https://www.faz.net/-hrx-9mui8

Schaufensterfiguren : Die Puppen-Mutter

  • -Aktualisiert am

2001 übernahm Bonaveri auch noch das Schweizer Unternehmen Schläppi. Das hatte bereits in den siebziger Jahren eine schlichte Figur für Yves Saint Laurent entworfen, deren zierliche Silhouette von Audrey Hepburn inspiriert war und die konsequenterweise auch Hubert de Givenchy gerne verwendete. Bonaveri legte den Klassiker neu auf und feiert mit unterschiedlichen Variationen der Figur bis heute Erfolge.

Der Lebenszyklus von Schaufensterfiguren ist lang, mindestens zehn Jahre werden die meisten genutzt. Wer jemals sah, wie beherzt die Figuren hinter abgeklebten Schaufenstern aus- und wieder angezogen werden, ahnt, wie robust sie sein müssen. Das passende Material zu finden war anfangs gar nicht so einfach. Als im späten 19. Jahrhundert das Einkaufen nicht mehr als reine Notwendigkeit betrachtet, sondern als Vergnügen inszeniert wurde, entstanden die ersten Schaufensterfiguren. Sie waren aus Wachs und mit Glasaugen und echten Haaren verziert, zeichneten sich aber nicht gerade durch hohe Flexibilität aus und drohten bei hohen Temperaturen auch noch zu schmelzen.

Auch Nachhaltigkeit ist ein Thema

Die eigentlich für Puppen kleineren Formats bekannte Käthe Kruse war es, die in den dreißiger Jahren ein Metallskelett entwarf, so dass auch Schaufensterfiguren mit beweglichen Gelenken versehen werden konnten. Etwa zur selben Zeit schuf der amerikanische Künstler Lester Gaba mit seiner „Cynthia“ eine extrem realistische Figur aus Plastik, die nicht nur auf dem Titel des Magazins „Life“, sondern 1937 auch auf der Gästeliste der Hochzeit des ehemaligen britischen Thronfolgers Edward mit Wallis Simpson landete und sowohl von Tiffany & Co. als auch von Cartier mit Schmuck bedacht wurde. Das alles für eine Plastikfigur! Auch für die weniger prominenten Modelle wurde Kunststoff fortan zum meistverwendeten Material.

Heute werden die Figuren für gewöhnlich aus Fiberglas hergestellt, sagt Oelmann, bei großen Stückzahlen komme oft Kunststoff zum Einsatz. Nachhaltigkeit ist auch in diesem Nischenmarkt ein Thema; bei Bonaveri setzt man auf komplett biologisch abbaubaren Kunststoff auf Zuckerrohrbasis. Das jeweilige Material wird in eine Form aus Ton gegeben, die wiederum mit Hilfe eines Metallgerüsts entsteht. Das entwerfen und fertigen Bildhauer anhand von Moodboards und Fotografien echter Models in den gewünschten Posen an. Bis eine neue Figur in Serie gehen kann, vergehen rund zwei Monate.

Auch wenn sie heute überwiegend schlicht gehalten sind, wohnt Schaufensterfiguren noch immer eine Faszination inne, die sie wie schon in den Achtzigern auch die Leinwand erobern lässt. So überredet eine Figur die Protagonistin der Komödie „Shopaholic“ aus dem Jahr 2009 anfangs noch zum folgenschweren Kauf eines Seidenschals, am Ende des Films aber applaudiert eine ganze Garde von Figuren hinter den hohen Glasfronten der New Yorker Luxusboutiquen der Heldin, die ihre Kaufsucht endlich überwunden hat.

Shopping-Exzesse sind derweil bei einem großen Auftritt von Bonaveri-Figuren im Herbst nicht zu befürchten: Wenn der Düsseldorfer Kunstpalast auf das Lebenswerk des Designers Pierre Cardin zurückblickt, wird dessen avantgardistisch-revolutionäre Mode an den Figuren präsentiert. Subtil – und umso wirkungsvoller.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Weitere Themen

Pirelli-Kalender von „Romeo und Julia“ inspiriert Video-Seite öffnen

Vorstellung in Verona : Pirelli-Kalender von „Romeo und Julia“ inspiriert

Der italienische Modefotograf Paolo Roversi hat unter dem Motto "Looking for Juliet" Stars für den berühmten Kalender des Reifenherstellers abgelichtet. Nun präsentierte nun stolz das Ergebnis, bei dem unter anderem seine Tochter Stella mitwirkte.

Stretchstoff mit Ecken und Kanten

Prämiertes Sofa : Stretchstoff mit Ecken und Kanten

Stretchig, kantig, klobig: Der niederländische Designpreis GIO prämiert dieses Jahr einen Entwurf der Designerin Susanne de Graef – der zwar aus der Zeit gefallen wirkt, sich aber an ein ungewöhnliches Material traut.

Topmeldungen

Parteitag stimmt zu : Die SPD sagt vorerst Ja zur Groko

Der Leitantrag zum Fortbestand der Großen Koalition findet auf dem Parteitag in Berlin eine breite Unterstützung: Die Genossen wollen ihre neuen Vorsitzenden stärken. Die sollen nun Gespräche mit der Union suchen.

Merkel in Auschwitz : Die Bausätze des Hasses

Die Lehre von Auschwitz lautet: Wehret den Anfängen! Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie daher eine Warnung sein.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.