https://www.faz.net/-hrx-9pf40

„Slow Fashion“ : Wie grün kann ein Shirt für 2,99 Euro sein?

  • -Aktualisiert am

Bio oder nicht? Bei Baumwolle, hier auf einem Feld in Brasilien aufgenommen, gibt es Qualitätsunterschiede. Bild: dpa

Immer mehr Marken spezialisieren sich auf nachhaltige Mode und produzieren „Made in Europe“. Sogar Discounter geben sich inzwischen umweltbewusst. Doch gibt es grüne Mode um jeden Preis?

          5 Min.

          Als das Rana Plaza in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka 2013 in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus und mehr als 3000 Menschen unter sich begrub, war das Entsetzen groß. Der schwerste Unfall in der Geschichte des Landes mit über 1100 Toten war die Konsequenz von Missmanagement und einer schnelllebigen Textilwirtschaft, die auf Ausbeutung setzt und Mindeststandards nicht erfüllt. Die Arbeiter im Rana Plaza produzierten damals unter anderem für Textilgiganten wie Benetton, KiK und Mango. In Folge der Katastrophe kam es zu Protesten und Boykottaufrufen. Mehrere große Fabriken wurden geschlossen.

          Die Modeindustrie ist gleich nach der Ölwirtschaft der zweitschmutzigste Wirtschaftszweig der Welt und produziert insbesondere seit Beginn des Jahrtausends gigantische Mengen Müll und CO2. Im Schnitt kauft jeder Deutsche etwa 60 neue Kleidungsstücke im Jahr, trägt sie aber nur halb so lang wie noch vor 15 Jahren. Die Textilindustrie boomt – vor allem die Kunstfaser Polyester, aus nicht erneuerbarem Erdöl hergestellt, wird immer mehr genutzt. Eine einzige Sechs-Kilogramm-Waschladung mit Textilien aus synthetischen Stoffen kann bis zu 700.000 Mikrofasern in das Abwasser spülen. Kleidung ist so günstig wie nie, gespart wird bei Produktionsbedingungen, Umweltschutzstandards – und der Qualität. Gleichzeitig steigt die Zahl der Altkleiderexporte, der Second-Hand-Markt im globalen Süden steht vor dem Kollaps. Einige Länder in Südamerika, Afrika oder Asien weigern sich bereits, Altkleider zu importieren.

          Tödlich: In asiatischen Sweatshops, wo Kleidung für westliche Konzerne hergestellt wird, kommt es immer wieder zu Bränden. Bei diesem in Manila kamen 2015 mehr als 70 Menschen ums Leben.

          Im Discounter ist mittlerweile nicht nur das Obst „bio“

          Da sich immer mehr Menschen weigern, das System „Fast Fashion“ zu unterstützen, zieht die Industrie nach. Sie gibt sich mittlerweile betont verantwortungsbewusst. Unternehmen wie „H&M“ und „Zara“ veröffentlichen jährlich sogenannte „sustainability reports“, also Nachhaltigkeitsberichte – die eingeleiteten und angekündigten Maßnahmen zur Verbesserung der ökologischen und sozialen Produktionsbedingungen fußen allerdings auf freiwilliger Selbstverpflichtung.

          Sogar Discounter wie Aldi und Lidl fahren inzwischen eine öffentlichkeitswirksame Nachhaltigkeitsstrategie, nicht nur das Obst soll hier „bio“ sein. Klickt man sich durch die Website von Aldi Süd stößt man dort beispielsweise auf vielversprechende Dokumente wie „Detox commitment“, „Corporate Responsibility Grundsätze“ oder „Sozial-Standards in der Produktion“. Letzteres stützt sich auf den „Global Compact“ der Vereinten Nationen, bei dem sich Unternehmen dazu bereit erklären, Missstände wie Kinder- oder Zwangsarbeit zu verhindern. Der Discounter wirbt außerdem auf seiner Website mit dem „100 by Oeko-Tex Standard“, der allerdings nur garantiert, dass das Endprodukt schadstofffrei ist und ausdrücklich kein Siegel für Nachhaltigkeit ist, häufig aber als solches verstanden wird. Aldi-Konkurrent Lidl formuliert das verhaltener. Zwar seien bereits Schulungen in Bangladesch, China oder der Türkei durchgeführt worden, aber man setze grundsätzlich auf „eine Unterstützung auf partnerschaftlicher Basis“. Man nähere sich „dem Problem durch Prävention und Unterstützung“.

          Rosa, mit 32 Jahren Erfahrung eine der dienstältesten Mitarbeiterinnen der  Fabrik in Manhente im Norden Portugals, arbeitet an der finalen Fertigung für „Sanvt“.

          Wie grün ist ein Shirt für 2,99 Euro?

          Aber wie grün kann ein 2,99-Euro-T-Shirt eigentlich sein? Diese Frage bereitet auch Benjamin Heyd vom Start-up „Sanvt“ Kopfschmerzen. Im Herbst vergangenen Jahres gründete er sein Unternehmen, das sich ausschließlich auf nachhaltige Mode spezialisiert hat. Seit vier Monaten kann man seine Shirts und Hoodies online kaufen. Produziert werden die Basic-Teile in Portugal. Er habe sich von Anfang an auf Europa konzentriert und mehrere Standorte besucht, in der Türkei sei ihm vieles zu intransparent gewesen. „Mir ist wichtig, dass unsere Shirts auch wirklich in dieser Fabrik produziert werden – und nicht bei irgendeinem Vertragspartner.“ Transparenz ist das Schlüsselwort für viele Kunden. Undurchsichtige Lieferketten sind die Ursache allen Übels, der Meinung ist auch Benjamin Heyd: „Wenn Produzenten ihre Lieferketten nicht preisgeben wollen, haben sie in der Regel etwas zu verbergen.“

          Um dem Misstrauen vorzubeugen, setzen auch deutsche Marken wie „Armedangels“, die den Nachhaltigkeitsmarkt revolutionierten und mittlerweile zu den großen Namen in der sogenannten „Slow Fashion“ gehören, auf gläserne Produktionsbedingungen. Auf ihrer Website findet man nicht nur ihre Produktionspartner – jeder Standort in ihrem Produktionsland Türkei wird detailliert beschrieben, Mitarbeiter geradezu liebevoll porträtiert. Fotos und Videos dokumentieren die Echtheit der Angaben. Aber auch wenn „Armedangels“ nach eigenen Angaben ausschließlich mit zertifizierten Partnern zusammenarbeitet, ist die Türkei als Produktionsstandort nicht unumstritten.

          Die Nichtregierungsorganisation „Clean Clothes Campaign“ veröffentlichte 2014 einen Bericht, der den Durchschnittsnettolohn der circa zwei Millionen Arbeiter in der Textilindustrie mit 130 bis 326 Euro bezifferte. Arbeiter in Istanbul werden besser bezahlt als solche in entlegenen Regionen Anatoliens. Hinzu kommen exzessive Überstunden und die Notwendigkeit mehrerer Jobs, wie die NGO in Befragungen feststellte. 20 Prozent, und damit der größte Anteil der in der Türkei produzierten Waren, geht nach Deutschland.

          Der Oeko-Tex 100 Standard besagt, dass das Endprodukt frei von jeglichen Schadstoffen ist.

          Um Lieferwege zu verkürzen und sich den Stempel „Made in Europe“ aufdrücken zu lassen, ist auch Osteuropa unter Herstellern beliebt. Während sich in der Türkei alle Stationen der Lieferkette finden, wird in den postsozialistischen Ländern hauptsächlich genäht. Nirgendwo in Europa wird mehr Kleidung verarbeitet als in Rumänien. Schätzungsweise 400.000 Arbeiter leben von im Schnitt 230 Euro netto, dabei liegt die Armutsgrenze bei 283 Euro. Auch hier werden laut Bericht der „Clean Clothes Campaign“ unbezahlte Überstunden geleistet, zehn bis 15 jede Woche. Rumäniens schlechtes Image schreckt aber auch Unternehmen mit Nachhaltigkeits-Fokus nicht ab, dort produzieren zu lassen.

          Die Sache mit der „Bio-Baumwolle“

          Das junge deutsche Wäsche-Label „erlich textil“ gibt an, Produkte dort verarbeiten zu lassen. Statt auf konventionelle Baumwolle, setzen sie auf Baumwolle aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA). Bio-Baumwolle wird nicht mit Pestiziden gedüngt oder mit Chemikalien behandelt. Sie wird unter anderem in Indien angebaut, die Nachfrage wächst stetig. „Sanvt“-Gründer Heyd verzichtet auf die umweltschonende Variante und setzt bei seinen T-Shirts stattdessen auf langlebige Premium-Baumwolle, die aus extra langen Fasern besteht (ELS). „Wir haben im Prozess festgestellt, dass die Qualität der organischen Baumwolle nicht unseren Anforderungen entspricht.“ Die Bio-Variante sei in Sachen Umweltstandards zwar der konventionellen überlegen, „aber nicht was die soziale Komponente betrifft“.

          „Armedangels“ bezieht Bio-Baumwolle aus Indien. Ihre Landwirte aus Indien stellen sie in einer ausgeschmückten Reportage auf ihrer Website vor. Allerdings ist „Armedangels“ GOTS-zertifiziert, der „Global Organic Textile Standard“ gilt als international anerkannt und hat strenge Vorschriften. So muss ein GOTS-zertifiziertes Produkt zu mindestens 70 oder 95 Prozent aus Bio-Baumwolle bestehen, je nach Kennzeichnungsstufe. Sozialstandards schreiben Mindestlöhne, Arbeitsverträge und ein Verbot von Diskriminierung oder Zwangsarbeit vor. Außerdem haben die Arbeiter die Möglichkeit sich in Gewerkschaften zu organisieren, um ihre Ansprüche durchzusetzen. Ein Vergleich von „Stiftung Warentest“ aus dem Juli 2019 bewertet den GOTS-Standard am höchsten. Dicht gefolgt vom firmeneigenen Label der Modekette „C&A“, die entsprechende Produkte mit „#wearthechange“ kennzeichnet. Die Rückverfolgbarkeit der Fasern sei gut belegt. Die Linie des Konkurrenten „H&M Conscious“ schneidet hingegen nicht so gut ab, Herkunftsbelege seien nur lückenhaft vorhanden.

          Eine Mitarbeiterin der „Sanvt“-Fabrik schneidet Stoff zu. Dabei kommt eine Mischung aus manuellen & maschinellen Verfahren zum Einsatz.

          Ob und inwieweit ein Siegel verlässlich Auskunft über Herkunft und Verarbeitung eines Kleidungsstücks gibt, können Verbraucher auch selbst nachschlagen. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat dazu die kostenlose App „Siegelklarheit“ entwickelt. Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will noch dieses Jahr eine Art Meta-Siegel auf den Markt bringen, das Abhilfe schaffen soll. Ursprünglich für den Juli angesetzt und nun doch auf den September verschoben, soll der „Grüne Knopf“ sozial und ökologisch nachhaltige Textilien erkennbar machen. Die Verbraucherzentralen begrüßen diese Entwicklung, die Wirtschaft zeigt sich besorgt. Der „taz“ sagte Ingeborg Neumann, Präsidentin des Verbandes „textil+mode“: „Was der Minister plant, gefährdet unsere Existenz.“

          Das Rennen um Trends, die morgen schon vergessen sind und auf dem Rücken der Näherinnen und Bauern ausgetragen wird, will „Sanvt“-Gründer Heyd nicht mitmachen. Seine Ganzjahreskollektion soll ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen. Er ist überzeugt, dass sich immer mehr Menschen dafür öffnen werden: „Nachhaltigkeit fängt für mich beim Konsumenten an, der weniger, aber bessere Produkte kauft.“ Das funktioniere auch im Lebensmittelbereich mittlerweile gut. Den CO2-Fußabdruck kompensiere er mit der Förderung entsprechender Produkte, auch wenn er dabei das „ungute Gefühl eines Ablasshandels“ habe. Obwohl er seine Lieferwege verkürzt hat, liegt sein ökologischer Fußabdruck noch bei etwa fünf Kilogramm pro T-Shirt. Dennoch glaubt Heyd: „Es ist viel entscheidender, den Kunden den Wert des Produkts und die damit einhergehende Umweltbelastung vor Augen zu führen, als bloß zu kompensieren.“

          Weitere Themen

          Ein Einblick in die Berliner Clubszene Video-Seite öffnen

          „Wie eine Droge“ : Ein Einblick in die Berliner Clubszene

          Freiraum und Kreativität sind Berlins Markenzeichen. Das zieht Künstler, Musiker und Clubpublikum aus der ganzen Welt an. Doch die Szene ist im Wandel. Der angesagte Club Griessmuehle und Techno-DJ DVS1 versuchen, die Clubkultur zu retten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.