https://www.faz.net/-hrx-7l86y

Secondhand in Afrika : „Jedes Mal eine Reise ins Unbekannte“

Stundenlang stöbern die Schwestern Nelly und Nelsa Guambe auf den Altkleidermärkten in Maputo Bild: Frida Winter

Ausrangierte Klamotten, die in Europa gespendet werden, landen auf Märkten in Afrika. Nelly und Nelsa Guambe aus Moçambique spüren besondere Teile auf und verwandeln sie in Einzelstücke.

          Nelly, Nelsa, ihr habt Politikwissenschaften beziehungsweise Verwaltungswissenschaften und ländliche Entwicklung studiert. Woher kommt euer Interesse für Mode?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Nelsa: Von früher. Wir sind in einem Dorf in der Provinz Inhambane aufgewachsen. Unsere Mutter hat uns schon als Kinder immer mit in die nächste Stadt, nach Maxixe, auf den Kleidermarkt genommen. Dort gab es Secondhandklamotten, die sie sich leisten konnte. Zum Geburtstag oder vor Weihnachten durften wir uns aus den riesigen Bergen etwas aussuchen, haben es von den Schneidern auf dem Markt anpassen lassen. Wir haben das geliebt.

          Warum heißen diese Märkte in Moçambique „Calamidades“ - also so etwas wie Katastrophen?

          Nelly: „Calamidades“, das bedeutet Krise, Not. Das kommt aus den Zeiten des Bürgerkriegs, als die Kleidung an die notleidende Bevölkerung verteilt wurde.

          Und heute?

          Nelsa: Der Name ist geblieben. Die Secondhandklamotten heißen noch immer Calamidades, auch wenn es inzwischen nicht mehr nur um Kleiderspenden, sondern auch ums Geschäft geht. Noch immer tragen die meisten Menschen in Moçambique diese Kleidung, weil sie sich keine neue leisten können.

          Nelly: Auf der anderen Seite sind diese riesigen Mengen an billigen Klamotten auch ein Problem. Moçambique exportiert viel Baumwolle. Eine eigene Bekleidungsindustrie, eine eigene Produktion kann sich hier gegen die Billigklamotten aber nicht durchsetzen.

          Nelsa: Und zum Teil wird der Markt hier regelrecht überschwemmt. Die Verkäufer wollen die Klamotten nur noch loswerden. Manchmal gibt es Stücke für fünf oder zehn Meticais, das sind vielleicht zehn, zwanzig Eurocent. Eine Infrastruktur, um sie zu entsorgen oder wiederzuverwerten, gibt es nicht.

          Woher kommt die Kleidung denn?

          Nelsa: Die meisten Klamotten kommen aus Europa und den Vereinigten Staaten, inzwischen aber auch aus Australien, Korea, Indien. Zum Teil kommen sie aus Kleiderspenden, zum Teil von Unternehmen. Was genau woher kommt, ist aber schwer zu sagen. Wenn man die Verkäufer oder diejenigen, die die Container importieren, danach fragt, blocken sie ab. Sie haben Angst, dass man ihnen das Geschäft streitig machen könnte. Denn es ist ein großes Geschäft.

          Wie kommen die Secondhandklamotten in Moçambique an?

          Nelsa: Sie sind vorsortiert in großen Ballen. Hemden, T-Shirts, Hosen, verschiedene Kleider, Arbeitsklamotten. Es gibt Ballen mit Kleidung erster Qualität, das sind die teuersten, mit zweiter und mit dritter Qualität. Die Markthändler, die die Ballen im Laden des Inders kaufen, wissen also ungefähr, was drin ist. Aber eine gewisse Überraschung, ein Risiko bleibt natürlich.

          Geschäftspartner: Nelly und Nelsa Guambe

          Im Laden des Inders?

          Nelsa: Die Großhändler hier in Maputo sind vor allem Inder, nicht nur im Geschäft mit den Klamotten. Auf den Märkten verkaufen dann vor allem einheimische Frauen.

          Wie sehen diese Märkte aus?

          Nelly: Manche Frauen, manche Familien verkaufen die Klamotten einfach in der Stadt, auf der Straße, versuchen so, über die Runden zu kommen. Und dann gibt es die großen Märkte. Das sind nicht unbedingt die Orte, an denen man seinen Samstag verbringen möchte: staubig, heiß, laut, hektisch. Ein typisch afrikanischer Markt eben. Und genau deswegen zieht es uns dort hin.

          Nelsa: Zum Markt zu gehen ist für uns jedes Mal eine Reise ins Unbekannte. Diese Spannung, nicht zu wissen, was man bekommt. Nicht zu wissen, welcher Händler heute einen Ballen mit Kleidern aufmacht. Und plötzlich finden wir ein Kleid, ein Schmuckstück.

          Wie sucht ihr die Kleider aus?

          Nelly: Gute Frage. Es gibt auf den Märkten ja alles, vom Hochzeitskleid bis zum Billigkleid aus dünnem Stoff. Wir mögen am liebsten ältere Kleider, Vintage. Der Stoff ist meist besser, und die Muster sind nicht so gewöhnlich.

          Weitere Themen

          Ist das Absicht?

          Männermode : Ist das Absicht?

          Kaum ein Mann kauft sich heute noch einen Anzug, wie er einst die Männermode bestimmte. Aber was ist dann Männermode? Die Verwirrung in der Branche war noch nie so groß wie heute – auch darüber, was die Kunden eigentlich wollen.

          Ist ja ekelhaft! Video-Seite öffnen

          „Disgusting Food Museum“ : Ist ja ekelhaft!

          Wer einmal Schafsaugensaft, Madenkäse oder Flughund-Suppe probieren möchte, ist in dieser außergewöhnlichen Ausstellung im schwedischen Malmö richtig. Was bei dem einen Brechreiz auslöst, ist für andere eine Delikatesse..

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump könnte nun Grund zur Zuversicht haben.

          Ermittlungen abgeschlossen : Entlastet Mueller Trumps Team?

          Der Sonderermittler Robert Mueller hat seinen Abschlussbericht vorgelegt. Dass es keine weiteren Anklagen in der Russland-Affäre gibt, ist eine gute Nachricht für Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.