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Tipps für die Selbständigkeit : Plan Plein

Schritt 6: Die Reste verwerten

Da ich so viel Leder eingekauft hatte, gab es auch eine große Menge Verschnitt. In der Polsterei arbeitete ein Feintäschner, der hat aus Lederresten Kleinlederaccessoires gefertigt, unter anderem Taschen. Die habe ich auf Messen mitgenommen, um die Farbvarianten des Leders für die Möbel zu demonstrieren. Das war auch die Zeit, als ich von zu Hause ausgezogen bin und das Jura-Studium abgebrochen habe. Das Möbel-Geschäft lief damals ganz gut, ich generierte drei, vier Millionen Euro Umsatz.

Schritt 7: Auf angemessene Vergütung bestehen

Dann gab es eine Anfrage, ob ich für ein Event von Moët & Chandon zur CPD in Düsseldorf die VIP-Lounge umsonst möblieren könnte. Der Organisator sagte, das sei doch eine super Werbung für mich. Da entgegnete ich, ob er schon mal in einem Restaurant einen Stuhl gekauft habe. Wenn man mit seinen Freunden essen ist, und auch wenn der Stuhl wunderschön ist, wird man ihn nicht kaufen. Und auf einer Modemesse kaufen die Leute keine Möbel. Also einigten wir uns darauf, die ­Taschen dort mit ausstellen zu dürfen. Tatsächlich kamen dann Kunden, die dachten, Philipp Plein gehöre zu LVMH, weil wir die Taschen am VIP-Stand von Moët & Chandon ausstellten. Drei, vier Tage lang haben wir da Taschen verkauft, im Wert von 100.000 Euro. Gleich die erste Kundin, die vorbeikam, wurde auf das „PP“-Logo aufmerksam. Ihr Mann hieß Paul Prange, also kaufte sie die Tasche. Am nächsten Tag kam sie mit ihrem Mann. Paul Prange besitzt mehrere Schuhhäuser, nicht nur unter seinem eigenen Namen, und er fragte, ob ich drei seiner Läden mit meinen Möbeln einrichten könnte.

Schritt 8: Weitermachen

Wie das so ist, die Kunden wollen immer wieder neue Produkte. Ich fing damals an, in Paris auszustellen, und da gab es dann irgendwann einen Edelstahlkleiderständer, komplett minimalistisch, ganz schlicht. Um das Gestell hervorzuheben, habe ich dort Jacken reingehängt, Vintage-Army-Jacken, ein Trend damals. Kiloweise habe ich die gekauft, pro Kilo drei Euro, die sollten nur Deko sein. Alle waren herrlich verschlissen, die wurden ja jedem nächsten Soldaten, der zum Bund kam, auf den Leib geschneidert. Es gab da keine Größen S, M und L mehr, nur noch solche mit kurzen Armen, mit langen Armen, für Leute mit dicken Bäuchen oder breiten Schultern.

Rue de Rivoli: In Paris eröffnet Plein erst in diesem Sommer.

Die Jacken habe ich mit Swarovski-Kristallen besetzt, das hatte ich zuvor schon mit Kissen gemacht. Aber das war ja nur eine Installation. Blöderweise haben die Kunden angefangen, nach den Jacken zu fragen, dabei war ja eigentlich der Kleiderständer das Aus­stellungsstück. Nach drei Tagen ging mir das so auf den Keks, dass ich nachgegeben habe. Aber eigentlich hatte ich ja gar keine Lust, die Jacken zu verkaufen. Deshalb habe ich sie unglaublich teuer angeboten, 300 Euro das Stück.

Schritt 9: Doch noch mal den Keller der Eltern nutzen

Am Ende war die Jacken-Geschichte eine Riesenkatastrophe, ich musste ja jede einzeln anfertigen, verpacken, verschicken. Das habe ich dann im Keller meiner Eltern gemacht. Nächtelang, tagelang. Irgendwann hat mir meine Mutter geholfen. Die Jacken haben alle nicht gepasst, eine S war keine S, eine M keine M, zuvor hatte ich sie in der Großwäscherei reinigen lassen, damit sie nicht so stinken. Anschließend kamen die Steine drauf. Es waren die ersten Jahre des neuen Jahrtausends, die Zeit des weltweiten Glitzerbooms.

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