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Schaufensterfiguren : Die Puppen-Mutter

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Deshalb sei auch die Passform so wichtig. Ein schon auf der Schaufensterfigur nicht perfekt sitzendes Kleid lockt eben kaum jemanden ins Geschäft: „Man kann schlechte Mode mit einer guten Figur aufwerten, aber man kann hochwertige Mode auch mit einer schlechten Figur zerstören.“ Der Blick der Betrachter verharrt dabei oft auf dem jeweiligen Kleidungsstück; die Figur, die es trägt, wird nur unterschwellig wahrgenommen. „Ihre Botschaft ist subtil. Die Mode steht im Vordergrund, nicht die Figuren“, bestätigt Oelmann.

Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, ernte sie überraschte Reaktionen. „Oft heißt es dann: ,Schaufensterfiguren? Darüber habe ich ja noch nie nachgedacht.‘ So ganz stimmt das nicht. Die meisten merken nur nicht, wie die Figuren auf sie wirken. Ob ein Fenster stimmig ist, ob Farben, Hintergrund, Figuren und Mode zusammenpassen, merken die Betrachter natürlich, aber eben unbewusst.“

Diese Nebenrolle stört Oelmann ganz und gar nicht: „Es ist spannend, mitzuerleben, wie Designer ihre ganz eigene DNA finden und diese dann – auch mit Hilfe unserer Figuren – in ihren Stores umsetzen. Und die Händler messen ihren Erfolg natürlich am Umsatz. Wenn wir zu dem beitragen können, macht das schon stolz.“ Wie groß die subtile Wirkung sein kann, bewies vergangenes Jahr eine aufwendige Installation mit einer großen Gruppe von Bonaveri-Figuren der neuen Serie „Tribe“ in allen Hautfarben im Schaufenster der Mailänder Filiale von Max&Co, die nicht nur für ein enormes Plus an Besuchern sorgte, sondern auch an Verkäufen.

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Dann kam Jil Sander

Gerade Luxuslabels schätzen Bonaveri-Figuren; viele lassen sich eigene anfertigen. Das Unternehmen verkauft zu 50 Prozent Exklusivmodelle, die in keinem Katalog zu finden sind. So sichern Marken wie Versace und Hermès, dass niemand so leicht ihre Schaufenster-Installationen kopieren kann. Auch für die alljährlich und diesjährig am vergangenen Montag mit der „Met Gala“ eröffnete Mode-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York fertigt Bonaveri Figuren an. Ob in der Boutique oder im Museum, bei allen Figuren kommt das künstlerische Handwerk von Bildhauern zum Einsatz, die Posen und Körperformen genau studieren und dann abbilden.

Noch vor zwanzig Jahren sahen die Auslagen von Modegeschäften ganz anders aus. Schaufensterfiguren posierten auffällig, trugen Make-up, Perücken und angeklebte Schnurrbärte, sollten die Realität imitieren – manchmal täuschend echt: Mit blonder Dauerwelle eroberte etwa Kim Cattrall 1987 im Film „Mannequin“ als zum Leben erwachte Schaufensterpuppe das Herz eines erfolglosen Dekorateurs.

Im Showroom: Seit 20 Jahren betreut Susanne Oelmann ihre Kunden.

Und dann kam Jil Sander. Zu ihrer bestechend schlichten Mode und ihrem minimalistischen Interieur passten keine Figuren mit ausladenden Perücken, knalligem Lidschatten und exaltierten Posen. In einer Ausgabe der italienischen „Vogue“ stieß Sander in den Neunzigern auf eine Anzeige von Bonaveri, kontaktierte das Unternehmen und wurde die erste deutsche Designerin, die ihre Entwürfe an Figuren präsentierte, die ganz ohne große Pose und vor allem ohne Kopf auskamen. Damals ein absolutes Novum.

Kopflos war dieser Schritt nicht. Sanders Beispiel folgten immer mehr Designer und Marken, und heute sind stilisierte Figuren, die jenseits von der präzisen Passform nur andeuten und überspitzen, ein gewohnter Anblick. „Daran sind wir nicht ganz unschuldig“, sagt Oelmann und klingt stolz. Das italienische Unternehmen und die Hamburger Designerin blieben einander eng verbunden, auch in der Jil-Sander-Ausstellung im Jahr 2017 in Frankfurt wurde ihre Mode an Bonaveri-Puppen gezeigt. Oelmann selbst hatte zuvor mit der Designerin in Hamburg die passenden Modelle ausgewählt.

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