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Tagesdecken aus der UDSSR : Buntes Farbenmeer am Strand von Odessa

  • -Aktualisiert am

Früher auf dem Bett, heute auf dem Sand: Tagesdecken aus der UDSSR. Bild: Axel Schön

Heute längst aus der Mode, gehörte in der Sowjetunion auf jedes Bett eine Tagesdecke. In den Müll müssen die Decken trotzdem nicht: Sie eigenen sich hervorragend für den Strand.

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          Es gibt Dinge, ohne die der Mensch sich sein Leben heute nicht mehr vorstellen kann. Computer, Smartphone, Auto, Thermowäsche, Teflonpfanne, Medikamente als Brausetabletten. Und vieles mehr. Man nimmt sie eigentlich nur noch wahr, wenn sie nicht funktionieren. Andere Dinge haben musealen Wert, sie sind wertvoll oder selten. Man benutzt sie nicht, sie sind eine Wertanlage.

          Und dann gibt es noch die seltsamen Dinge, die schon länger aus der Mode sind. Nur kann man sich nicht überwinden, sie wegzuwerfen. Man stößt auf solch ein Ding und denkt: „Das liegt jetzt schon so lange unbenutzt herum.“ Man dreht und wendet es und legt es dann doch wieder zurück in den Schrank, mit dem Vorsatz: „Ich werfe es irgendwann weg, dann aber wirklich.“ So verschwindet das nutzlose Ding wieder, bis man das nächste Mal umzieht oder mal wieder ausmistet.

          Ein solches Schicksal widerfuhr wohl auch diesem sonderbaren Textil namens „Tagesdecke Gobelin“. Oder anders: Tagesdecke, Made in USSR.

          Morgens wird das Bett gemacht

          Millionenfach wurden die Decken aus festem, farbigem Garn produziert. Kräftig wie der Händedruck Leonid Breschnews, bedeckten sie die Betten der Sowjetmenschen der siebziger und achtziger Jahre. Das Familienleben war damals spartanisch und einfach. Meist spielte es sich im einzigen Zimmer in einer Kommunalwohnung ab: schlafen, essen, leben, Kinder zeugen. Ein eigenes Schlafzimmer? Das war ein unvorstellbarer Luxus für Sowjetmenschen. Nur selten hatte man die Möglichkeit, sich auf einem großen, breiten Bett mit blütenweißem Bettzeug auszustrecken. Das war eine fremde Vorstellung aus der fernen Film- und Märchenwelt. Oder gleich aus der des Klassenfeinds.

          Ein Morgenritual des sowjetischen Normalbürgers war das ordentliche Beziehen des Betts mit der dicken und rüschigen Tagesdecke. Ein ungemachtes, unordentliches Bett gehörte zu den täglichen Sünden der Kinder, wie versäumte Schulaufgaben, zerschlagenes Porzellan oder der nicht gefütterte Kater. Die Erwachsenen machten ihr Bett meist ordentlich und pedantisch korrekt, schließlich hatten damals statistisch gesehen so gut wie alle die für ihre Strenge berüchtigten Kinderheime oder Internate durchlaufen oder den Dienst in der Armee. Und auch außerhalb der staatlichen Einrichtungen war die Erziehung in der Zeit oft von unbarmherziger Strenge geprägt.

          Bilderstrecke

          Die Textilindustrie hatte zur Sowjetzeit stets für den Binnenmarkt gearbeitet. Sie musste keine Konkurrenz durch Importe fürchten, und ungeachtet der herrschenden Mangelwirtschaft gab es nie einen Mangel an Tagesdecken. Aus irgendeinem Grund waren stets genug für alle da.

          Russische Qualitätsware

          1991 war das letzte Jahr, in dem die Produktion einen geringfügigen Zuwachs verzeichnete. In den Folgejahren ging sie schnell zurück, etwa um zwei Drittel, und auf dem Niveau stagnierte sie bis 2007, mit geringen Schwankungen. Schlimmer traf es die übrige Textilindustrie mit ihren gigantischen volkseigenen Betrieben, der unflexiblen Technik, den riesigen Hallen, denen schon die Heiz- und Stromkosten schnell den Garaus machten.

          Weil die Produktionskosten mit den Grundstückspreisen in den Metropolen stiegen, mussten 2003 so gut wie alle Textilfabriken in St. Petersburg und ein Großteil der Moskauer Fabriken schließen. Die frei gewordenen Gewerbeflächen wurden umgewidmet in Lager oder in besseren Fällen in Einkaufszentren und Restaurants. Allein Iwanowo, einst das Zentrum der sowjetischen Textilindustrie, hielt länger durch. Die Kleinbetriebe stecken heute in ernsten Schwierigkeiten, weil sie nicht konkurrenzfähig sind – die Asiaten produzieren billiger. Dabei war die Qualität der russischen Textilien immer der billigen chinesischen Ware voraus.

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