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Second Hand und veganes Leder : Shoppen wir wirklich nachhaltigere Mode?

Am 11. Mai stehen Menschen Schlange, um bin Zürich bei Louis Vuitton einzukaufen. Bild: Picture-Alliance

Die Modesuchmaschine Lyst veröffentlicht einen Bericht über nachhaltige Mode. Haben wir wirklich unser Kaufverhalten geändert?

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          Man sehnt sich dieser Tage nach guten Nachrichten und die Modesuchmaschine lyst.de kommt mit einer solchen daher: Nachhaltige Mode liegt immer mehr Konsumenten am Herzen, heißt es im Bericht des Unternehmens über „Nachhaltige Mode 2020“, der an diesem Donnerstag veröffentlicht wird. Dafür hat man bei Lyst das Kaufverhalten von 104 Millionen Einkäufern über den Zeitraum eines Jahres ausgewertet und festgestellt: „Seit Anfang des Jahres sind Suchanfragen mit auf Nachhaltigkeit bezogenen Keywords um 37 Prozent gestiegen.“

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Und was suchen die Käufer da so? Nachhaltige Sneaker seien ein besonders begehrtes Produkt, so Lyst, besonders jenes Stella-McCartney-Modell, das Taylor Swift mal getragen hat. „In den 48 Stunden nach ihrem Auftritt stieg die Anfrage nach dem Eclypse Sneaker um 126 Prozent an“, heißt es in der vorab herausgegebenen Pressemitteilung der Modesuchmaschine. (Man darf also annehmen, dass Nachhaltigkeit sich immer noch am besten verkauft, wenn ein Promi sie offiziell zum Trend erklärt.) Außerdem, so heißt es bei Lyst, suche man in Kopenhagen überwiegend Jeans-Produkte und in Berlin vor allem Kunstpelzmäntel und vegane Lederjacken. Und in Australien sei bei Shoppern vor allem „ethische“ Mode gefragt.

          Aber ist damit schon die Umwelt gerettet? Lyst führt in seiner Analyse als Beleg für die Beliebtheit von „Secondhand Mode“ beispielsweise eine Chanel-Tasche an: „Die klassische Pattentasche von Chanel „aus zweiter Hand“ schaffte es im Lyst-Index Q1 2020 sogar unter die Top 10 der beliebtesten Damenprodukte.“ Diese Top Ten, die die beliebtesten Produkte des ersten Quartals 2020 aufführt, wird von einer neuen Bottega-Veneta-Tasche in orangefarbenem Lammleder angeführt. Auf den anderen Plätzen drängen sich (ebenfalls neue) Jogginghosen von Nike oder Baumwollblusen von Ganni. Nachhaltigkeit, so muss man nach Lektüre dieser Liste dann leider doch schlussfolgern, ist im Homeoffice also noch nicht angekommen.

          Von wegen weniger Konsum

          Vielmehr liefert der Index der Modesuchmaschine einen ersten Beleg, dass die zu Beginn der Quarantänewochen vielbeschworene Rückbesinnung auf Werte jenseits von Konsum nicht unbedingt eingetreten ist. Nur weil die Leute während der Kontakt- und Ausgangssperren in Europas Großstädten zu Hause bleiben mussten, heißt das nicht, dass sie nicht shoppen konnten: Waren lassen sich schließlich auch vom Sofa aus gemütlich in virtuelle Einkaufskörbe legen. Daran konnten anscheinend auch Nachrichten wie jene nichts ändern, dass in Südostasien Tausende Näherinnen von einem Tag auf den anderen entlassen wurden, weil große Textilfirmen während der Pandemie ihre Verkaufsflächen in den Innenstädten nicht mehr öffnen konnten.

          Beliebtes Second-Hand-Produkt: die gesteppte Chanel-Tasche (Archivbild)
          Beliebtes Second-Hand-Produkt: die gesteppte Chanel-Tasche (Archivbild) : Bild: Picture-Alliance

          Wer es sich leisten kann, zu shoppen, kauft also auch, wenn die Einkaufsmeilen geschlossen bleiben. Und gerade das Beispiel, dass Käufer in den vergangenen Monaten ausgerechnet auf die klassische Chanel-Tasche setzten, bedeutet nicht, dass sie plötzlich nachhaltiger shoppten. Vielmehr legt es die Vermutung nahe, dass die Konsumenten zum einen nach Geldanlagen in Form von Luxusgütern suchten und zum anderen die Luxustaschen – auch first hand – nicht über Websites der Firmen erstehen konnten, während die Geschäfte geschlossen waren. (Nicht ohne Grund bildete sich etwa in Zürich direkt am ersten Tag nach der Lockerung eine Schlange vor dem Geschäft von Louis Vuitton.)

          Man mag die guten Nachrichten vom nachhaltigen Kaufverhalten feiern, wenn in Kopenhagen und Berlin ein gutes Gewissen durch die vegane Lederjacke oder den Kunstpelzmantel aus zweiter Hand gekauft wird. Das Grundproblem wird man jedoch nicht lösen, wenn man Nachhaltigkeit und faire Arbeitsbedingungen allein durch die Nachfrage der Konsumenten zu lösen versucht.

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