass die Bereitschaft, sich tätowieren zu lassen, in ihren seelischen Grundlagen einem komplexen Ensemble von Ideen folgt, die nicht zwingend bewusst sein müssen. Zweifellos wird ein Selbstbezug wirksam. Das Tattoo gibt dem Wunsch Ausdruck, eine empfundene Gesichtslosigkeit zu überwinden. Wer zu einer schmerzhaften Manipulation am eigenen Körper vom Ohrring bis zum Piercing bereit ist, voraussetzungsvoller und folgenreicher als beim Accessoire, wer sich nicht einmal um eine mögliche Gesundheitsgefährdung oder eine möglicherweise eingeschränkte Atmungsfunktion der Haut Gedanken macht, sorgt sich um einen Anerkennungsverlust. Im Tattoo versieht man sich mit einem Schutz in der Begegnung. Alle Magie lebt von der Übermacht der Wünsche.

          Das Tattoo hat also die Funktion, bestimmte Ereignisse und Erfahrungen dem Vergessen und der Zufälligkeit zu entziehen. Schmuck abstrahiert von der Vergänglichkeit, er transzendiert die Zeitlichkeit der Existenz. Wem huldigt das Tattoo, wer ist der Zauberer, und wer soll verzaubert werden? Nicht in erster Linie ein Gegenüber, sondern das eigene Selbst, genauer: das eigene Selbst in Situationen, die der autonomen Handlungskontrolle entzogen sind.

          Trend aus Amerika : Klangwellen-Tattoos gehen unter die Haut und ins Ohr

          Das lässt sich an drei Beispielen veranschaulichen. Beginnen wir mit den Avantgardisten des Tätowierens, der Prominenz des internationalen Fußballs. In der Opulenz ihrer Tattoos scheinen sie sich berufs- oder auch nur mannschaftstypisch überbieten zu wollen, aber jenseits der Konkurrenz unter peers zeigt sich, worum es geht. Das Tattoo suggeriert, dass man gegen einen möglichen Verlust gewappnet ist. Die artistische Virtuosität, das Leistungspotenzial des Spielers wird im Wettkampf notorisch durch zwei unkontrollierbare und unvermeidbare Situationen herausgefordert, eine mögliche Verletzung und die Zufälligkeit des Ballverlaufs. Das in die Haut gestochene Zeichen beschwört gegen die Erfahrung möglichen Scheiterns die Kontinuität des leiblichen Vermögens. Gegen erfahrene und traumatisierende Verletzungen, sei es durch den Gegner, sei es durch den Zufall, insistiert das Tattoo gleichsam auf Stolz und Zuversicht – eine Sinnzuschreibung, die im übrigen an den ethnologischen Befund anschließt, demzufolge man in den Ursprungsregionen des Tattoos das schicksalhafte Überwältigtwerden durch Widerfahrnisse mit magischen Praktiken zu bannen versuchte.

          Das großflächige Ornament findet nicht nur bei Prominenten aus dem Sport Anklang. Verbreitet ist es bei Angehörigen von Berufsgruppen – das ist die zweite Dimension des Motivs der Schicksalskontrolle –, deren Tätigkeitsprofil wenig Spielraum lässt, kommunikativ Besonderheit zu artikulieren. Im Versteck der verwandelten Haut gelingt es, sich einem möglichen Ansehensverlust zu entziehen. Das Tattoo schützt vor dem meritokratischen Vergleich mit anderen, gegenüber denen man sich chancenlos glaubt.

          Das Tattoo ist heute aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst.
          Das Tattoo ist heute aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst. : Bild: Rüdiger Trebels

          Die dritte Gruppe zeigt eine Vorliebe nicht für opulente Großflächigkeit, sondern für rätselhafte Kürzel, verschlüsselte Identitäten. Man bildet das eigene Sternzeichen oder geometrische Figuren auf der Haut ab, angedeutete kapriziöse Chiffren, in denen die innere Realität der Person als hoch ausdeutungsfähig erscheint. Eine Selbstverzauberung mit Hilfe der Abstraktion, motiviert durch den Wunsch, sich selbst als ein Rebus zu entwerfen und den Anspruch auf Rätselhaftigkeit zeichenhaft zu kultivieren. Hierbei deutet das Tattoo ein Versprechen an und versieht das Selbst mit einem Geheimnis. Man überlässt sich dieser Signatur der Zauberhaftigkeit und insofern Einzigartigkeit in der Hoffnung darauf, dass das Gegenüber dem Rätsel auf die Spur kommen möge.

          Unschwer ist zu erkennen, auf welche Erfahrungen damit angespielt wird – nämlich auf kommunikative Situationen mit hohem Zufallspotential, dem ersten Eindruck und der offenen Zukunft beim ersten Kennenlernen. Das Tattoo übernimmt als gleichsam erstarrte Koketterie die Funktion, kommunikative Ambivalenz zu erzeugen und zugleich zu überwinden, sich zu verrätseln und gerade darin auf sich aufmerksam zu machen.

          Gemeinsam ist diesen Beispielen der Impuls, die Situation magisch zu kontrollieren. Die geistige Dimension des Tätowierens wird von einem Schicksalsglauben bestimmt, der nicht im Widerspruch steht zum demonstrativen Individualismus, sondern der gerade die hohe Wertschätzung des individuellen Vermögens, des Engagements und der Initiative in den Horizont der Vorherbestimmtheit und damit in die Nähe des Tragischen rückt.

          Rückkehr des magischen Denkens

          Von den Körpern der Fußballspieler bis zu den zarten hieroglyphischen Andeutungen an Hals oder Handgelenk lässt sich somit eine Linie ziehen: Die Erfahrung oder die Antizipation, ausgeliefert zu sein, lässt das magische Denken zurückkehren. Man kämpft gegen das Schicksal, ergibt sich dem Schicksal oder spielt sogar damit – es ist, animistisch variiert, eine Praxis des Beschwörens.

          Tattoos sind Träger eines „unheimlichen Gefühls, dass das ganz Notwendige unseres Lebens doch noch irgendwie ein Zufälliges sei“ (Georg Simmel), und künden nicht vom Ende aller Zeiten. Es scheint nicht abwegig zu vermuten, dass ihre Verbreitung in dem Maße zunimmt, in dem das Erzählen zugunsten der Bilder abnimmt. Wird das historische Denken entwertet und büßen die Religionen als die großen Narrative des Trostes und der Zuversicht ihre Überzeugungskraft ein, wird kosmischen Kausalitäten mehr Glauben geschenkt, als man dies angesichts des Rationalitätsverständnisses der Moderne erwarten würde.

          Die Sinnstruktur des Tattoos lässt verschiedene Lesarten zu. Es imponiert als Chiffre einer Klugheit, die der Schicksalhaftigkeit des Lebens Respekt zollt. Komplexer als ein Talisman, ähnelt es einem Schrein, den man mit sich trägt, als ein gegen das Vergessen in die Haut eingebrannter Schwur auf Kontinuität. Entzauberung, so lässt sich der harmlosen Alltagserscheinung entnehmen, bedeutet nicht etwa einen universalen Vorgang der Rationalisierung der Lebensformen. Entzauberung bedeutet auch nicht, dass ein unheilvoller Gesamtzusammenhang unaufhaltsam voranschreitet. Vielmehr setzt sie überraschende Interdependenzen von Vernunft und Schicksal frei. Die Magie kehrt zurück. Im Streit mit Glaube und Wissen gewinnt sie an Boden.

          Topmeldungen

          Youtube-Manager Neal Mohan

          Youtube-Manager Mohan : „Verschwörungstheorien müssen verschwinden“

          Ist Youtube eine Einstiegsdroge für haltlose Theorien und Verschwörungsmythen? Der Youtube-Manager Neal Mohan über Trumps gefährliche Corona-Ratschläge, den Kampf gegen Falschmeldungen und einen neuen Faktencheck.
          Maske auf! Clemens Wendtner rät zum Mund-Nasen-Schutz.

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.

          FC Bayern im Supercup : Das riskante Spiel der Uefa im Risikogebiet

          Beim Supercup gibt es einen unbedeutenden Pokal zu gewinnen, aber Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das Spiel des FC Bayern in Budapest bleibt ein Politikum. Der europäische Verband sieht darin ein „Pilotprojekt“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.