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Pariser Modeausstellung : Elsa Schiaparelli lebt mit ihrer Mode weiter

Am Beginn der Haute-Couture-Woche: Der amerikanische Designer Daniel Roseberry bringt für die Marke Schiaparelli Phantasie auf den Laufsteg. Bild: AFP

Elsa Schiaparelli unterlief und überbot die Erwartungen an Frauen ihrer Zeit – selbst Coco Chanel zog über die surrealistische Modeschöpferin her. Rechtzeitig vor ihrem 50. Todestag blühen ihre Marke und ihre Mode wieder auf.

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          Marisa Berenson sitzt früh auf ihrem Platz in der ersten Reihe. „Das ist doch klar an diesem Tag“, sagt sie und lacht. „Oder?“ Die Marke Schiaparelli hat zum Auftakt der Haute-Couture-Schau ins Musée des Arts Décoratifs (MAD) ge­laden, und Hunderte kommen – von Influencerin Chiara Ferragni bis zu Schauspielerin Rossy de Palma. Denn die Schiaparelli-Entwürfe versprechen Sensationen in einer kurzen Woche der hohen Schneiderkunst – die dank Dior, Chanel, Armani, Gaultier und Balenciaga nicht arm ist an Modeschauspielen, aber in den letzten ­Jahren eine weitere Marke mit großer Schöpfungshöhe hinzugewonnen hat.

          Erst die Schau, dann die Ausstellung

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Für Marisa Berenson ist es ein Festtag. Denn heute werden hier nicht nur die maßgeschneiderten Entwürfe für Herbst und Winter gezeigt. Am Abend wird auch genau hier, in dem Museumsflügel des Louvres an der Rue de Rivoli, die Ausstellung „Shocking“ über Elsa Schiaparelli eröffnet (bis zum 22. Januar 2023). Die Modeschöpferin, die 1973 in Paris starb, war Berensons Großmutter. Von dem schrägen surrealistischen Glamour, der Schiaparelli umgab, ragt also noch viel in unsere Zeit – über ihre Enkelin, die in den Sechzigern ein weltbekanntes Model war, schon mit 15 Jahren von David Bailey für die britische „Vogue“ fotografiert wurde, mit Freundinnen wie Diane von Fürstenberg zum Jet-Set gehörte und als Schauspielerin in Filmen wie „Tod in Venedig“ (1971), „Cabaret“ (1972) und „Barry Lyndon“ (1975) berühmt wurde.

          „Für mich ist es bewegend, was hier heute passiert“, sagt Marisa Berenson, die sich am Eingang unter dem goldenen Schiaparelli-Schriftzug lange ablichten ­lassen musste von den vielen Fotografen. „Sie hat diese Ausstellung mitten in Paris wirklich verdient. Meine ­Großmutter war nicht ein­gebildet. Aber es war ihr schon wichtig, dass ihr Erbe ­erhalten bleibt. Daher ist es so toll, dass auch die Marke ihres Namens wieder­belebt wird.“

          Marisa Berenson im Juli in Paris
          Marisa Berenson im Juli in Paris : Bild: Foto MAD

          Elsa Schiaparelli kam wie ein Komet aus dem 19. ins 20. Jahrhundert. Ihre Mutter stammte aus neapolitanischem Adel. Ihr Vater Celestino war Professor für Arabistik in Rom. Ihr Onkel Giovanni Schiaparelli, Direktor der Mailänder Brera-Sternwarte und der angeblich scharf­äugigste Astronom des 19. Jahrhunderts, entdeckte die Linienstrukturen auf dem Mars, die als Mars­kanäle bekannt wurden. Die Liebe zu Himmelskörpern blieb in der Familie erhalten: Elsa Schiaparelli wurde auch durch ihre Stickereien von Planeten und Tierkreiszeichen bekannt, und ihre Ur­enkelin, die Tochter von Marisa Berenson, heißt doch wirklich Starlite.

          Geboren wurde Elsa 1890 in Rom

          Geboren wurde Elsa Schiaparelli am 10. September 1890 in Trastevere, dem römischsten aller römischen Stadtteile. Ihre Eltern waren enttäuscht, dass es kein Junge war, für ein Mädchen hatten sie sich gar keinen Namen überlegt. Der Priester im Petersdom fragte bei der Taufe ver­gebens danach. Die Amme, die für deutsche Musik schwärmte, rief einfach einen wagnerianischen Namen in die Basilika: „Elsa!“ Später ging das Gerücht, die kleine Elsa sei von der trunksüchtigen Amme mehr mit Wein als mit Milch aufgezogen worden. Das würde immerhin die gesteigerte Phantasietätigkeit des Mädchens erklären, die sich wohl auch aus den religions­geschichtlichen und kunsthistorischen Büchern ihres Vaters nährte.

          Jedenfalls studierte sie in Rom Philo­sophie, veröffentlichte schon in jungen Jahren anstößige Gedichte, beendete die Abschiebung in ein Kloster durch einen Hungerstreik, arbeitete in London als Kindermädchen und ging mit ihrem Mann William de Wendt de Kerlor 1921 nach New York. Ihre gemeinsame Tochter Maria Luisa („Gogo“) gebar zwei Kinder, Marisa und Berinthia („Berry“) – die als Fotografin bekannt wurde, den Schauspieler Anthony Perkins heiratete und bei den Terroranschlägen des 11. September 2001 ums Leben kam, als Passagierin von American-Airlines-Flug 11, der als Erstes ins World Trade Center flog.

          Mit ihren Enkelinnen: Elsa Schiaparelli, Berry (links) und Marisa 1965
          Mit ihren Enkelinnen: Elsa Schiaparelli, Berry (links) und Marisa 1965 : Bild: Ullstein

          Elsa Schiaparelli trennte sich bald von ihrem Mann, der eine Affäre mit Isadora Duncan hatte, und zog nach Paris – auch wegen ihrer Kontakte zu den Surrealisten. So kam sie auf ganz neue Ideen. Das schwarze Strick-Oberteil mit eingestickter weißer Fliege aus ihrer ersten Kollektion (1927), das in der Ausstellung zu sehen ist, verrät die Nähe zu Trompe-l’Œils aus der Kunst. Am Skelett-Kleid mit eingearbeiteter Wirbelstruktur erkennt man die Lust an illusionistischen Verfahren. Mit dem Hut in Form eines umgedrehten Absatzschuhs ragten Frauen aus der Masse heraus. Und den Hummer für das Hummerkleid hat Salvador Dalí gemalt.

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