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Berliner Modewoche – Tag 2 : Vom Zirkuszelt zum Modesalon

Mädchen auf dem Laufsteg: Anna Ermakova läuft für Riani. Bild: dpa

An Prominenten herrscht kein Mangel auf der Fashion Week. Aber auch überzeugende Kollektionen haben nun ihren Ort. Tag zwei der Berliner Modewoche im Rückblick.

          Sie wackelt ein bisschen auf den hohen Schuhen, läuft auf dem Laufsteg etwas zu weit auf die Fotografen zu, verliert fast den Anschluss zu den geübten Models – und wir so oft fotografiert wie kein anderes Mädchen. In diesem Fall stimmt das mit dem Wort Mädchen: Hier ist kein Model unterwegs auf dem Laufsteg der Riani-Schau in Berlin, sondern eine Vierzehnjährige. In New York würde es einen Skandal hervorrufen, weil Kinder dort nicht auf den Laufsteg dürfen. Hier, im Zelt der Berliner Modewoche am Brandenburger Tor, ist die Freude groß.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Oder ist es Schadenfreude? Denn das Mädchen heißt Anna Ermakova, ist die uneheliche Tochter von Boris Becker und somit in der prominentenfixierten Festzeltstimmung das Thema der Stunde. Schadenfreude aber ist nicht angebracht. Denn Anna gehört zu einer ganzen Generation von Mädchen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als über den Laufsteg zu schweben – selbst wenn er ins Nichts führt. Außerdem wird sie von ihrer Mutter Angela begleitet, der Kurzzeitgeliebten Boris Beckers, die sie nicht aus dem Blick lässt und filmend auf dem ersten Platz am Ausgang zum Laufsteg sitzt. An diesem Mittwoch wird Anna wieder brav in London in der Schule sitzen.

          Dabei ist der Zirkus um die prominenten Gesichter gar nicht notwendig. Es wäre ja schon damit getan, die aufwendigen Brokatstoffe etwas moderner zu interpretieren oder das Publikum einfach mit ein paar Farben weniger zu erfreuen. Bilderstrecke

          Also alles gut? Nein. Denn manche Marken auf der Berliner Modewoche scheinen die Berliner Modewoche nicht ernst zu nehmen. Noch immer geht es vielen um den Zirkus im Zelt, um Marketing statt Mode. Selbst eine so bodenständige und erfolgreiche Firma wie Riani aus dem schönen Städtchen Schorndorf bei Stuttgart gibt sich dem Celebrity-Trend hin – dabei wäre es ja schon damit getan, die aufwendigen Brokatstoffe etwas moderner zu interpretieren oder das Publikum einfach mit ein paar Farben weniger zu erfreuen.

          Bei der Schau von Marc Cain, ebenfalls aus dem Südwesten der Republik und noch erfolgreicher als Riani, stellen sich ähnliche Fragen: Ist das nun Bettina Zimmermann oder Katie Holmes da in der ersten Reihe? Antwort: Beide sind da. Lieber alles zu nehmen statt eines – das gilt auch für die Kollektion. Einer sagt über die fehlende Stringenz: „Das ist ein Durcheinander!“ Der nächste hat die Aussage erkannt: „Mix and match.“ Die schönen Strickteile sind mit Drucken zu kombinieren, die am Ende mit urbanen Motiven richtig stark werden. Man darf das Design durchaus der geschickten Geschäftspolitik des Gründers und Chefs Helmut Schlotterer zurechnen: Aus dem freien Kombinieren der Stücke erwächst die Chance, viele Teile zu verkaufen – und das ist angesichts der Lage der deutschen Mode schon mal eine Leistung.

          Die Lust, Grenzen auszutesten

          Aber die Mode lebt natürlich auch aus eigengesetzlicher Phantasie, aus dem Zauber des Moments, der Lust, alle Grenzen auszutesten. Da haben es die jungen Designer leichter, weil sie nicht so viel zu verlieren haben an Kundinnen oder Umsatz. So wie Aleks Kurkowski, Avantgarde-Designerin. Was sie an Berlin mag: die unterschiedlichen Stilrichtungen in dieser Stadt. Sie selbst bereichert das Spektrum am Dienstagmorgen um beeindruckende Avantgarde-Mode. Ihre Schlauchkleider für Damen oder die Wollfilz-Jacken mit hohen Kragen und Tunika-Hemden für Männer verfremden die Silhouette. Und eine halbe Stunde später sieht man bei Lena Hoschek, wie aus Models echte Frauen werden. Die österreichische Designerin arbeitet sich immer wieder an ihrer Nationaltracht ab: Die Röcke schwingen, die Ausschnitte sitzen tief. Das ist auch dieses Mal nicht anders, die Taillen schmal, die Dekolletés präsent. Diese Kleider gefallen auch Frauen, die eigentlich etwas gegen Trachtenmode haben. Lena Hoschek macht das Dirndl selbst für diese Kundinnen erträglich.

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