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Berliner Modewoche – Tag 3 : In Elektroblau zurück Richtung Zukunft

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Erlaubt ist, was pink, metallfarben oder aus Plastik ist: Neunziger-Souvenirs von Bobby Kolade Bild: AP

Tag drei der Fashion Week: Zu Beginn gibt’s eine Tasse Tee, am Abend Vodka. Beides ist nötig, bei Juli-April-Wetter.

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          Sie hat sich Zeit gelassen. Nobieh Talaei, 1978 in Teheran geboren und Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland gekommen, gründete ihr Label Nobi Talaei (zwei Buchstaben fehlen der Einfachheit halber) erst in diesem Jahr. Für eine Berliner Designerin ist das spät, viele sind schon mit Mitte zwanzig dabei. Also macht hier die ein oder andere Tasse Tee, die Talaei an diesem Donnerstagmorgen vor ihrer Präsentation serviert, zeitlich auch keinen Unterschied. Das Warten – für sie selbst, bis zur Labelgründung und für die Gäste, bis sie die Mode sehen – hat sich gelohnt. Bei den Großstadtnomaden, die im ersten Stock des Kronprinzenpalais im aufgeschütteten Sand stehen, stimmt alles. Die Farben (weiß, braun, dunkelblau, grau) passen zu den Stoffen (Wildleder und Seide) passen zu den Schnitten (locker) passen zu den verknoteten Bändern, die fast so oft vorkommen wie Nähte. Da muss doch auch irgendwas nicht passen! Die Schuhe! Sind alle unterschiedlich! High Heels mit Kristall-Anhängern wie bei einem Kronleuchter, Platform-Brogues in Kupfer, spitze Schläppchen, die hinten offen sind. Sogar das Styling stimmt.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch für Annelie Schubert ist es die erste Kollektion, dafür aber ihr zweiter Laufsteg: Im April zeigte sie ihre Kleider unter den wachen Augen von Karl Lagerfeld auf dem Modefestival im südfranzösischen Hyères – und gewann. Jetzt wird sie von Chanel gefördert und bekommt eine Modenschau in Berlin spendiert. Sie kombiniert traditionelle Walkstoffe mit Neopren oder schwere Wollstoffe mit Organza und arbeitet die Ebenen geschickt mit Drapierungen heraus, schließlich lernte sie ihr Handwerk bei Haider Ackermann. Die Fashion Week ist ein Heimspiel für die Wahlberlinerin, die eher freudig erregt als aufgeregt ist, weil sie endlich Freunden und Familien ihre Arbeit präsentiert. Auch das Festival-Team aus Frankreich ist angereist und gratuliert standesgemäß weder auf Englisch noch Deutsch. Kein Problem: Als Halbfranzösin ist Annelie Schubert für alles gewappnet.

          Timm Süßbrich schickt für sein Label Barre Noire zwei Tänzerinnen auf den Laufsteg, die man irgendwie von „ProSieben“ kennen soll. Sie tanzen jedenfalls vor der Schau zu MC Hammers „Can’t Touch This“. Dabei gibt es einige Teile, die wir schon gern mal getoucht hätten: Die Cut-out-Shorts aus Wildleder zum Beispiel (trägt man die wirklich ohne Unterwäsche?), oder die Marlenehose aus Velours mit der Knopfleiste am Bein – da werden Erinnerungen an die „Schnellfickerhose“ (Süßbrich) von Adidas wach. „Can’t Touch This“ hieß schon damals die Warnung.

          Tja, Erinnerungen, erster Gedanke beim Warten auf die Schau von Bobby Kolade im ersten Stock der Sophiensäle an der Sophienstraße: Die Atmosphäre der Berliner Modewoche ist immer noch von derselben gemütlich-hippen Sorte wie zu Beginn, damals 2007. Nicht mal die Leute scheinen älter zu werden. Erster Gedanke während der Schau: Es geht zeitlich noch weiter zurück, bis in die Technojahre der Stadt zu Beginn der Neunziger. Willkommen im Club Kolade! Die Models tragen aus heutiger Sicht lauter Stilsünden, also Relikte der Zeit: weite pinkfarbene hochgekrempelte Hosen, Netztops, rote Plastikcapekleider, Crop-Tops mit Schleppen. Wie gewollt und nicht gekonnt könnte das aussehen. Tut es aber nicht. All diese Neunziger-Souvenirs bieten den besten Rahmen zum Beispiel für die Jumpsuits, die je nach Perspektive wie gut geschnittene Hosenanzüge aussehen, die Jacke zur Hälfte gelb, zur Hälfte grau. Gibt’s natürlich auch in Elektroblau-Silber, wir sind ja in den Neunzigern.

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