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Macht sein Ding

Von PETER-PHILIPP SCHMITT, Fotos JULIA ZIMMERMANN

15. April 2020 · Jasper Morrison ist ein stiller Star. Der Brite hat das Neue Deutsche Design der Achtziger und die Neue Einfachheit der Neunziger geprägt. Sein Credo der Funktionalität aber ist zeitlos. Ein Studiobesuch in London.

Das Haus wirkt abbruchreif. Die Fenster im ersten Stock sind von innen mit Brettern vernagelt. An der Hauswand prangt das Schild einer Immobiliengesellschaft, die offenbar schon länger nach einem Käufer sucht. Im Erdgeschoss hat noch einer der typischen Londoner Mini Markets geöffnet, in dem es fast alles gibt, sogar „Beer, Wine & Spirits“, aber „off licence“, nur zum Mitnehmen. Neben dem Laden und einem Geldautomaten steht an einer schwarzen Holztür groß die Hausnummer: 24b. Es muss also doch die richtige Adresse sein. Immerhin ist „24b Kingsland Road“ im London Borough of Hackney nordöstlich des Zentrums der Stadt auch in einigen Reiseführern zu finden.

Eingang zum Studio des britischen Designers im Innenhof
Eingang zum Studio des britischen Designers im Innenhof

Sobald man geklingelt hat, ertönt ein Summer. Durch einen schmalen Gang geht es in einen Innenhof, in dem ein duftender Jasminstrauch blüht. Links hinter einer Glasfront wartet schon ein freundlicher junger Mann. Er empfängt die Besucher in Jasper Morrisons Haushaltswarengeschäft „Super Normal“. Ein buntes Sammelsurium an Dingen liegt in den Regalen und hängt an den Wänden. Einiges davon hat Morrison selbst entworfen. Neben Designklassikern finden sich aber auch Alltagsgegenstände aus aller Welt: Töpfe und Pfannen, Besen und Schaufeln, Scheren und Zangen, Taschen und Uhren.

2006 hatten Jasper Morrison und Naoto Fukasawa den Begriff „Super Normal“ geprägt, wenig später wurde daraus eine Ausstellung in Tokio, die der Frage nachging, ob Design immer ausgefallener werden muss, nur weil es das Marketing so will, ob „neu“ tatsächlich stets besser ist als „alt“ und „bewährt“. Damals zog Morrison gerade an die Kingsland Road in London, nicht in das Vorderhaus, das nun dringend renoviert werden müsste, sondern in die einstigen Pferdeställe samt Scheune dahinter. Die Gebäude ließ er sanieren und richtete sie für sein Studio her. 

Weil noch Platz übrig war, in einem Raum, der nicht zum Studio gehört, mit ihm aber verbunden ist, eröffnete er auch einen Laden für „supernormale“ Gebrauchsgegenstände. Es ist überwiegend Haushaltsware, die Morrison oft selbst von seinen Reisen mitbringt: Er kauft, was ihm gefällt oder was er – auch als Inspiration für seine Arbeit – gebrauchen kann, manchmal sind es gleich drei Kartoffelschäler oder Suppenkellen auf einmal, um sie dann in seinem Geschäft an Touristen – in Vor-Corona-Zeiten waren es meist Japaner und Koreaner –  zu verkaufen.

Manche Kunden, erzählt Morrison, blieben nur kurz, weil sie den Sinn des Ganzen nicht verstünden. Andere stürmten hinein und kauften, ohne nachzudenken. „Dann gibt es noch einen dritten Typ Kunde: Er bleibt bis zu einer Stunde, schaut sich alles genau an und kauft schließlich nur einen Stift oder eine Postkarte.“ Auf das Geld ist der Ladenbesitzer natürlich nicht angewiesen, er findet vielmehr die Idee gut, dass sich direkt neben seinem Studio, wo er die Produkte entwickelt, ein Kreis schließt. „Wir bekommen interessante Rückmeldungen“, sagt Morrison. „Das hilft uns herauszufinden, wie gut unsere Arbeit ist.“

  • „Super Normal“: Im Laden neben dem Studio ...
  • ... gibt es Designklassiker von Jasper Morrison und Allerweltsgegenstände zu kaufen.
  • „Super Normal“: Im Laden neben dem Studio ...
  • ... gibt es Designklassiker von Jasper Morrison und Allerweltsgegenstände zu kaufen.


Jasper Morrison ist an diesem Tag nur ausnahmsweise nach London gekommen. Er ist selten in seinem Studio, lebt mit seiner Frau an der Südküste Englands. Es ist ein kalter, sonniger Tag, in seinem Studio bollert ein gusseiserner Ofen. Seine drei Mitarbeiter sitzen an einem riesigen Tisch und arbeiten an ihren Computern. Nach wenigen Minuten hat einer nach dem anderen den Chef auf den neuesten Stand gebracht. Kurz geht er mit ihnen dann noch nach hinten in eine Ecke, wo sich jede Menge Pakete stapeln. Es sind Prototypen, die darauf warten, dass der Designer sie sich anschaut und für den nächsten Arbeitsschritt freigibt. Auf der anderen Seite, in einem großen Regal, das bis unter die Decke reicht, stehen die Stühle, die Morrison zu einem der berühmtesten und am meisten bewunderten Designer der Welt gemacht haben, bewundert auch und vor allem in der eigenen Zunft.

En miniature: Die Stühle T (links) und Fugu hat Jasper Morrison für den japanischen Hersteller Maruni entworfen.
En miniature: Die Stühle T (links) und Fugu hat Jasper Morrison für den japanischen Hersteller Maruni entworfen.

Dabei zählt er zu den stillen Stars. Und das in jeder Hinsicht. Selbstvermarktung ist ihm weitgehend fremd. Messen vermeidet er, Interviews gibt er ungern, und wenn, dann spricht er so leise, dass man sehr genau hinhören muss. Als er im Februar vom Rat für Formgebung als „Design Personality“ des Jahres 2020 ausgezeichnet wurde, machte er eine der wenigen Ausnahmen und kam nach Frankfurt. Seine Dankesrede im Forum der Messe fiel allerdings kurz aus. Als er seiner Frau erzählt habe, um was für einen Preis es sich handele, habe sie ihn kurz angesehen und gesagt: „Design ja, Persönlichkeit nein.“

Kokettiert Morrison nur, oder ist er wirklich so bescheiden? Es ist wohl Letzteres. Der Mann im karierten Hemd und Wollpullover steht ungern im Mittelpunkt. An diesem Tag in seinem Londoner Studio lässt er sich fotografieren, aber nur, weil er einsieht, dass es sein muss. Danach fragt er die Fotografin, ob er ein paar der Bilder haben könne. Sein Studio habe nämlich keine aktuellen Porträts von ihm, weil er schon länger nicht mehr fotografiert worden sei.

Hal: Die Sitzschale des Stuhls (Vitra, 2014) kann aus Kunststoff oder Schichtholz sein.
Hal: Die Sitzschale des Stuhls (Vitra, 2014) kann aus Kunststoff oder Schichtholz sein. Foto: Vitra
Low Pad: Die gepolsterte Sitzschale (Cappellini, 1999) besteht aus Birkensperrholz.
Low Pad: Die gepolsterte Sitzschale (Cappellini, 1999) besteht aus Birkensperrholz. Foto: Jasper Morrison
Moca: Der neueste Entwurf von Jasper Morrison (Vitra, 2020) wird Ende April vorgestellt.
Moca: Der neueste Entwurf von Jasper Morrison (Vitra, 2020) wird Ende April vorgestellt. Foto: Vitra

Jasper Morrison geht es um die Sache, das Ding an sich. Funktional soll sein Design sein und sich aufs Wesentliche beschränken. Das wurde zu seinem Credo, schon 1988, als er von Designkritiker Christian Borngräber nach Berlin eingeladen wurde, um in der Galerie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) innerhalb von drei Monaten eine Installation umzusetzen. Die geteilte Stadt war für Morrison nicht unbekannt, er hatte schon 1983 an der Hochschule der Künste (HdK) unter anderen bei Andreas Brandolini am Lehrstuhl von Nick Roericht studiert. Morrison spricht noch ein wenig Deutsch, auch weil er 1966 als Kind mit seinen Eltern – der Vater arbeitete in der Werbebranche – eine Zeit lang in Frankfurt lebte.

Im Vorwendejahr 1988 kehrte der Neunundzwanzigjährige mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin zurück. „Ich hatte alle Freiheiten“, erzählt Morrison, dem ein fünf mal vier Meter großer Raum zur Verfügung gestellt wurde, den er „bespielen“ sollte. Daraus entstand „Some New Items for the Home“, eine Ausstellung, mit der er auf die Bewegung Memphis und ihren tonangebenden Designer Ettore Sottsass reagierte. Sie war Anfang der Achtziger gegründet worden und hatte mit den vorherrschenden Regeln des Funktionalismus gebrochen. „Ihr Design ignorierte die Bedürfnisse des Nutzers“, sagt Morrison. „Was da entstand, wurde direkt fürs Museum geschaffen.“

Als Designstudent mit Anfang 20 war Morrison dabei gewesen, als die Gruppe Memphis 1981 ihre erste Ausstellung während der Mailänder Möbelmesse präsentierte. „Es war ein eigenartiges Gefühl, die Sachen zu sehen. Einerseits lehnte ich sie ab, war angeekelt von ihrer Nutzlosigkeit, andererseits war ich aber auch fasziniert. Allerdings nicht allzu lange. Denn schnell erkannte ich, was alles falsch daran war.“ Sieben Jahre später kam für ihn die Gelegenheit zu zeigen, was für ihn am Design wesentlich ist.

Wall Clock: Die Uhr (Muji, 2008) gibt es mit einem weißen oder schwarzen Zifferblatt.
Wall Clock: Die Uhr (Muji, 2008) gibt es mit einem weißen oder schwarzen Zifferblatt. Foto: Muji

„Ich brauchte vor allem einen Stuhl. Also entschloss ich mich, ihn selbst zusammenzubauen.“ Er kaufte sich Sperrholz, eine elektrische Säge, Leim und Schrauben und begann sein Werk. Später kam noch ein Tisch dazu, eine Liege, eine Garderobe. Alles ganz praktikabel, alles ganz schlicht, karg und bescheiden. Das erschien vielen Designkritikern – die Installation wurde auch während des Salone del Mobile in Mailand gezeigt –  wie ein frühes Manifest des weitgehend unbekannten Designers. Es steht aber auch für den Beginn der Neuen Einfachheit, die bestimmend im Design der neunziger Jahre wurde.

Im Mai desselben Jahres erschien der erste größere Artikel über Jasper Morrison in der italienischen Zeitschrift „Domus“. Der Text, geschrieben von Manolo de Giorgi, handelte von einer Privatwohnung im Londoner Stadtteil South Kensington, die der Absolvent des Royal College of Art 1986 eingerichtet hatte. Der Artikel blieb nicht unbemerkt: Neben Rolf Fehlbaum (Vitra) und Giulio Cappellini wurde auch der Geschäftsführer eines ostwestfälischen Unternehmens mit Sitz in Brakel auf Morrison aufmerksam.

Cork Family: Die Hocker und Beistelltische (Vitra, 2004) sind aus Kork gedrechselt.
Cork Family: Die Hocker und Beistelltische (Vitra, 2004) sind aus Kork gedrechselt. Foto: Vitra

Auf einem der Bilder zum Artikel war eine Türklinke zu sehen, an der der Beschlaghersteller FSB (Franz Schneider Brakel) Interesse hatte. Nur zwei Monate später war Morrison das erste Mal in Brakel, zwei Jahre später kam die Türklinke FSB 1144 auf den Markt. Sie verkaufe sich noch immer gut, sagt Morrison über sein Werk, das zu einer Ikone der jüngeren Designgeschichte wurde. Die Klinke war das erste industriell gefertigte Produkt des Briten. „Für mich war das ein großer Schritt.“

Morrison, 1959 in London geboren, erinnert sich noch gut, wie er zum Design gekommen ist. „Ich war 16, als ich eine meiner ersten Ausstellungen im Victoria & Albert Museum in London sah – über die irische Innenarchitektin Eileen Gray. Ihre Arbeiten sprachen mich an, vor allem hatte ich das Gefühl, das kriege ich auch hin.“ Vorher habe er gedacht, er werde Architekt oder Ingenieur. „Das aber schien mir nun komplizierter zu sein.“


„Das hat mir als Kind imponiert, dass er sich sagte, einen Raum richte ich mir anders ein, modern.“
JASPER MORRISON über seinen Großvater

Zugleich wollte er etwas verändern. Das England, in dem er aufwuchs, war „dunkel und überpolstert“, wie er sagt. „Überall schwere Teppiche und Vorhänge.“ Nur ein Raum in seiner Kindheit war anders, im Haus seines Großvaters, der sich für Kunst interessierte und selbst ein wenig malte. „Das hat mir als Kind imponiert, dass er sich sagte, einen Raum richte ich mir anders ein, modern.“

Mit 20 ging Morrison an die Kingston School of Design and Art. Nach dem Bachelor machte er seinen Master am Royal College of Art. In dieser Zeit entstand unter anderem sein Thinking Man's Chair. Der Stuhl aus gebogenem Metall hat zwei kleine runde Tische am Ende seiner Armlehnen. Gedacht waren diese für Getränke, der Stuhl sollte darum auch zunächst The Drinking Man's Chair heißen. Erst der Slogan einer Zigarettenmarke, „The Thinking Man's Smoke“, ließ Morrison den Namen ändern. Zeev Aram, selbst Designer und Möbelhändler, stellte den Stuhl in seinem Geschäft in Covent Garden aus. Giulio Cappellini brachte den Entwurf später als Serienprodukt auf den Markt – genauso wie es Rolf Fehlbaum, der Chef der Schweizer Marke Vitra, mit dem Plywood Chair tat, den Morrison für sein Berliner Projekt „Some New Items for the Home“ zusammengezimmert hatte.

Thinking Man's Chair: Der Outdoor-Sessel (Cappellini, 1988) mit Tischchen ist ein Frühwerk Morrisons.
Thinking Man's Chair: Der Outdoor-Sessel (Cappellini, 1988) mit Tischchen ist ein Frühwerk Morrisons. Foto: Jasper Morrison

Gerade in Deutschland ist Jasper Morrison in Kunst-und Designkreisen bis heute eine Instanz. Das liegt vor allem daran, dass er Bestandteil des Neuen Deutschen Designs der achtziger Jahre ist. Im Juli 1984 hatte er zusammen mit Andreas Brandolini und dem Experimental-Designer Joachim B. Stanitzek das „Kaufhaus des Ostens“ eröffnet, eine „Verkaufsausstellung von schönen Möbeln zu Wahnsinns-Preisen“.

Die schönen Möbel waren selbst gemacht, aus Produkten, die es sowieso schon gab. „Wir gebrauchen, verwerten und verdauen das, was die Industrie sowieso ausstößt ... Ob Gartenmärkte oder Zoogeschäfte, ob Sportausrüstung oder Sanitärbedarf – überall warten potentielle Möbel auf uns, überall springen uns Halb- und Fertigzeuge in die Finger, die neu zusammengesetzt werden wollen.“ Saugglocken wurden zu Tischbeinen, Küchensiebe zu Obstschalen, Trichter zu Eierbechern. Ideengeber der vielbeachteten Aktion war Jasper Morrison gewesen, der bereits 1981 einen Tisch aus alten Fahrradlenkern ("Handlebar Table") gebaut hatte.

Rotary Tray: Inspiration zu dem rotierenden Tablett (Vitra, 2014) war die klassische Etagere.
Rotary Tray: Inspiration zu dem rotierenden Tablett (Vitra, 2014) war die klassische Etagere. Foto: Vitra

Die Verbindungen nach Deutschland hielten über Jahre. So nahm Morrison 1987 an der Documenta 8 in Kassel teil, Ende der Neunziger bekam er den Auftrag, mit Blick auf die Expo im Jahr 2000 die Stadtbahn Hannover neu zu gestalten. Ein riesiger Auftrag, der ihn damals fast überforderte. „Wenn ich es noch einmal machen müsste, dann nur mit der Hilfe von Experten.“

Morrison hat nur eine Handvoll Mitarbeiter, auch wenn er Studioadressen in London, Paris und Tokio hat. In der japanischen Metropole hat er lange gelebt, seine Frau ist Japanerin, die beiden haben drei Kinder. „Ich bin gerne in Tokio“, sagt Morrison. „Denn wegen der Zeitverschiebung klingelt den ganzen Tag kein Telefon.“ Allerdings hat er auch viele japanische Kunden, die Marke Muji zum Beispiel, für die er Uhren, Besteck, Töpfe und Pfannen entwickelt hat. „Ich finde es schön, mir vorzustellen, dass Menschen meine Dinge täglich verwenden.“

Er liebt das Wort Ding, auch weil es so supernormal klingt. „Ich brauche Dinge, um Dinge machen zu können“, sagt Morrison. „Wenn Sie mich in einen Raum ohne Fenster sperren, hätte ich bald keine Ideen mehr.“ Die Dinge seines Lebens hat er zusammengetragen, sie waren in seiner Berliner Retrospektive „Thingness“ zu sehen – und sind es in seinem Buch „A Book of Things“. Und in dem Laden gleich neben seinem Studio, der alltäglich geöffnet hat. Damit schließt sich der Kreis. Es ist spät geworden, Jasper Morrison muss seinen Zug bekommen.


„Ich brauche Dinge, um Dinge machen zu können“
JASPER MORRISON

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 15.04.2020 10:13 Uhr