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Tattookunst : Spiel mit dem Schicksal

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Das großflächige Ornament findet nicht nur bei Prominenten aus dem Sport Anklang. Verbreitet ist es bei Angehörigen von Berufsgruppen – das ist die zweite Dimension des Motivs der Schicksalskontrolle –, deren Tätigkeitsprofil wenig Spielraum lässt, kommunikativ Besonderheit zu artikulieren. Im Versteck der verwandelten Haut gelingt es, sich einem möglichen Ansehensverlust zu entziehen. Das Tattoo schützt vor dem meritokratischen Vergleich mit anderen, gegenüber denen man sich chancenlos glaubt.

Das Tattoo ist heute aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst.
Das Tattoo ist heute aus dem ursprünglichen Kontext von ritueller Beschwörung und bekräftigter Zugehörigkeit gelöst. : Bild: Rüdiger Trebels

Die dritte Gruppe zeigt eine Vorliebe nicht für opulente Großflächigkeit, sondern für rätselhafte Kürzel, verschlüsselte Identitäten. Man bildet das eigene Sternzeichen oder geometrische Figuren auf der Haut ab, angedeutete kapriziöse Chiffren, in denen die innere Realität der Person als hoch ausdeutungsfähig erscheint. Eine Selbstverzauberung mit Hilfe der Abstraktion, motiviert durch den Wunsch, sich selbst als ein Rebus zu entwerfen und den Anspruch auf Rätselhaftigkeit zeichenhaft zu kultivieren. Hierbei deutet das Tattoo ein Versprechen an und versieht das Selbst mit einem Geheimnis. Man überlässt sich dieser Signatur der Zauberhaftigkeit und insofern Einzigartigkeit in der Hoffnung darauf, dass das Gegenüber dem Rätsel auf die Spur kommen möge.

Unschwer ist zu erkennen, auf welche Erfahrungen damit angespielt wird – nämlich auf kommunikative Situationen mit hohem Zufallspotential, dem ersten Eindruck und der offenen Zukunft beim ersten Kennenlernen. Das Tattoo übernimmt als gleichsam erstarrte Koketterie die Funktion, kommunikative Ambivalenz zu erzeugen und zugleich zu überwinden, sich zu verrätseln und gerade darin auf sich aufmerksam zu machen.

Gemeinsam ist diesen Beispielen der Impuls, die Situation magisch zu kontrollieren. Die geistige Dimension des Tätowierens wird von einem Schicksalsglauben bestimmt, der nicht im Widerspruch steht zum demonstrativen Individualismus, sondern der gerade die hohe Wertschätzung des individuellen Vermögens, des Engagements und der Initiative in den Horizont der Vorherbestimmtheit und damit in die Nähe des Tragischen rückt.

Rückkehr des magischen Denkens

Von den Körpern der Fußballspieler bis zu den zarten hieroglyphischen Andeutungen an Hals oder Handgelenk lässt sich somit eine Linie ziehen: Die Erfahrung oder die Antizipation, ausgeliefert zu sein, lässt das magische Denken zurückkehren. Man kämpft gegen das Schicksal, ergibt sich dem Schicksal oder spielt sogar damit – es ist, animistisch variiert, eine Praxis des Beschwörens.

Tattoos sind Träger eines „unheimlichen Gefühls, dass das ganz Notwendige unseres Lebens doch noch irgendwie ein Zufälliges sei“ (Georg Simmel), und künden nicht vom Ende aller Zeiten. Es scheint nicht abwegig zu vermuten, dass ihre Verbreitung in dem Maße zunimmt, in dem das Erzählen zugunsten der Bilder abnimmt. Wird das historische Denken entwertet und büßen die Religionen als die großen Narrative des Trostes und der Zuversicht ihre Überzeugungskraft ein, wird kosmischen Kausalitäten mehr Glauben geschenkt, als man dies angesichts des Rationalitätsverständnisses der Moderne erwarten würde.

Die Sinnstruktur des Tattoos lässt verschiedene Lesarten zu. Es imponiert als Chiffre einer Klugheit, die der Schicksalhaftigkeit des Lebens Respekt zollt. Komplexer als ein Talisman, ähnelt es einem Schrein, den man mit sich trägt, als ein gegen das Vergessen in die Haut eingebrannter Schwur auf Kontinuität. Entzauberung, so lässt sich der harmlosen Alltagserscheinung entnehmen, bedeutet nicht etwa einen universalen Vorgang der Rationalisierung der Lebensformen. Entzauberung bedeutet auch nicht, dass ein unheilvoller Gesamtzusammenhang unaufhaltsam voranschreitet. Vielmehr setzt sie überraschende Interdependenzen von Vernunft und Schicksal frei. Die Magie kehrt zurück. Im Streit mit Glaube und Wissen gewinnt sie an Boden.

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