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Schuhfachhandel in der Krise : Zum Davonlaufen

  • -Aktualisiert am

Durchschnittlich sieben Paar Schuhe kaufen Frauen im Jahr. Die neuesten Schuhtrends finden sie aber längst nicht mehr in klassischen Fachgeschäften. Bild: dpa

Neue Schuhe? Ab zu Zalando, Zara und Co. Immer weniger Menschen gehen ins klassische Fachgeschäft. Das setzt den Einzelhandel unter Modernisierungszwang.

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          Als ich vor kurzem zu Besuch in meiner badischen Heimat war und einen Stadtbummel machte, verschlug es mich in ein Schuhgeschäft, das ich seit meiner Kindheit kenne. Immer wenn ich aus meinen Halbschuhen herausgewachsen war, fuhr meine Mutter mit mir in die Stadt, um in dem Geschäft ihres Vertrauens ein Paar neue Schuhe für mich zu kaufen.

          Dieses Gefühl stellte sich beim Betreten des Geschäftes sofort wieder ein. Der Fußboden, ein wohlbekannter beige-brauner, mittlerweile in die Jahre gekommener Teppich. Die Schuhe ordentlich nach Größen und Schuhtyp sortiert, in einem ebenfalls mit Teppich verkleideten Regal: Freizeitschuhe in Größe 38 in der zweiten Regalstufe, darunter die Größen 37 und 36. Darüber die 39, 40 und 41. Dieselbe Anordnung für Pumps, Komfortschuhe, Sandalen und Hausschuhe.

          Nach Nutzen sortiert: Der klassische Fachhandel hat das „Lust-Prinzip“ von Schuhkäufen noch nicht für sich entdeckt.

          Durchschnittsalter 50 plus

          Im Unterschied zu früher waren in der direkten Nachbarschaft jedoch nicht mehr das Fotogeschäft, in dem wir Jahr für Jahr unsere Urlaubsbilder entwickeln ließen, und der Herrenausstatter, den mein Vater immer dann aufsuchte, wenn wieder mal ein neuer Anzug fürs Büro fällig war, sondern ein Drogeriemarkt und ein H&M. Und bei dem ersten Modehaus vor Ort gibt es inzwischen eine eigene Schuhabteilung mit besserem Angebot und sehr, sehr vielen Sneakern.

          Sneaker suche ich in „meinem“ Schuhgeschäft vergeblich, was vermutlich damit zusammenhängt, dass das Durchschnittsalter der Kunden bei 50 plus liegt, die vor allem an Komfort- oder Hausschuhen interessiert sind – oder für ihre Kinder solides Schuhwerk suchen. Der Rest geht längst woanders hin.

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          Mein Schuhgeschäft ist kein Einzelfall. Ein Blick in die Innenstädte macht deutlich, dass viele Schuhfachgeschäfte nicht zu den Schmuckstücken der Fußgängerzonen zählen. Viele sind, genauer gesagt, hoffnungslos überaltert, was sowohl das Ladeninterieur als auch das Angebot anbelangt. Und sie sind überladen, mit Dutzenden verschiedenen Kalbsleder-Pumps, mal mit Absätzen von vier Zentimetern, mal mit sechs, mit dunklen Wildleder-Ballerinas, mal rund, mal spitz. Das Angebot ist so beliebig, als gehe es hier um Modelle aus Kunstleder. Für die Vorauswahl zu Gunsten der Kunden, für die man an dieser Stelle das unerträglich hippe Verb „kuratieren“ heranziehen muss, scheint man in diesen Läden nichts übrig zu haben. Für die meisten dürften die Tage deshalb gezählt sein, bis sie von der Bildfläche verschwinden und Platz machen für Geschäfte, die näher am Puls der Zeit sind.

          Auch das Aschenbrödel achtete einst auf seine Schuhwahl. Immerhin wollte es ja auch dem Prinzen gefallen.

          Ähnlich wie in der Mode durchlebt der Bereich Schuhe derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel. In den noch so provinziellen Fußgängerzonen haben längst Spezialisten wie Salamander und Takko das Ruder übernommen. Allen voran übrigens die Deichmann-Gruppe. Europas größter Schuhhändler, zu dem unter anderem auch die Geschäfte von Roland, MyShoes, Buffalo, Snipes und Onygo gehören, zählt in Deutschland fast 1500 Filialen. 2016 war ein Rekordjahr für den Schuh-Riesen. Allein hierzulande wurden bei ihm 73 Millionen Paar Schuhe verkauft; weltweit waren es 173 Millionen in knapp 4000 Deichmann-Filialen. Das entspricht einer halben Million mehr Schuhe als im Vorjahr, und ein Ende ist nicht in Sicht: Für dieses Jahr stehen 60 Neueröffnungen auf der Agenda.

          Nicht aufregender, aber bequemer

          Doch nicht nur die Spezialisten und Discounter machen den traditionellen Schuhfachgeschäften das Leben schwer. Ähnlich wie in der Mode finden immer mehr Menschen Gefallen daran, ihre Schuhe vom Sofa aus im Internet zu bestellen. Zalando gilt spätestens seit der Werbekampagne, in der Frauen vor Entzücken schreien, als der Postbote mit der Schuhbestellung vor ihrer Haustür steht, als kompetenter Schuhanbieter. Und auch bei Amazon steigt der Verkauf von Schuhen und Bekleidung kontinuierlich. Das Einkaufserlebnis mag dort nicht aufregender sein als in „meinem“ Schuhladen von früher in Baden, aber es ist bequemer.

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