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Selbst geschneidert : Ein Dirndl macht noch keine Bayerin

Auf das richtige Werkzeug kommt es an: Maßband, Schere, Nadeln, Schneiderwinkel und viel Geduld. Bild: Hotel Bachmair Weissach

Tracht ist Trend, besonders vor dem Oktoberfest. Echte Fans des Dirndls legen selbst Hand am Stoff an. Ein Besuch in einem zweitägigen Nähkurs.

          5 Min.

          Das Experiment läuft noch keine Stunde, da bin ich mit meinen Nerven schon am Ende. Zittrige Finger, verkrampfter Rücken, die zusammengekniffenen Augen auf diese Nadel gerichtet, die sich im Schneckentempo auf und ab bewegt: Stich, Stich, Stich. Schlaufe. Mist, falsche Fadenspannung. Dabei will ich doch nur zwei Bahnen meines Dirndlrocks mit einer geraden Naht verbinden, an der Nähmaschine. Die Tücke steckt in dem kleinen Wort gerade. Und in der Nähmaschine - bis eben hatte ich noch nie eine aus der Nähe betrachtet, geschweige denn bedient. Vor allem aber arbeite ich gerade an einem Kleidungsstück, das für mich so fremd ist wie ein indischer Sari - für die anderen Frauen im Dirndl-Nähkurs am Tegernsee aber zu ihrem Bayerischsein gehört wie das Bier in die Maß.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein selbstgenähtes, maßgeschneidertes Dirndl, sagten mir Freundinnen von südlich der Weißwurstgrenze, sei ein Traum, und ein weicher Schmelz schlich sich dabei in ihren Blick. Bis vor ein paar Jahren noch galt als Exot, wer in Tracht auf dem Oktoberfest auflief. Das hat sich gründlich geändert. Nicht einmal Japaner wagen sich heute noch ohne Tracht auf die Wiesn. Doch ein hochwertiges Dirndl ist teuer, eines von der Stange zu finden, das richtig sitzt, ist schwierig, und mit der Billigware aus Satin und Polyester, sagen die Freundinnen, mache man sich nur lächerlich. Sie müssen es wissen. Ich dagegen komme aus demselben Bundesland, in dem Rainer Brüderle lange Minister war. Aber mit Dirndln kenne ich mich nicht aus. Ein Grund mehr für diese Reise in eine fremde Kultur.

          Handgearbeitete Unikate

          Denn genau das ist der Dirndl-Nähkurs. Der Raum im Hotel Bachmair Weissach stilecht bayerisch, mit Balkendecke, Dielenboden und Holzvertäfelung eingerichtet. Durch die Sprossenfenster geht der Blick auf die Tegernseer Berge in strömendem Regen - was gut ist, denn in den kommenden zwei Tagen werden wir diesen Raum wenig verlassen. Wir, das sind sechs Frauen mit wenig oder ohne Näherfahrung. Jede, sagt die Designerin Blanca Popp, die uns anleitet, soll ein komplettes Dirndl mit nach Hause nehmen, ein handgearbeitetes Unikat. Dann lächelt sie aufmunternd und zeigt hinüber zu der Schneiderpuppe, auf die sie schon ein Kleid drapiert hat, fix und fertig mit Schürze und Zierrat.

          Popp hat lange als Modellistin für ein großes Mode-Label gearbeitet. „Aber irgendwann kam die Lust zurück, wieder handwerklich zu arbeiten“, sagt sie. Die Frau mit den rotblonden Locken eröffnete eine Nähschule in München. Mit ihren Kundinnen, manchmal auch mit Kunden, schneidert sie Hochzeitskleider, Abendroben, Sommerröcke - und immer mehr Dirndl. „Tracht ist im Kommen“, beobachtet sie. Etwas mit den eigenen Händen zu machen ist es sowieso.

          Selbstbaukasten aus Stoffteilen und Ösen

          Normalerweise brauchen Frauen bei ihr im Atelier vier Arbeitstage, bis das Dirndl fertig ist. Der Wochenend-Schnupperkurs im Hotel kommt deshalb nicht ohne ein paar Tricks aus. Die Stoffe zum Beispiel sind vorgeschnitten, passend auf die Konfektionsgröße der Teilnehmerinnen. In kleinen Paketen liegt das Dirndl in spe für jede bereit, eine Art Selbstbaukasten aus Stoffteilen, Ösen und Bändern. Ein sogenanntes Waschdirndl soll das Ganze werden, so heißt die tagestaugliche Variante aus Baumwolle ohne viel Schischi. Die Mieder, also die Oberteile, in den Päckchen sehen sogar so aus, als wären sie schon fast fertig, inklusive Wiener Nähte.

          Aber nur fast. Denn, erste Lektion von der Expertin: „Dirndl-Schneiderinnen schneiden nur grob zu. Erst am Körper wird exakt angemessen.“ Die Mieder sind also nur vorgenäht, damit wir zum Abstecken in sie hineinschlüpfen können - und sie anschließend auftrennen, zurechtschneiden und neu zusammensetzen. Zweite Lektion: Ein Mieder muss eng sitzen. Deshalb bitte schön ausatmen, während Popp die Nadeln setzt, denn wird der Stoff erst einmal warm, in einem übervollen Bierzelt zum Beispiel, weitet er sich. Dafür, dass er nicht allzu sehr nachgibt, sollen solide Baumwollstoffe sorgen, dazu Futter und Stäbchen.

          Maßarbeit: Blanca Popp (rechts) zeigt, wohin die Stäbchen gehören.

          Nähen lernen heißt eine Fremdsprache lernen

          Das klingt kompliziert. Gut, dass es mit dem Rock losgeht. Vier Stoffbahnen vernähen und oben irgendwie um die Taille zurren, das sollte doch zu schaffen sein. Wäre da nicht der Kampf mit der Nähmaschine. Wir lernen, dass in ihr immer zwei Fäden laufen, einer von unten, einer oben, und wie der durch gefühlte hundert Windungen bis durchs Nadelöhr führt. Los geht’s. Gerader Stich, Stoffe Kante auf Kante, Fuß aufs Pedal, erst kurz vor und zurück, dann immer geradeaus. Wobei das ein relativer Begriff ist.

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