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Brillen-Mode : „Heute suchen auch Optiker nach Trends“

Auch das Online-Geschäft wächst: Brillen von Linda Farrow Bild: F.A.Z. Magazin

Der Jet-Set trägt wieder Nerdbrille. Simon Jablon spricht im Interview über Sehbrillen mit Fensterglas, das Wiederbeleben des Mode-Labels seiner Mutter Linda Farrow – und er verrät, an welchem Punkt er das Experimentieren lieber anderen überlässt.

          3 Min.

          Simon Jablon, Sie haben 2003 das Londoner Label Ihrer Mutter wiederbelebt, die unter ihrem Namen Linda Farrow in den Siebzigern und Achtzigern Sonnenbrillen an den Jet-Set verkaufte. Heute trägt der Jet-Set wieder Nerdbrille. Beobachten Sie das auch bei Linda Farrow?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja, das machen wir jetzt auch. Viele unserer Kunden kaufen Sehbrillen und lassen das Fensterglas einfach drin. Die brauchen keine Stärke, aber wollen eine Brille tragen. Besonders in Asien ist das ein großes Thema.

          Was sind das für Modelle?

          Eher größer als kleiner. Auch in Europa wachsen wir nun Stück für Stück mit der Optiker-Welt zusammen. Früher haben wir an keinen einzigen deutschen Optiker verkauft. Aber die Optiker sind nicht mehr dieselben wie früher. Damals blieben sie vor allem in ihren Läden, heute reisen sie so viel wie alle Modeleute. Damals hatten sie gewisse Marken jahrzehntelang im Sortiment, als gehörten die zum Inventar. Heute suchen sie nach neuen Marken wie die Händler anderer Boutiquen.

          An welchen Optiker haben Sie als Erstes verkauft?

          Uns gibt es jetzt seit 13 Jahren. Die ersten sechs Jahre haben wir nur an Modeläden verkauft. Wir wollten ein Mode-Image, wir sind ja ein Mode-Label. Der erste war dann Marc Le Bihan aus Paris, eine Legende in der Branche. Ich kannte ihn trotzdem nicht, er kam zwei Mal an meinem Stand auf der Messe in Paris vorbei und wollte die Brillen kaufen, und ich wies ihn beide Male ab. Irgendwann fand ich dann heraus, wer er war.

          War er beleidigt?

          Er war schon sauer, aber irgendwann kamen wir doch zusammen. Bis heute ist es eine tolle Beziehung. Er war der erste Optiker, der den Trend aufgriff. Er hat wie nur wenige Optiker seinen Finger am Puls der Zeit.

          Obwohl ja nun auch Brillenmarken zunehmend eigene Läden eröffnen.

          Ja, wir haben zum Beispiel gerade einen Corner im KaDeWe eröffnet, wunderschön, genau zwischen Balenciaga, No. 21 und The Row. Und wir eröffnen jetzt auch in New York, an der Greene Street in Soho, gleich neben Jimmy Choo, gegenüber von Dior.

          Simon Jablon ist der Sohn von Linda Farrow und Geschäftsführer der Londoner Marke Linda Farrow. Abgesehen vom Namen hat sich seit den Zeiten seiner Mutter alles verändert.

          Wie findet man so eine Location?

          Wenn ich etwas sehe, das ich will, dann versuche ich, es auf jeden Fall zu bekommen. Ich habe mir jeden einzelnen Kontakt selbst rausgesucht, bis ich bei dem Eigentümer des Gebäudes angelangt war. Ohne Makler. Ich bin dort einfach entlangspaziert und habe geschaut, welche Location zu unserer Marke passt, welche Größe, welche Schaufenster-Größe, welche Nachbarn, welche Art von Publikum. Dafür muss man die Stadt selbst erkunden und lange suchen, sonst wird das nichts werden.

          Wie viel ist von Ihrer Idee geblieben, auf der Basis der alten Gestelle Ihrer Mutter neue Rahmen zu entwerfen?

          Vintage ist immer noch wichtig für uns, schon wegen der Werte meiner Mutter. Sie wollte die Dinge vorantreiben, anders sein, keinem Lehrbuch folgen. Das alles ist wichtig für uns. In der Mode ist das ja zur Zeit sehr angesagt, so wie es zum Beispiel Vetements macht, das Label, das gerade alles auf den Kopf stellt.

          Man sieht es an den Sweatshirts mit breiten Schultern, den hässlichen Stoffen, mit denen es nun, nachdem Vetements damit erfolgreich war, alle versuchen.

          Und dann noch das Konzept von see now, buy now - vieles verändert sich gerade. Auch wir haben noch nie das gemacht, was man uns gesagt hat. Malen nach Zahlen war nicht das Ding meiner Mutter und meins auch nicht. Wenn schon ich mich langweile, dann haben wir ein Problem. Dann sind die Leute unter mir gelangweilt, dann wird auch das Produkt langweilig.

          Was tun Sie dafür, dass die Marke nicht langweilig wird?

          Wir sind unabhängig und können nicht von einem Private-Equity-Unternehmen ausgepresst werden. Das hilft. Ich glaube, man verliert den Spaß an der Sache, wenn man für immer noch mehr Gewinn ausgepresst wird. Aber natürlich will ich auch etwas verkaufen.

          Haben Sie schon viele Angebote bekommen?

          Sehr viele, und ich habe sie alle abgewiesen. Ich stelle mir für die Marke etwas anderes vor. Wenn das richtige Angebot käme, wer weiß. Wir könnten uns an ungefähr ein Prozent des Weltmarkts richten. Auf der Welt gibt es 7,5 Milliarden Menschen, macht 75 Millionen mögliche Kunden. Die haben alle Geld, reisen viel und haben eine riesige Auswahl an Produkten. Als meine Mutter damals in den Siebzigern ihre Marke gründete, verkaufte sie nach Paris, New York, Mailand, London, die Schweiz und noch an ein paar Kunden hier und da. Ich unterhalte nun einen eigenen Laden auf den Philippinen, in Manila. Das ist doch verrückt im Vergleich zu der Zeit meiner Eltern. Und alle suchen etwas Neues, Cooles.

          Selbst in den neuen Märkten gewöhnt man sich gerade an Sonnenbrillen ohne großes Logo auf dem Bügel.

          Ja, das ist gut für uns. Überhaupt ist es kompliziert mit der Sichtbarkeit. Selbst Topshop hat nun 200 seiner kleineren Läden geschlossen, damit die Leute in die großen Läden gehen und dort richtig einkaufen.

          Kaufen Ihre Kunden eigentlich auch online Brillen? Oder muss man eine Brille nicht vorher anprobieren, um zu sehen, wie sie sitzt und passt?

          Das sehe ich auch so. Aber unser Online-Geschäft wächst. Und wenn es Virtual-Reality-Anproben gibt, ändert sich das noch mal.

          Experimentieren Sie schon in diese Richtung?

          Nein, das überlasse ich lieber den Googles dieser Welt mit ihrem 100-Milliarden-Budget.

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