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Designer Hikmet Sugoer : Deutschlands Sneaker-Papst

  • -Aktualisiert am

Bild: Johannes Krenzer

Jeder Trend hat seine Vorreiter: Bei Sneakern ist das in Deutschland der Designer Hikmet Sugoer. Er trug schon als Kind Modelle, die von Mitschülern belächelt wurden, nicht nur im Sportunterricht – sondern auch auf der Straße.

          Um den Turnschuh ist ein Kult entstanden. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen man ihn nur zum Sport trug. Heute sieht man Sneaker-Träger im Büro, auf dem roten Teppich und sogar auf Hochzeiten – die Nachfrage nach angesagten Modellen scheint immer größer zu werden. Der Umsatz im Segment Sportschuhe hat sich in Deutschland laut Statista binnen zehn Jahren mehr als verdreifacht: Wurden 2010 noch 839 Millionen Euro damit umgesetzt, werden es in diesem Jahr fast drei Milliarden Euro sein. Der Trend läuft voran, der Massenmarkt eilt hinterher.

          Aylin Güler

          Redakteurin für Social Media.

          Ganz weit vorn war schon vor langem Hikmet Sugoer aus Berlin. Seine Leidenschaft reicht zurück bis in die Schulzeit. „Mein Wunsch als Kind war es immer, für jeden Tag im Jahr ein Paar Schuhe zu haben“, sagt er. Selbst Modelle, die von Mitschülern zunächst belächelt wurden, trug er nicht nur im Sportunterricht, sondern auch auf dem Asphalt – wie den Adidas Superstar, den Klassiker mit der Gummikappe, der 1969 als Basketballschuh lanciert wurde.

          Inzwischen hat der Sechsundvierzigjährige so viele Sneaker, dass er zwei Jahre lang jeden Tag ein anderes Paar tragen könnte. Von den mehr als 800 Modellen hat er gut 60 selbst entworfen. Das erste Paar für eine große Marke entwarf Sugoer 2005 für New Balance: Damals kostete der Schuh etwa 150 Euro, heute wird das Paar für 1000 Euro gehandelt. Der Design-Autodidakt mit Vordiplom in Betriebswirtschaftslehre und Informatik hat außer Schuhen auch schon Uhren, ein Fahrrad, Trainingsanzüge und sogar ein Auto gestaltet.

          Schon während der Studienzeit zog den gebürtigen Berliner das Kreative an. Die Theorie dagegen langweilte ihn schnell. „Alle sagen immer, Studienzeit ist die geilste Zeit. Bei mir war das nicht so.“

          Made in Germany: Sugoers Sonra-Sneaker gehen prächtig.

          Besonders technische Neuheiten auf dem Schuhmarkt faszinierten ihn. Als Hollywoodstar Michael J. Fox 1989 im zweiten Teil von „Zurück in die Zukunft“ den selbstschnürenden, mit LEDs beleuchteten Nike Air Mag anschnallte, war das für ihn ein besonderer Moment. Trotz seiner Turnschuhliebe stürzt er sich aber nicht auf jeden Hype. „Wenn mein Newsfeed voll ist mit einem Schuh, trage ich ihn nicht. Selbst wenn ich das Produkt gut finde, ist das ein No-Go für mich.“ Seine Sneaker kombiniert er stets zu schwarzem Shirt und Jeans. Das war vor 20 Jahren so, und es wird auch in 20 Jahren noch so sein, sagt Sugoer. „Ich habe einen Beruf gewählt, der mir das erlaubt. Für mich erfüllt das den Zweck.“

          Think global, act local

          Sein Vater, ein Schneider aus Ostanatolien, arbeitete als Medikamentenfahrer in einem Berliner Krankenhaus, seine Mutter in der krankenhauseigenen Wäscherei. „Als Arbeiterkind musste ich mir meine Studienzeit selbst finanzieren. Also fing ich an, in Sneaker-Läden auszuhelfen.“ Ende der neunziger Jahre eröffnete Sugoer sein erstes Geschäft in Berlin-Mitte. Er verkaufte Retro-Schuhe aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern. „Zu dem Zeitpunkt hat das leider keiner verstanden. In Japan und England waren die Leute wild auf Vintage, in Deutschland war das wertlose Secondhand-Ware.“

          Adidas verstand das Prinzip. Das Unternehmen, dessen Agentur in Berlin unweit von Sugoers Laden lag, kaufte ihm die Made-in-Germany-Schuhe ab, schickte sie in die Zentrale nach Herzogenaurach und ließ sie als „Made in China“ reproduzieren. „Und plötzlich haben die Leute es verstanden“, sagt Sugoer. „Mir wurde klar, dass mein Geschäftsmodell nicht funktionieren kann.“

          Schließlich begann er, Schuhe aus dem Ausland zu importieren und für deutsche Kunden zugänglich zu machen. „Think global, act local hatte ich schon immer in mir drin“, sagt er. Doch das kam bei den großen Marken nicht gut an. „Ich hatte Produkte nach Deutschland geholt, die gar nicht für den deutschen Markt vorgesehen waren.“ Für die deutsche Sneaker-Szene war das ein Schlüsselmoment. Fortan kooperierte Sugoer mit Markenherstellern und arbeitete als Berater für sie.

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          Einen Namen in der Sneaker-Szene machte er sich spätestens 2002 mit der Gründung von Solebox – einem der ersten Sneaker-Läden in Deutschland. Durch Exklusivmodelle für Asics, New Balance, Puma, Lacoste, Adidas und Reebok erarbeitete er sich einen festen Platz in der Branche. Als 2013 sein Vater schwer erkrankte und sein zweites Kind geboren wurde, kam ihm ein Angebot für Solebox gerade recht: Er verkaufte das Unternehmen an die Streetwear- und Sneaker-Kette Snipes. Anfangs arbeitete Sugoer als Angestellter weiter, doch wegen Differenzen verließ er den Laden 2015.

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