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Kuckucksuhren : Ihr Ruf war mal besser

  • -Aktualisiert am

Astrein: In den Höhenlagen des Schwarzwalds wächst das weiche Holz für die Kuckucksuhren. Bild: Marcus Kaufhold

Kuckucksuhren brachten es weit über die Grenzen des Schwarzwalds hinaus zu großer Bekanntheit. Heute gehören sie zu den bedrohten Arten. Ein Besuch bei Menschen, die trotzdem an ihr hängen.

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          Die vielen Kneipen und Gaststätten an der oberen Hauptstraße des Städtchens Triberg im Schwarzwald sind von den ebenso zahlreichen Souvenirläden in der Nachbarschaft kaum zu unterscheiden. Fast alles dreht sich dort um Kuckucksuhren. Als seien Kuckucksuhren in dieser Region überhaupt der nützlichste und ein fürs Selbst- wie fürs Heimatgefühl unentbehrlicher Gebrauchsgegenstand. Denn Kuckucksuhren mahnen so verlässlich wie unüberhörbar zur Pünktlichkeit, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Das scheint von allen landsmannschaftlichen Tugenden der Menschen aus Eisenbach und Lauterbach, Schonach und Schramberg, St. Georgen und St. Märgen, Titisee und Triberg, Villingen und Schwenningen die unaufdringlichste.

          Es gibt Schwarzwälder Kuckucksuhren in allen Größen und Farben. Die größte, übermannshoch, steht am Ortseingang von Triberg, die zweitgrößte am Ortsausgang - oder umgekehrt. Eine Zeitlang wurde gestritten, welche die größte sei. Man hat sich dann irgendwann salomonisch geeinigt. Von der mit Abstand kleinsten Kuckucksuhr gibt es mehrere Exemplare im Ausstellungsraum einer der ältesten Uhrenfabriken. Das Familienunternehmen, im 19. Jahrhundert gegründet, nennt seine Produkte, weil die Details den Unterschied machen, ohne Eigensinn, aber nach einem Blick in den Duden genitivfrei und beharrlich „Kuckuckuhren“. Und legt Wert darauf, dass auch seine winzigen Ührchen so zuverlässig funktionieren wie die handgeschnitzten und handbemalten Vorbilder.

          Natürlich wird die kleine oder große Terz, die den charakteristischen Zweiton-Kuckucksruf jede halbe und alle volle Stunden tage- und nächtelang ohne Unterlass imitiert, nicht profan elektronisch erzeugt, sondern naturgemäß - mit Pfeifen und Blasebalg - eindrucksvoll musikalisch. Alles an den putzigen Miniaturen wird in Handarbeit gefertigt, die Teile aus Holz, alle Elemente des Uhrwerks, die aus Messing und Stahl zusammengefügt werden, und die Schnitzereien für die Dekoration der „Kulissen“. Ein Schnitzer mit Meisterbrief gibt die Muster vor, seine Kollegen legen an jedes astfreie Stück professionell Hand an. Ein Kunst-Handwerk, das sich nur aufrecht stehend und mit gebeugtem Rücken verrichten lässt.

          Die gewaltige Linde im Innenhof steht dort nicht von ungefähr: „Das ist unser Baum“, sagt Reinhard Herr, der Geschäftsführer des Unternehmens, beim Gang durch die Werkstatt der Schnitzer. Für die Kuckucksuhren lässt er nur weiches Lindenholz aus bestimmten Höhenlagen der engeren Schwarzwaldregion aussuchen. Das Holz wird erst zwei Jahre oder mehr gelagert, bevor es passend gesägt unter die scharfen Schnitzmesser kommt. Was draußen wie das Holzlager eines Sägewerks anmutet, verwandelt sich drinnen in ein Design- und Handwerker-Studio, in dem gehobelt und geleimt, gezeichnet und gepinselt wird - nicht selten an mehreren Objekten gleichzeitig.

          Ihr unverwechselbarer Zweiklang unterscheidet die Kuckucksuhren vorteilhaft von den ähnlich gestimmten Signalhörnern von Polizei und Feuerwehr. Die können zwar auch nur mit zwei Tönen, die im Wechsel anlauten, auf sich aufmerksam machen - aber diese Melodie dringt ziemlich derb und schrill ins Gehör. Der natürliche Wohlklang, dem Vogelruf angelehnt, ist dort Misstönen gewichen, auch wenn dabei durchdringende Warn- und Klagelaute aus der Tierwelt Pate gestanden haben und im Fall einer nachhaltigen Verstimmung der Instrumente der Auftakt an die Ankunft eines Vorortzugs erinnert.

          Auch die Architektur der Kuckucksuhren hat allerhand mit dem stereotypen Erscheinungsbild alter Bahnwärterhäuschen gemeinsam: das schräge Dach über den vier Wänden mit Blumen davor und einem Gärtchen dahinter, Amsel, Drossel, Fink und Star in der Luft, dazu ein symbolischer Flecken Gras für die Ziege. Wie es sich dem deutschen Brauchtum im Liedgut eingeschrieben hat. Wer die ersten Schwarzwälder Kuckucksuhren baute, ist umstritten, sagen Fachhistoriker. Die Namen reichen von Franziskus Ketterer über Matthäus Hummel weit zurück in den Stammbaum der Schönwalder Ahnen Ketterers und zu dem begabten Sohn Franz Anton, der sie angeblich um das Jahr 1730 als Erster gezimmert habe.

          Einfluss des „Bahnwärterhäusles“

          Das „Bahnwärterhäusle“ geht auf Robert Gerwig zurück, den Direktor der Großherzoglich Badischen Uhrmacherschule in Furtwangen. Dort hatte man 1850 einen Wettbewerb für zeitgemäßes Uhrendesign ausgeschrieben und den Preis Friedrich Eisenlohr zuerkannt. Der Architekt verantwortete die Bauten entlang der badischen Staatsbahn und hatte es auch übernommen, die Uhr an der Fassade eines Bahnwärterhäuschens mit einem Zifferblatt versehen zu lassen. Selbst im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert sind Bahnhofsuhren mit digitaler Anzeige und fahrplangemäßen Kuckucksrufen kaum vorstellbar. Der Vorschlag, mit dem Gezwitscher nur die vollen Stunden einläuten zu lassen, geht auf Eisenlohrs italienischen Berufskollegen Domenico Martinelli zurück und blieb unangetastet, solange die Nachtruhe den Menschen heilig war. Besonders sensible Besitzer von Kuckucksuhren indes schlafen ohne Ansage seit langem unbehellligt.

          Mag aber sein, dass sich die selbstbewussten Schwarzwälder Uhrenbauer im unaufgeregten Lauf der Geschichte verunsichert fühlten, als sich herumsprach, dass schon 1619 eine Uhr mit Kuckucksgetöse in der Sammlung des Kurfürsten August von Sachsen aufgefunden worden war - die nahezulegen schien, dass der Konstrukteur womöglich ein Sachse war und kein Schwabe. Die Sachsen freilich, davon hat der aus Dresden stammende Schriftsteller Erich Kästner Zeugnis abgelegt, haben sich nie als mobiles Völkchen hervorgetan. Kaum anzunehmen also, dass Uhrmacher aus Radebeul so weit nach Westen gezogen wären, um in Titisee den Kuckuck populär zu machen.

          350.000 Exemplare für amerikanischen Markt

          Jahrzehntelang hat der Schwarzwald gut und gern von den Kuckucksuhren gelebt. Das waren die Zeiten, in denen Jahr für Jahr mehr als ein Dutzend Hersteller rund 350.000 Exemplare allein für den amerikanischen Markt reservieren mussten. Die mit 120 Mitarbeitern größte Uhrenfabrik in St. Georgen jedoch hat die Produktion eingestellt, andere Firmen folgten, verkleinerten ihr Sortiment, verringerten die Mitarbeiterzahl. Außerdem wurden die Uhren kleiner. Die neuen Modelle hießen nun „Vogelfrei“, „Classic Cubus“ oder „Moderne Tradition“, kosteten weniger und hatten sich dem Stand der Technik angepasst, um mit der Konkurrenz aus China Schritt halten zu können. Zu denen, die das mit Erfolg versuchten, gehört Peter Auber aus Königsfeld, einem winzigen Dorf, in dem die Häuser dezent Abstand voneinander halten, wenn sie nicht paarweise hintereinander stehen, als wollte eines sich hinter dem anderen verstecken.

          In Triberg: Reinhard Herr lässt hobeln, leimen, zeichnen und pinseln.

          Albert Schweitzer hat seiner Familie hier in den Zwanzigern ein Haus gebaut, und die Regisseurin Leni Riefenstahl wohnte eine Zeitlang in der Nachbarschaft. Lieber freilich reden die Einwohner von den Zeiten, als in jedem zweiten Haus einer wohnte, der Standuhren wieder zum Laufen bringen konnte, einer wie Peter Auber. Vor 15 Jahren beschäftigte er noch acht Mitarbeiter und zwei oder drei Heimarbeiter. Seit er, „nur ungern“, den Ruhestand angetreten hat, verbringt er den halben Tag in der Stube hinter seinem Laden und repariert Uhren, „gern auch historische Modelle“, wie er mit Stolz über die ihm anvertrauten Prunkstücke sagt.

          Peter Auber erfand den Batterie-Pendelantrieb. 30 Jahre lang hat er ihn in seinem Unternehmen gefertigt. In mehr als eine Million Schwarzwälder Kuckucksuhren wurde er eingebaut. Was macht man da, wenn die Zeit rennt? Man tickt einfach weiter.

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