https://www.faz.net/-hrx-7kdu5

Side by Side Designprodukte : Schön anders

In der Caritas-Werkstätte in Raubling stellen Menschen mit Behinderungen Side-by-Side-Produkte her, darunter auch die Keksschale „Elch“ (Jette Scheib) Bild: Roeder, Jan

Side by Side ist eine Marke mit ausgezeichneten Designprodukten. Hergestellt werden sie von Menschen mit Behinderungen – etwa in den Caritas Wendelstein Werkstätten.

          Zweimal hin und zweimal her. Das ganze acht Mal, denn das Brettchen hat acht Kanten, die es zu brechen gilt. Dann nimmt Charlotte die Leimflasche in die Hand und drückt den Klebstoff mit einer eleganten Kreisbewegung in jedes der acht vorgebohrten Löcher. Nun steckt sie noch acht Holzdübel hinein, schlägt mit einem Hammer jeweils zweimal obendrauf – fertig. Charlotte hat nun Pause, denn Ingo, der links von ihr sitzt, erledigt den Rest. Er hat bereits das Untergestell aus drei Teilen zusammengebaut, fügt nun noch Charlottes Brettchen hinzu und spannt zu guter Letzt das kleine Möbel in einer Maschine ein, die alle Teile so lange fest zusammendrückt, bis der Leim angetrocknet ist.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Nicht erschrecken“, ruft Charlotte plötzlich. „Ist fast fertig!“ Schon stöhnt die Maschine hinter ihr laut auf und gibt den Schemel wieder frei. Das ist ihr Signal, Charlotte greift zum Schleifschwamm und beginnt mit dem nächsten der vor ihr gestapelten Brettchen: glätten, leimen, Dübel festklopfen, die Platte an Ingo weiterreichen, warten. Das macht sie, solange sie Lust hat. Und sie hat fast immer Lust. Nur wenn sie sehr müde ist, schläft sie vielleicht mal am Tisch ein. Ingo geht dann spazieren. Doch das kommt bei den beiden höchst selten vor. Charlotte und Ingo sind ein eingespieltes Team. Sie haben zwar auch schon einmal die Arbeitsplätze getauscht. Aber die vielen Handgriffe, die Ingo, der ja immerhin gelernter Schreiner ist, wie er erzählt, erledigen muss, waren für Charlotte einfach zu viel.

          Von Hand verpackt

          Charlotte Mötsch hat in 21 Jahren bereits eine Menge Aufgaben in den Caritas Wendelstein Werkstätten im Werk Raubling bei Rosenheim übernommen. In der Wäscherei zum Beispiel und in der Küche. Doch in der Schreinerei gefalle es ihr am besten, sagt die Vierzigjährige. „Weil die Arbeit so abwechslungsreich ist.“ Mit Ingo Woizik zusammen baut sie 40 Schemel am Tag. Das klingt nicht nach viel, und die Nachfrage nach dem Schemel „Little Stool“, den die Münchner Designerin Bianca Locker entworfen hat, ist groß. Doch frei von fast jedem Zeitdruck können sich Charlotte und an die 60 weitere Menschen mit Behinderungen allein in Raubling den Produkten der Marke Side by Side widmen. Selbst im Weihnachtsgeschäft gibt es so gut wie keine Vorgaben, wie viel am Tag produziert oder verpackt werden muss.

          Und verpackt wird natürlich ebenfalls alles fein säuberlich von Hand. Die Keksschale „Elch“ zum Beispiel von der Berliner Designerin Jette Scheib, einer der Bestseller des Hauses: Liebevoll wird jedes einzelne Stück – die Ausstechform, das Plätzchenrezept, die Porzellanschale, der hölzerne Elch und das Spitzahorn-Brett, auf dem er später stehen wird, sowie eine Beschreibung, was Side by Side ist – in eine flache Pappschachtel gelegt. Was nach langweiliger Arbeit klingt, macht Charlottes Kollegen sichtlich Spaß. „Die Monotonie“, sagt Sabine Meyer, „gibt ihnen Sicherheit.“

          Die Industriedesignerin hatte vor zwölf Jahren die Idee, Produkte von Designern entwerfen und sie dann in Werkstätten für behinderte Menschen herstellen zu lassen. Schon zuvor hatte die Münchnerin eine Kollektion von Designprodukten für ein Unternehmen entwickelt, das seine Waren in der Werkstätte in Raubling produzieren ließ. „Damit wurde aber nicht groß geworben“, erzählt Sabine Meyer. Der Umgang mit dem Thema sei sogar ein wenig verschämt gewesen, auch weil man nicht „auf die Mitleidsschiene“ habe setzen wollen. „Ich aber wollte die soziale Einrichtung hinter den Designprodukten sichtbar machen.“ Klassischerweise stellen Menschen mit Behinderungen vor allem Kinderspielzeug her, was vielleicht auch daran liegen mag, dass man ihnen mit ihrem eher kindlichen Gemüt nichts anderes zutraut. Sabine Meyer wollte genau das ändern – Seite an Seite mit den körperlich und geistig meist mehrfach behinderten Menschen.

          Mit Preisen geadelt: Die Münchner Designerin Sabine Meyer war vom Erfolg ihrer Idee selbst überrascht Bilderstrecke

          Produkte erstmals 2002 präsentiert

          Mit ihrer Marke Side by Side will die Achtundvierzigjährige „nützliche Helfer“ für den Alltag produzieren, Haushaltsgegenstände mit einer klaren Funktion und einem zeitgemäßen Design. Auch dabei kamen ihr ihre Kontakte zugute: Sie sprach einfach viele der Designer an, mit denen sie an der Fachhochschule in München Anfang der neunziger Jahre Industriedesign studiert hatte. Eine ganze Reihe von ihnen beteiligte sich, 40 Produktideen gingen bei ihr ein. Die Werkstätten, zunächst nur in Bayern, durften sich dann nach einem Auswahlverfahren die Entwürfe, die sie herstellen wollten, selbst aussuchen. „Wir hier in den Wendelstein Werkstätten haben die anspruchsvollsten Sachen genommen, an die sich die anderen nicht so herangetraut haben“, sagt Sabine Meyer.

          Weitere Themen

          Wolle über  den Joghurt

          Milchtechnologe : Wolle über den Joghurt

          Patrick Rüegg arbeitet als Milchtechnologe mit guten Bakterien. Eigentlich wollte der Schweizer nicht ins Familienunternehmen einsteigen. Jetzt ist er froh.

          Selektion in der modernen Medizin? Video-Seite öffnen

          Pränataldiagnostik : Selektion in der modernen Medizin?

          Immer weniger Menschen werden heute mit Behinderungen geboren - dank moderner Medizin und Pränataldiagnostik. Aber ist das überhaupt ein Gewinn? Nein, sagt Timo Oelschläger, der selbst schwerbehindert ist. Er fordert Inklusion statt Selektion.

          Kraut und Creme

          Kaufmanns Bio-Kosmetik : Kraut und Creme

          Susanne Kaufmann war noch jung, als sie das Hotel Post ihrer Familie in Bezau übernahm. Dann wurde sie in aller Welt mit ihrer Bio-Pflegelinie bekannt. Wie hat sie das geschafft?

          Die weiße Liebe der Deutschen Video-Seite öffnen

          Kulturgut Spargel : Die weiße Liebe der Deutschen

          Der Weißspargel gilt in Deutschland als eines der beliebtesten Saisongemüse, wohingegen im restlichen Europa meist grüner Spargel auf den Tisch kommt. Die Saison ist relativ kurz und endet jedes Jahr am 24. Juni.

          Topmeldungen

          Österreichs Regierung am Boden : Von der Musterehe zum Rosenkrieg

          Aus den Rissen in der türkis-blauen Koalition wurden durch die Ibiza-Affäre in beeindruckender Geschwindigkeit Gräben. Die Neuwahl ist für Sebastian Kurz eine Chance, mehr Stimmen für die ÖVP zu gewinnen – aber sie birgt auch ein großes Risiko.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.