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Silvia Fendi über Lagerfeld : „Ich bin nicht sein Klon“

Im Februar 2016: Karl Lagerfeld und Silvia Fendi zeigen sich nach der Fendi-Schau. Bild: AFP

Unlängst hat Silvia Fendi in einer Schau auf dem Palatin in Rom Karl Lagerfelds gedacht, der von 1965 bis zu seinem Tod im Februar Chefdesigner von Fendi war. Im Interview spricht sie über Verantwortung und Veränderung.

          2 Min.

          Signora Fendi, Anfang Juli haben Sie in einer Schau Karl Lagerfelds gedacht. Eine richtige Rückschau auf sein Werk war es aber nicht.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Nein. An Karl erinnert man sich am besten mit einer Hommage, nicht mit einer Retrospektive, das hätte er nicht gemocht. Wir wollten zeigen, dass er uns viel hinterlassen hat. Nicht nur in den Archiven, sondern auch in unseren Fähigkeiten. Dieses Unternehmen wurde durch seinen Willen und seine Vorstellungen geprägt, durch das, was er uns jede Saison abverlangt hat. Für unsere Schau sind wir natürlich ins Archiv gegangen, haben es dann aber so präsentiert, dass sogar er überrascht gewesen wäre.

          Und warum in Rom?

          Das haben wir noch zusammen entschieden im vergangenen Jahr. Er fand die Idee sehr gut. Weil die Marke hier sitzt und unsere Mode hier entworfen wird, wollten wir die Idee von einer Römerin wiederbeleben, die ich „cinematic" nennen möchte: Sie wohnt in einem Palazzo und kleidet sich exquisit, damit sie auch noch in einer Umgebung wahrgenommen wird, die schon so prächtig ist.

          Die Italien-Sehnsucht der Deutschen ist legendär. Bei Ihnen hat also wieder mal ein Deutscher, noch dazu aus dem Norden, seinen Hang zum Süden ausgelebt.

          Ja, er hat mal gesagt: „Chanel ist meine französische Seite, Fendi ist meine italienische Seite, besser sogar: meine römische Seite." Vor allem in den ersten Jahren verbrachte er viel Zeit bei uns. Damals hatte er auch eine Wohnung im Zentrum der Stadt, er wurde quasi von Rom adoptiert. Seit 1983 war er nicht mehr so oft da, denn seitdem haben wir ihn uns ja mit Chanel geteilt.

          Ihre Mutter Anna und deren Schwestern Paola, Franca, Alda und Carla haben ihn 1965 für Ihr Pelz- und Lederwarenhaus verpflichtet.

          Ja. Und als sie nach Paris fuhren, um ihn den Vertrag unterschreiben zu lassen, hat er sie warten lassen. Sie klingelten an seiner Wohnung an der Place des Vosges, aber niemand öffnete. Also blieben sie einfach im Hausflur sitzen. Und weil in Paris die Lichter im Flur nach einer Minute ausgehen, standen sie abwechselnd auf und machten das Licht wieder an: „Jetzt bist Du dran, jetzt Du, jetzt Du!" Er kam dann drei Stunden zu spät. Meine Tanten und meine Mutter haben später darüber gelacht und es immer wieder erzählt, weil er ja oft unpünktlich war.

          Warum war er eigentlich immer verspätet?

          So hat er getestet, ob man ihn wertschätzte: Wenn sie wirklich etwas von mir wollen, werden sie schon warten.

          Ihre Mutter und Ihre Tanten dachten damals fortschrittlich, denn er war erst Anfang 30 und noch nicht so bekannt.

          Ihn zu verpflichten war auch deswegen schon sehr modern, weil er nicht einmal in Rom lebte. In den letzten Jahren hatten wir vor allem über iPhone Kontakt. Aber vor einem halben Jahrhundert kamen die Zeichnungen noch per Päckchen. Wenn so eine Sendung verlorenging, und das passierte, durchlebten wir Albträume. Über die Distanz von Rom nach Paris zu arbeiten war nicht so einfach.

          Was sind Ihre ersten Erinnerungen an ihn?

          Das weiß ich nicht mehr genau, ich war ja erst fünf Jahre alt, als er zu uns kam. Für mich war er immer schon da. Zu Beginn dachte ich, er sei ein Zauberer. Vielleicht wegen seiner Art zu arbeiten. Er setzte sich hin, dann sah man nur ein paar Linien, die er zeichnete, dann wurde daraus eine ganze Silhouette, und beim nächsten Treffen wurde aus dieser Silhouette Wirklichkeit. Ich staunte, wie man aus einer Idee eine ganze Kollektion machen konnte. So wurde er zu einem unglaublich wichtigen Bezugspunkt für mich.

          Und jetzt müssen Sie das alles alleine machen. Haben Sie Angst davor?

          Natürlich. Jedes Mal, wenn man eine solche Verantwortung hat, ist es wie das erste Mal. Aber das ist auch gut so. Denn wenn man glaubt, man hätte in seinem Leben schon etwas erreicht, dann ist das der Moment, in dem man beginnt, langweilig zu werden.

          Erkennt man ihn denn in Ihrer neuen Kollektion?

          Ja, aber ich mache es wahrscheinlich femininer, vielleicht etwas weicher, offener, auch mit mehr Transparenz. Karl war ja sehr streng in seinem Stil.

          Fendi ändert sich also.

          Ja. Ich sehe mich nicht als Klon von Karl. Ich habe viel von ihm gelernt. Und jetzt stehe ich eben unter besonderer Beobachtung.

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