https://www.faz.net/-hrx-9soxt

Schmuck aus Kunststoff : Echt Plastik

  • -Aktualisiert am

Schmuckdesignerin Svenja John ist Plastik-Fan. Bild: Andreas Pein

Polycarbonat statt Gold: Svenja John gestaltet Schmuck aus Kunststoff für selbstbewusste Kundinnen. Die Anregungen kommen aus der Natur, das Knowhow von der Industrie.

          4 Min.

          Um Svenja Johns Arbeiten zu verstehen, hilft ein Blick auf den Balkon ihrer Wohnung. Hoch über der Schlesischen Straße, Südwest, volle Sonne, unten dröhnt das Kreuzberger Leben. Hier stehen Töpfe mit Sukkulenten dicht an dicht, lauter dickblättrige Kuriositäten. Lilafarbene Knubbel liegen auf der Erde, sattgrüne Rosetten recken sich verdreht gen Himmel. Svenja John nimmt eines der fetten Gewächse in die Hand und drückt es zärtlich. In der Berliner Altbauwohnung finden sich weitere Extravaganzen: drei pittoresk vertrocknete Sonnenblumen auf der Küchenarbeitsplatte; im Wohnzimmer Vasen mit Arrangements wie hingetupft; eine Dillblüte, Zierlauch und andere filigrane Gewächse.

          „Blumen sind meine Leidenschaft„, sagt Svenja John. „Dafür gebe ich viel Geld aus.“ Eine Leidenschaft sicher, aber kein Selbstzweck. Die 55 Jahre alte Schmuckgestalterin lässt sich von der Vielfalt der floralen Formen, von den Strukturen und Farben immer wieder inspirieren.

          „Die Natur ist vollendet.“ Sie schwärmt von einer Reise zum Great Barrier Reef in Australien und seiner faszinierenden Unterwasserwelt. Schon im Studium an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau lernte sie die Zeichnungen des Mediziners und Zoologen Ernst Haeckel kennen, seine berühmte Lithografiensammlung „Kunstformen der Natur“ ist eine Feier der Schönheit von Tieren und Pflanzen. „Die Übertragung der Inspiration aus der Natur, das ist die Kunst“, sagt John, die 1994 ihr Studio in Berlin gründete.

          Die Autorenschmuckmacherin

          Diese Übertragung geschieht bei Svenja John allerdings in einem ziemlich unnatürlichen Material: in Kunststoff. Ihre Schmuckstücke stellt sie ausschließlich aus Polycarbonat und Nylon her. Sie entwirft modulare Elemente und steckt sie zu komplexen Armreifen, Broschen oder Colliers zusammen.

          Armreife aus Polycarbonat und Nylon – einzelne Elemente hat Svenja John von Hand bemalt.

          Dabei bedient sie sich aus einem über die Jahre selbst entwickelten Baukasten von Teilen, die sie in verschiedenen Kombinationen und Farben immer wieder verwendet. Im ersten Moment mögen die Gebilde technisch wirken oder abstrakt. Doch bei genauem Hinsehen scheinen natürliche Vorbilder auf, die Form eines Knochens oder einer Koralle, eine Brosche erinnert an einen schillernden Käfer. Es sind Unikate, Stücke, die schon wegen ihrer Größe und Farbigkeit statement pieces sind.

          Das ist John natürlich klar: „Wer mit einem so offensiven Schmuckstück auf die Straße geht, muss Reaktionen aushalten können.“ Selbstbewusst seien ihre Kundinnen und meistens schon etwas älter. Wobei auch Männer kauften, einige wählten sogar ihre Anzüge nach den Teilen aus. Die Schmuckmacherin trägt ihre Arbeiten gerne auch selbst. Oft seien sie schon auf der Kleidung plaziert: So brauche sie das Kleid nur aus dem Schrank zu nehmen und sei gut angezogen, ohne sich weitere Gedanken machen zu müssen.

          Svenja John bezeichnet sich als Autorenschmuckmacherin, sie stellt in spezialisierten Galerien aus und verkauft vor allem an Sammler. Angefangen hat sie ganz klassisch, mit einer Goldschmiedeausbildung, das war schon mit 16 Jahren ihr Berufswunsch. Dass sie so früh so entschieden war, erklärt sie mit einer Begegnung im Familienurlaub in Italien: „Dort habe ich eine Goldschmiedin kennengelernt, die mir von ihrer Arbeit erzählt hat. Da wusste ich sofort: Das ist meines.“

          Hand bemalt

          Schon damals gefiel ihr, dass in diesem Beruf alles in einer Hand liegt, vom Entwurf bis zur Herstellung. Nach der Ausbildung an der Zeichenakademie in Hanau ging sie für ihre Gesellenzeit nach West-Berlin, noch vor dem Fall der Mauer, und arbeitete zwei Jahre lang bei einem Goldschmied. Danach absolvierte sie an der Hanauer Akademie ein Designstudium. Für eine Semesteraufgabe sollten die Studenten Kunststoff verwenden.

          Weitere Themen

          Pirelli-Kalender von „Romeo und Julia“ inspiriert Video-Seite öffnen

          Vorstellung in Verona : Pirelli-Kalender von „Romeo und Julia“ inspiriert

          Der italienische Modefotograf Paolo Roversi hat unter dem Motto "Looking for Juliet" Stars für den berühmten Kalender des Reifenherstellers abgelichtet. Nun präsentierte nun stolz das Ergebnis, bei dem unter anderem seine Tochter Stella mitwirkte.

          Ohne Experimente am Meer

          Art Basel Miami : Ohne Experimente am Meer

          Bei der Art Basel Miami Beach haben afroamerikanische und afrikanische Künstler starke Auftritte. Es gibt weiterhin Blue Chips, und Südamerika gibt wichtige Impulse.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.