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Training im Tanktop : Freie Sicht auf freie Schultern

Muss sein, macht vielleicht sogar Spaß: Sport treiben, wie hier in Williamsburg, Brooklyn. Bild: Getty

Früher mal war das Tanktop Symbol der Muckibuden-Typen. Jetzt hat es beim Sport einen richtig guten Lauf. Das könnte auch daran liegen, dass die Tank-Silhouette beim Training motiviert.

          Ein Donnerstagvormittag bei Kieser im Frankfurter Bahnhofsviertel. Statt lauter Musik im Hintergrund hört man nur das Knarzen der Geräte. Statt dass jemand auf dem Laufband einen Sprint hinlegt, geht es darum, die Übungen möglichst langsam und sauber auszuführen. Und, statt schulterzeigender Tanktops tragen die Mitglieder T-Shirts.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf die Kleiderordnung weisen schon die Piktogramme an den Türen der Umkleide hin. Hauptsache, die Schultern sind bedeckt. „Heute Morgen hatte ich ein Training mit einer Frau, die sogar lange Ärmel getragen hat“, sagt Karlheinz Mahl, Geschäftsleiter der Kieser-Training-Filiale.

          Zu jeder Jahreszeit

          Dass bei Kieser vieles anders ist als in herkömmlichen Fitness-Studios, das zeigt sich eben auch immer deutlicher an der Kleiderordnung. An den Laufbändern, Fahrrädern und Crosser-Geräten der anderen Studios sieht das Bild nämlich, zumindest wenn man sich auf die Frauen konzentriert, so aus: Sport-BH, darüber ein weit ausgeschnittenes dünnes Tanktop oder zumindest eines, das die Schultern zeigt. T-Shirt? Von gestern. Ein Poloshirt, das ursprünglich sogar mal für den Sport erfunden wurde? Können die Golfer tragen. Wer um 19.30 Uhr auf einem Crosstrainer steht, hat geringe Chancen, auch nur ein einziges T-Shirt zu sehen.

          Beim Sport hat das Tanktop in den vergangenen Jahren einen echten Siegeszug hingelegt. Man sieht es nicht nur an den warmen Tagen, wie jetzt im Spätsommer. Der Eindruck am ersten Januar-Montag im Jahr unterscheidet sich nicht sonderlich von dem Anfang September.

          Imagewandel des Tanktops

          Dabei war das Tanktop, für Männer wie für Frauen, in zahlreichen Fitness-Studios vor einem guten Jahrzehnt kein gerngesehenes Stück Stoff. Bei Tanktop-Gegnern und im Lager der Befürworter steht Argument gegen Argument. Auch Karlheinz Mahl führt hygienische Gründe an, die gegen das schulterfreie Teil beim schweißtreibenden Sport sprechen. „Wobei unser Gründer Werner Kieser auch empfiehlt, den Bereich zu bedecken, weil dieser empfindlich sein soll, was den Luftzug anbelangt.“ Tanktop-Befürworter entgegnen, sie hätten doch ein Handtuch dabei. Und würden sich warm machen.

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          Das Tanktop beim Sport war vor einem guten Jahrzehnt noch vor allem ein elementares Teil der Uniform von Muckibuden-Typen. Viele Studios waren zu dieser Zeit gerade dabei, sich von diesem Image zu emanzipieren – in den Jahren, als es noch nicht so selbstverständlich war wie heute, ins Fitness-Studio zu gehen, als die Mitgliederzahlen noch nicht so stetig stiegen wie im Jahr 2015, zuletzt auf neun Millionen.

          Dieser Tage dagegen dürfte eine Mitgliedschaft im Fitness-Club für viele das Mindeste sein, was sie für sich tun. Wenn man es schon nicht zweimal die Woche um 6.30 Uhr zum Laufen in freier Natur schafft. Oder wenn man Yoga nicht so früh gelernt hat, dass man sich heute auf der Matte nicht sogar vor Hunden schämen muss. Oder man einen kommunikativen Sport wie Tennis aus der Kindheit im Erwachsenenalter beibehalten hat. Oder man sich von einer Ballettlehrerin, die in der ehemaligen Sowjetunion ausgebildet wurde, so triezen lassen will wie damals mit sieben Jahren.

          „Training ist zur eigenen Sportart geworden“

          Stattdessen zahlen eben auch jene, die früher einfach unsportlich waren, heute schnell 75 Euro für die Mitgliedschaft. Wer einen Funken Bewusstsein für seinen Körper hat, muss Sport machen. Stand das Tanktop für Männer mal für den Muskelprotz, der sich von Protein-Shakes und verbotenem Zeug ernährt, ist es heute für Frauen Symbol für allgemeine Sportlichkeit, die längst zum guten Leben dazugehört.

          Also tragen nicht mehr nur die Fitness-Influencer auf Instagram zur Leggings Sport-Bra und darüber ein Tanktop, es ist auch die Uniform von Frauen, die sich einmal die Woche nach der Schreibtischarbeit Richtung Laufband schleppen.

          „Training ist zu einer eigenen Sportart geworden“, sagt Sabrina Schwerdtner, die bei Adidas für diesen Bereich zuständig ist. „Früher trainierte man, um schneller am Ball zu sein, um höher springen zu können, aber jetzt treffen sich die Leute zum Work-Out.“ Weil es immer mehr Menschen gebe, die Training als Sportart eigenen Rechts ausüben wollten, steige eben auch der Bedarf an passender Kleidung.

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