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Stilfragen : Keine Gnade für den Bauchansatz

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Schlank zu sein im Alter ist ein Fulltime-Job. Wenn die Männer allerdings glauben, es fällt nur ihnen schwer, ihr Gewicht minimal zu halten, dann sollten sie wissen: Wir Frauen haben es noch viel schwerer. Um dünn zu sein, verzichten wir auf Bier, Bananenmilch, Luftschokolade, Dulce di Leche, Marmeladenbrote, Pommes, Leberwurst, Chips, Flips, Faulheit, Sportphobie und Gleichgültigkeit. Wir essen nur das Nötigste und verzichten auf so gut wie alles, nur um in einer transparenten Gucci-Bluse genauso gut auszusehen wie im Bikini und um unser hartverdientes Geld mit 50 genauso unbeschwert und sorglos für Klamotten verprassen zu können wie mit 30.

Männer jammern, sie bekommen eine Wampe. Dann schauen sie unglücklich, jammern noch etwas und kuscheln sich an uns und flüstern: Akzeptier mich bitte mit Bauch, Schatz.

Bequem und sexy schließen sich aus

Wenn sie sich dann zum „Sportmachen“ durchringen können, wollen sie in einen Boxclub, wo auch ihre Kumpels sind, mit denen sie tratschen können und vor dem Training ein Bier zischen. Und sie gehen zum Trainer und jammern ihm vor, er solle sie wieder schlank machen.

Bequemlichkeit ist der erbitterte Feind des Stils, nicht nur bei Männern. Blöderweise liebt es der deutsche Mann eben bequem. Er liebt weite Hemden, er liebt baggy Hosen, und er liebt eine praktische Jacke, eine für kalte und eine andere für wärmere Tage. Und am allermeisten liebt er bequeme Schuhe. Ganze Industriezweige und entsprechende Marken wie Hogan, Lloyd Sioux, Doc Martens ernähren sich von der Bequemlichkeitsliebe des deutschen Mannes, der ihre grauenvollen Produkte gerne mit einer erfrischenden hellgrünen Anti-Fußgeruch-Einlegesohle trägt.

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Aber zwei Dinge schließen sich aus, so wie Licht und Dunkelheit: Bequemlichkeit und sexy. Wie haben es Millionen Männer gehandhabt in den frühen Siebzigern, als die Hosen knalleng und hochgeschnitten waren und die Boots Plateau und Absatz hatten? Ich erinnere mich genau, wie sie aussahen, die Männer, als ich selbst noch gelbe Strumpfhosen und rote Gummistiefel trug. Alles war eng, die Hemden waren weit aufgeknöpft, die Jacken waren kurz und knapp, die Koteletten lang und buschig.

Ein Ruck muss durch das Land gehen

Ich wünsche mir so eine Mode zurück, und zwar mit einer Gewalt, dass sie jeden, wirklich jeden erwischt, schlimmer als Crocs, Gore-Tex, Camel Active und Adidas zusammen. Eine Mode der maskulinen Körperbetontheit. Enge Hosen, vielleicht aus whiskysourfarbenem Samt oder Super-100-Nadelstreifen, breite Gürtel aus schwerem Leder, sehr enge Hemden - aus Baumwolle, Männer stinken in Seide -, Jacketts mit etwas breiterem Revers, knapp und kurz. Winzige Lederjacken mit Patina, wie sie Robert De Niro und Harvey Keitel in dem großartigen Film „Hexenkessel“ trugen, wo noch zwischen dem Bund und dem Gürtel eine halbe Handbreit Hemd oder nacktes festes Bauchfleisch zu sehen ist, und ganz schmale kurze Rundhalspullover. Keine Schals. Keine Schals! Aber an den Füßen sehr schmale Boots aus festem Leder, einem seitlichen Zipp und Ledersohle, hähä, kein Mitleid.

Ein Ruck wird durch das ganze Land gehen, denn neben solchen Männern kann keine einzige Frau mehr mit einem verwaschenen Baumwolltuch (keine Schals!) um den Hals und in einem ausgeleierten Kapuzensweatshirt behaupten, eine Frau zu sein. Das Kopf-an-Kopf-Rennen, wessen Hemd enger ist und am weitesten aufgeknöpft steht, würde allen mehr als guttun. Das wäre endlich eine Begegnung auf Augenhöhe nach meinem Geschmack.

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