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Mit Hand und Fuß (2) : Der Künstler: Pierre Corthay aus Paris

Pierre Corthay bleibt bei seinen Leisten. Bild: Helmut Fricke

Schuhmacher sind Künstler und Handwerker. Wir haben vier alte Meister in Florenz, London, Paris und Frankfurt besucht. In Teil zwei der Serie: Pierre Corthay aus Paris.

          Pierre rollt die Python auf. Vier Meter lang und eine Elle breit. Die Haut ist stark geschuppt und weich wie Nappa, der Bauchschnitt glatt, das Muster eine Kampfansage. Rautenform im Neonlicht der Kellerlampe. „Wer solche Schuhe trägt, macht ein Statement.“ Er ruft nach seinem Bruder. Christophe kommt die Treppe runter. Er wird das Kopfteil halten müssen. Sie wollen das gute Stück noch einmal sehen. In voller Pracht. Dann wird es zerschnitten. Der Tierschutz ist streng und wichtig. Ohne ihn würde es so ein Leder gar nicht mehr geben. Im Maison Corthay haben sie da klare Regeln.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Alles muss zertifiziert und genehmigt sein - für jedes Leder gibt es Unterschriften, Siegel und Stempel. Nachweise der Herkunft, End- und Zwischenhändler. Neben Kalb und Rind werden hier auch Rochen und Elefanten verfertigt, Echse, Krokodil und Alligator. Alles Leder, die der Kunde will. Die Schlange kam aus einer staatlich kontrollierten Farm am anderen Ende der Welt. Sie hat ihren Preis; Billiges haben Pierre und Christophe nicht im Sinn. Sie stehen selbst unter einer Art von Artenschutz. Sie machen Schuhe für die Oberklasse.

          Corthay ist gut und teuer. Hier stand schon Japans Stardesigner Yohji Yamamoto am Tisch, hier haben Modehäuser wie Lanvin und Dior bestellt, hier ordern Harrods aus London und Neiman Marcus aus New York. Auf den hölzernen Modellfüßen an den Werkstattwänden stehen die Schriftzüge von Rafael Nadal und Cate Blanchett, Jean Reno und Clive Owen. Lange, schmale Formen, spitz und elegant. Frankreichs altes Gardemaß, aufpoliert und frisch geschliffen.

          Maß genommen: Jeder abgemalte Fuß erhält seinen eigenen Leisten.

          Sie arbeiten mit Techniken wie vor 100 Jahren. Schlingen-, Kreuz- und Unterstich. Corthay redet von seiner Arbeit wie ein Chirurg von einer Operation. Blattschnitt, Sprengung, Untertrill. Im Zentrum von Paris, gleich hinter der Place Vendôme, liegt die Rue Volney. Eine kleine Straße mit großen Häusern. Das Hyatt-Hotel, ein Sterne-Restaurant, die Nachlassverwaltung von Pablo Picasso. Die luxuriöse Mitte einer glamourösen Stadt. In Haus Nummer eins sitzen die Corthays. Sie arbeiten am Erbe ihres Handwerks.

          Pierre zieht die Fenstergitter hoch, Christophe sperrt das Tor auf. Der Tag beginnt. Im Vorderhaus sind Laden und Polierstube; im Hinterhaus die Ateliers und Büros. Die Werkstatt liegt im Keller. Stahltür, dicke Mauern, keine Fenster. Arbeitsräume wie in einem Banktresor vergangener Zeiten. Die Firma hat bald Jubiläum. Maison Corthay wird 25 Jahre alt. Der Laden ist viel älter. Er war 1935 von Lucien Staerck in einer alten Concierge-Wohnung als Schuhmacherei gegründet worden. Die Corthays sind der dritte Besitzer in 80 Jahren. Hier durchlebten sie Höhen und Tiefen, erhielten Preise und Pokale, steckten Niederlagen ein - und Verluste obendrein.

          Der Minister für Kultur machte Pierre zum lebenden Denkmal. Er ist „Maître d’art“ - Meister der Kunst. Das verpflichtet ihn auf Tradition. Doch er gibt sich als Mitglied der Gilden „Compagnons du Devoir“ und „Les Grands Ateliers“ auch der Zukunft zugewandt. Trotzdem stand die Firma vor fünf Jahren vor dem Aus. Die Schuhe waren gut, die Zeiten aber schlecht. Die Finanzkrise verschreckte die Kundschaft. Der Absatz fiel, der Umsatz sank, es wurde eng. Erst mit Xavier de Royère stand die Rettung in der Tür.

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