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Tipps für die Selbständigkeit : Plan Plein

„Eigentlich sind wir noch Newcomer“: Philipp Plein. Bild: © ImagesPhoto/Splash News/Corbis

Wie baut man ein Mode-Imperium auf? Philipp Plein hat das ohne einen einzigen Kredit geschafft. Uns hat er seinen Step-by-Step-Guide verraten.

          6 Min.

          Schritt 1: Unabhängigkeit schaffen

          Ich habe nicht angefangen, Jura zu studieren, mit der Absicht, irgendwann mal Modedesigner zu werden. Das war eine Entwicklung. Obwohl ich schon damals die Ambition hatte, mich selbständig zu machen. Bis zum Abitur war ich im Internat, anschließend wollte ich unbedingt meine Unabhängigkeit zurück. Ich fing an, in Erlangen zu studieren und habe eine Zeitlang bei meinen Eltern in Nürnberg gelebt. Als Student ist man eben immer noch finanziell von den Eltern abhängig. Also musste ich Geld verdienen. So fing ich an, mich für alles Mögliche zu interessieren, auch für Möbel.

          Schritt 2: Keine Scheu, das Gegenteil von dem zu tun, was alle machen

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es war das Zeitalter der New Economy, als ich ein In­teresse für Möbel entwickelte. Alle wollten Internet­firmen gründen, Yahoo und AOL waren gerade raus­ge­kommen. In diesem Moment habe ich mich für die Old Economy entschieden. Ich habe angefangen, Möbel­stücke zu zeichnen, später dann auch die ersten Proto­typen umzusetzen.

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Schritt 3: Ein Pilotprojekt starten

          Ich habe zu der Zeit, 1998, ja noch studiert, die Möbel waren eine Art Pilotprojekt. Die Firma dazu fand ich in den neuen Bundesländern – zwei Brüder, die Möbel geschweißt haben. Die ersten Stücke waren katastrophal. Eigentlich konnten sie gar keine Möbel machen, sondern nur Industrieanlagen schweißen. Aber sie waren ambitioniert, ich musste die Prototypen nicht bezahlen, so lange sie nicht perfekt waren. Als es soweit war, bin ich damit auf die ersten Messen gegangen – und habe in den Anfangsjahren trotzdem nichts verkauft. Ich habe Möbel entworfen und gebaut, aber niemand hat sie gekauft, denn die Marke war ja unbekannt.

          Madison Avenue: Der New Yorker Store ist jetzt ein Jahr alt.

          Schritt 4: Das eigene Angebot überdenken

          Es gab nach ein paar Jahren den Punkt, an dem ich gesagt habe: Hey, die Edelstahlmöbel sind ja toll, aber du brauchst da etwas Warmes, eine Art Kissen. Leder! So habe ich mir eine Ledermesse in Italien herausgesucht, um dort Leder zum Polstern meiner Möbel zu kaufen. Nur war das vorrangig eine Messe für Textilleder, für Taschen, Schuhe, Gürtel, das wusste ich nicht. Alles war sehr modisch angehaucht, und überall gab es geprägtes Krokoleder. Also habe ich geprägtes Krokoleder gekauft und – wieder in Ostdeutschland – einen Polsterer ausfindig gemacht, der bei seiner Mutter lebte. Dort in dem Dorf herrschte regelrechte Landflucht. Dann kam das Leder, und er konnte damit nichts polstern, weil es so bröckelhart war. Ich kannte mich ja nicht aus. Ich hatte Leder für Schuhe bestellt. Das war eine Katastrophe, ich hatte dafür ein paar tausend Euro bezahlt. Dann kam die Idee, dass wir damit einen Tisch beziehen. Kroko­leder als Tischoberfläche!

          Schritt 5: Riesenglück haben

          Die Möbelmesse in Köln stand vor der Tür. Es ist wichtig zu erwähnen, dass das damals die große Zeit von Rolf Benz war. Das Unternehmen hatte die Hälfte einer ganzen Messehalle eingenommen, was weiß ich, wie viel Quadratmeter, ein dreistöckiger Messestand. Ich hatte meinen Stand jedenfalls genau neben dem von Rolf Benz. Das war gigantisch! Ich hatte natürlich meinen Kroko-Tisch dabei, und der hat sich wie geschnitten Brot verkauft. Das war die erste Million Umsatz. So konnte ich den Tisch in allen Farben herstellen, als Konsole, Nachttisch, Schreibtisch, dann gab es einen Stuhl dazu. Und nach einem Jahr gab es ihn dann im Otto-Katalog, made in China. Die Kleinen werden eben immer als Inspirationsquelle genommen.

          Schritt 6: Die Reste verwerten

          Da ich so viel Leder eingekauft hatte, gab es auch eine große Menge Verschnitt. In der Polsterei arbeitete ein Feintäschner, der hat aus Lederresten Kleinlederaccessoires gefertigt, unter anderem Taschen. Die habe ich auf Messen mitgenommen, um die Farbvarianten des Leders für die Möbel zu demonstrieren. Das war auch die Zeit, als ich von zu Hause ausgezogen bin und das Jura-Studium abgebrochen habe. Das Möbel-Geschäft lief damals ganz gut, ich generierte drei, vier Millionen Euro Umsatz.

          Schritt 7: Auf angemessene Vergütung bestehen

          Dann gab es eine Anfrage, ob ich für ein Event von Moët & Chandon zur CPD in Düsseldorf die VIP-Lounge umsonst möblieren könnte. Der Organisator sagte, das sei doch eine super Werbung für mich. Da entgegnete ich, ob er schon mal in einem Restaurant einen Stuhl gekauft habe. Wenn man mit seinen Freunden essen ist, und auch wenn der Stuhl wunderschön ist, wird man ihn nicht kaufen. Und auf einer Modemesse kaufen die Leute keine Möbel. Also einigten wir uns darauf, die ­Taschen dort mit ausstellen zu dürfen. Tatsächlich kamen dann Kunden, die dachten, Philipp Plein gehöre zu LVMH, weil wir die Taschen am VIP-Stand von Moët & Chandon ausstellten. Drei, vier Tage lang haben wir da Taschen verkauft, im Wert von 100.000 Euro. Gleich die erste Kundin, die vorbeikam, wurde auf das „PP“-Logo aufmerksam. Ihr Mann hieß Paul Prange, also kaufte sie die Tasche. Am nächsten Tag kam sie mit ihrem Mann. Paul Prange besitzt mehrere Schuhhäuser, nicht nur unter seinem eigenen Namen, und er fragte, ob ich drei seiner Läden mit meinen Möbeln einrichten könnte.

          Schritt 8: Weitermachen

          Wie das so ist, die Kunden wollen immer wieder neue Produkte. Ich fing damals an, in Paris auszustellen, und da gab es dann irgendwann einen Edelstahlkleiderständer, komplett minimalistisch, ganz schlicht. Um das Gestell hervorzuheben, habe ich dort Jacken reingehängt, Vintage-Army-Jacken, ein Trend damals. Kiloweise habe ich die gekauft, pro Kilo drei Euro, die sollten nur Deko sein. Alle waren herrlich verschlissen, die wurden ja jedem nächsten Soldaten, der zum Bund kam, auf den Leib geschneidert. Es gab da keine Größen S, M und L mehr, nur noch solche mit kurzen Armen, mit langen Armen, für Leute mit dicken Bäuchen oder breiten Schultern.

          Rue de Rivoli: In Paris eröffnet Plein erst in diesem Sommer.

          Die Jacken habe ich mit Swarovski-Kristallen besetzt, das hatte ich zuvor schon mit Kissen gemacht. Aber das war ja nur eine Installation. Blöderweise haben die Kunden angefangen, nach den Jacken zu fragen, dabei war ja eigentlich der Kleiderständer das Aus­stellungsstück. Nach drei Tagen ging mir das so auf den Keks, dass ich nachgegeben habe. Aber eigentlich hatte ich ja gar keine Lust, die Jacken zu verkaufen. Deshalb habe ich sie unglaublich teuer angeboten, 300 Euro das Stück.

          Schritt 9: Doch noch mal den Keller der Eltern nutzen

          Am Ende war die Jacken-Geschichte eine Riesenkatastrophe, ich musste ja jede einzeln anfertigen, verpacken, verschicken. Das habe ich dann im Keller meiner Eltern gemacht. Nächtelang, tagelang. Irgendwann hat mir meine Mutter geholfen. Die Jacken haben alle nicht gepasst, eine S war keine S, eine M keine M, zuvor hatte ich sie in der Großwäscherei reinigen lassen, damit sie nicht so stinken. Anschließend kamen die Steine drauf. Es waren die ersten Jahre des neuen Jahrtausends, die Zeit des weltweiten Glitzerbooms.

          Schritt 10: Schausteller einspannen

          Karl-Heinz Müller von der Bread & Butter hatte mir damals zwei Saisons lang einen Stand umsonst gegeben – und ich stattete ihm im Gegenzug seine Lounge mit Möbeln aus. In der dritten Saison wollte er, dass ich den Platz kaufe. Und ich sagte: Pass auf, wenn du ihn mir umsonst gibst, baue ich dir hier eine Geisterbahn hin. Das fand er cool. Da bin ich zu einem Schausteller gegangen, der im Weihnachtsgeschäft viel zu tun hatte, aber im Januar hat er mir die Geisterbahn da fürn Appel undn Ei in die Halle gebaut. Da stand dann also eine 30 Meter lange und 15 Meter hohe Geisterbahn, zwei­stöckig. Ich baute meinen Messestand in die Geisterbahn, alle mussten die Bahn nehmen. Alle sind ausgeflippt. Und alle wollten hier unbedingt etwas kaufen. Mit der Jacke konnte ich so eine Million Umsatz machen.

          Fashion Week in Mailand: Courtney Love singt während der Präsentation von Philipp Pleins Sommerkollektion mit Robotern.

          Im Rückblick waren die ersten Jahre die schwierigsten. Als ich zum ersten Mal nach Mailand kam, musste ich zum Beispiel in einem Stundenhotel schlafen. Tagsüber haben dort die Prostituierten gearbeitet, abends konnte ich wieder einziehen und musste am nächsten Morgen wieder ausziehen. Ich hatte ja gerade einmal ein Budget von 60, 70 Euro die Nacht. Dafür gibt es in Mailand kein Zimmer. Noch nicht mal ein Etap-Hotel. Und was glauben Sie, wie viele Leute einem sagen, das, was man da macht, werde keinen Erfolg haben. Meine Eltern waren die Ersten, die darauf gehofft haben, dass der Sohn endlich wieder mit dem Jura-Studium weitermacht und dass aus dem Business nichts wird.

          Schritt 12: Keine Kredite aufnehmen

          Die Marke Philipp Plein funktioniert nur aus dem Grund, weil sie am Markt Berechtigung hat. Dann benötigt man auch keinen Kredit. Wir sind jetzt in einer Situation, dass wir uns mit den großen Marken messen müssen, obwohl wir eigentlich noch Newcomer sind.

          Entertainment Building: Pleins Laden in Homgkong.

          Schritt 13: Einsehen, dass das Pilotprojekt längst kein Spiel mehr ist

          Direkt in meinem Unternehmen sind jetzt 213 Leute beschäftigt. Wenn man die Franchisepartner dazunimmt, sind wir weit mehr als 500 Leute, die für die Marke arbeiten. Es hat wie ein Spiel begonnen, aber daraus ist jetzt Ernst geworden, den point of no return haben wir schon überschritten.

          Schritt 14: Mit den großen Marken Schritt halten

          In diesem Jahr eröffnen wir knapp 40 Boutiquen, wir unterhalten Läden an der Via Montenapoleone in Mailand, am Rodeo Drive in L. A., der Madison Avenue in New York, Bond Street in London, Piazza di Spagna in Rom. Dort haben wir gerade den ehemaligen Sergio-Rossi-Store übernommen. Es ist nicht einfach, neben den ganz Großen mitzuspielen, die schießen mit scharfen Kugeln. Struktur ist das A und O. Die Modebranche  wird dominiert von ein paar wenigen großen Gruppen, so wie die Automobilindustrie.

          Eröffnung des Philipp Plein-Geschäfts in der New Yorker Madison Avenue

          Elon Musk hat es als Einziger seit vielen Jahrzehnten geschafft, sich mit seinem Tesla zu etablieren, in einer Nische. Aber eigentlich haben die großen Unternehmen den Markt fest im Griff. Eine Volkswagen-Gruppe oder Fiat oder Chrysler lässt keinen Platz, und genauso ist es in der Modeindustrie. Das ist ein hart umkämpfter Markt, und jeder möchte seinen Marktanteil beschützen. Wir sagen, es ist unangemessen, sich mit diesen Marken zu messen, sie sind ja viel älter, stärker, größer. Aber das Ziel ist, sich dahin zu entwickeln, denn die Kunden stellen ja genau die gleichen Erwartungen an unser Produkt wie an die von allen anderen Marken. So ist man unter Druck gesetzt, mithalten zu wollen. Das ist eine schöne Motivation. Der Schnellste gibt das Tempo vor. Wenn man ein Rennen fährt, möchte man ja auch nicht hinten mitfahren, sondern ganz vorne.

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