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Berliner Modewoche – Tag 1 : Spanische Winter, kein Sommer ohne Leinen

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Überhaupt, mal abgesehen von der nicht ganz so zentralen Lage, wen stört es denn wirklich, dass die Modewoche nun ihren Platz im Wedding hat? Zwischen Sex-Shops und Dönerbuden? Statt in der gesetzten Umgebung von Brandenburger Tor, Hotel Adlon und Tiergarten? Die Berliner Mode ist schließlich am besten, wenn sie nicht prätentiös ist, nicht auf große, etablierte Designhäuser schielt, wenn Ein-Mann-zwei-Praktikanten-Betriebe nicht glauben, 97 Looks über den Laufsteg schicken zu müssen, sondern sich mit 15 begnügen, mit 15 guten.

Oder wenn sie wenigstens ihren Schnitten treu bleiben, so wie Ivan Mandzukić. Er setzt stattdessen auf neue, satte Farben, tannengrün etwa und königsblau: Die Sweater seines Labels Ivanman aus leichtem Merino-Strick versieht der gebürtige Serbe mit losen Fäden und perforierten Ärmeln, aber die Varsity-Jacke aus blauer Schurwolle schlägt nichts.

Jennifer Brachmann, vom gleichnamigen Label Brachmann, hat es sich zur Aufgabe gemacht, klassischen Männerteilen durch neue Schnitte und Kragenvariationen einen anderen Twist zu geben. „Da ist eher die Frage, was man nicht macht, als was man macht“, sagt die Designerin. „Wenn ich Stoffe um 45 oder 90 Grad zueinander drehe, verändert sich die ganze Wirkung.“ An einem spart sie aber nie: „Kein Sommer ohne Leinen!“

Bei solchen Labels kann auch die Stadt Berlin zufrieden sein. Für sie ist die Mode mit über 3500 Unternehmen längst zum Wirtschaftsfaktor geworden. Wer weiß, wie viele mit der Bread & Butter wieder gehen werden, zumindest eins könnte aber dazukommen. Den ersten Preis beim vom Berliner Senat organisierten Wettbewerb „Start Your Fashion Business“ gewinnt am frühen Dienstagabend nämlich Tim Labenda – der in Würzburg wohnt. Jetzt muss er nur noch in Berlin Wurzeln schlagen, denn das Preisgeld von 22.000 Euro wird erst mit der passenden Adresse in der Stadt ausgezahlt.

Der Schweizer Julian Zigerli bekennt sich schon mal zu Berlin, jedenfalls mehr als zu Deutschland. Es ist keine Flagge, die sich Zigerli da um den Hals gelegt hat. Sondern ein Teil seiner neuen Kollektion, das zufällig so liegt, dass der Designer in Schwarz-Rot-Gold am Backstage-Eingang erscheint. Er hat gerade erst die Mailänder Männerschauen geschlossen und gilt als vielversprechender Jungdesigner für Männermode, seit Giorgio Armani ihn in der vergangenen Saison nach Mailand holte. Die Camera Moda hat ihm nun das Antrittsgeld von 5000 Euro erlassen, auch sie sucht händeringend frische Talente. Doch obwohl sich in Mailand neue Chancen aufgetan haben, will Zigerli Berlin nicht den Rücken kehren. „Berlin hat noch dieser Freiheit“, meint Zigerli. „Auch wenn sich die Stadt in den letzten Jahren sehr verändert hat.“ Er hat an der UdK sein Handwerk gelernt, und das sieht man: Spiral-Ärmel hängen an Jacken mit pastellfarbenen Prints - die Muster hierfür hat er mit Bauschaum kreiert. Solch ausgefallene Stücke mischen sich mit tragbaren Digitaldrucken, allesamt in klassisch grellen Zigerli-Farben, und auch die Sonnenbrillen sind ein Hingucker. Zigerli schafft markante, sportliche Mode, ohne die Kollektion ins Lächerliche abgleiten zu lassen.

Stichwort Blumenprints. Die sind immer so eine Sache. In der Mode sind sie kaum auszurotten, aus gutem Grund. So etwas zieht immer. Nur zieht es auch Männer an? Frida Homann setzt mit ihrem Label Dyn darauf. Die Blumen hat sie dafür eigens fotografiert und als kaleidsokopartige Prints auf Jacken und Sweater übertragen. Eine mit hunderten Baumwollblüten bestickte Jacke, gibt sie freimütig zu, sei eh nur ein „Showpiece“. Es ist die sechste Kollektion der jungen Berlinerin, und doch sind die Unterschiede zur vorherigen beachtlich. Geblieben sei nur das „Spiel der Männlichkeit mit der Weiblichkeit“, sagt Homann. Teil einer Findungsphase oder Sinneswandel, das wird sich zeigen.

Und wo wir schon wieder beim Krisenthema sind, Balsam für die geschundene Modeseele gibt es dann am Abend, nämlich auf der Party, die das „Interview“-Magazin mit der Modemarke Set feiert. Mit dem 7:1, mit dem Weißwein statt Bier, sind alle Sorgen vergessen, mindestens für 92 Minuten. „Kannst du das glauben?!“, schreit einer ins Telefon. Nur Pharrells „Happy“ aus allen Lautsprechern dröhntlauter. Nach dem Sieg der Deutschen tanzen die Modemenschen, als gäbe es kein Morgen. Die Brasilianer weinen still auf der Leinwand.

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