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Die Folgen billiger Mode : „Kaufen, Kaufen, es kostet ja nichts“

Etwa ein Fünftel unserer Kleidung hängt nur im Schrank: Kleiderrecycling im indischen Panipat, einer Stadt 100 Kilometer nördlich von Neu Delhi. Bild: Tim Mitchell

Primark, H&M, Kik: Billige Mode boomt. Eine Ausstellung in Hamburg beleuchtet die „Schattenseiten der Mode“. Kuratorin Claudia Banz spricht im Interview über fehlende Wertschätzung, ungetragene Stücke im Kleiderschrank und nachhaltige Alternativen.

          3 Min.

          Frau Banz, ist Mode zu billig?

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ja! Mode ist ein komplexes System, aber die Fast Fashion ist definitiv zu billig.

          Fast Fashion - das, was Ketten wie H&M, Zara, Kik, Primark anbieten.

          Billige und schnell verfügbare Mode trägt dazu bei, dass wir die Wertschätzung für Kleidung verlieren. Uns geht das Bewusstsein dafür verloren, dass diese Dinge von Menschen gefertigt werden. Es gibt in der Modeindustrie noch keine Roboter, das heißt, es handelt sich um Arbeit von Menschenhand, die wir sprichwörtlich mit Füßen treten. Indem die Verhältnisse völlig aus den Fugen geraten sind, kaufen wir viel mehr, als wir eigentlich brauchen, laut Studien im Durchschnitt 20 Kleidungsstücke, die wir niemals tragen.

          Wie viele Kleidungsstücke haben wir im Durchschnitt im Kleiderschrank?

          Etwa 80 bis 100. 20 davon kommen also nie zum Einsatz, von den restlichen werden manche auch nur 1,7 Mal getragen, bevor sie entsorgt werden. Dieses Missverhältnis wurde durch die Fast Fashion ins Rollen gebracht, es gibt ständig neue Anreize zum Kaufen, Kaufen, Kaufen, es kostet ja nichts.

          Andererseits, selbst teure Stücke sind nicht gleich ethisch korrekt produziert. Wie kann man bei Mode zwischen Gut und Böse unterscheiden?

          Es stimmt, dass teure und billige Mode oft in denselben Fabriken hergestellt wird, dass Textilarbeiterinnen denselben niedrigen Lohn erhalten. Die Lieferkette ist einfach nicht transparent genug, so dass selbst der Auftraggeber am Ende nicht genau weiß, wie seine Produkte hergestellt wurden. Ich habe in der Recherche zur Ausstellung auch keine Lösung dafür gefunden.

          Der Anteil, den die Näherin nach Ihren Recherchen an einem T-Shirt verdient, ist im mittleren Preissegment sogar geringer als im niedrigen. Bei einem Kaufpreis von 4,99 Euro bekommt sie 13 Cent, bei einem Kaufpreis von 29 Euro 18 Cent.

          Das ist erschreckend. Es geht um Gewinnmaximierung, um die Marge.

          Wie sollte man Mode also konsumieren?

          Weniger ist mehr, keiner muss sich in den Konsum stürzen, was gerade für Jüngere mit kleinem Budget zutrifft. Dass Mode so günstig ist, hat für sie natürlich auch etwas Gutes, aber zugleich führt es zum unüberlegten Konsum.

          Gerade Teenager sieht man jetzt oft mit gleich mehreren vollen Primark-Tüten in der Hand. Haben Sie denn schon mal dort etwas erworben?

          Nein.

          Waren Sie schon mal in einem Primark?

          Nein, nein.

          Wann waren Sie zum letzten Mal bei H&M?

           Ich gehe nicht in solche Läden.

          Stoffberge: Farblich sortierte Kleidung im indischen Panipat

          Hat sich Ihr eigenes Einkaufsverhalten trotzdem mit der Arbeit an der Ausstellung verändert?

          Auf alle Fälle hat es mich noch nachdenklicher gestimmt. Ich glaube, sowohl ich als auch die Besucher der Ausstellung müssen den Blick noch mehr dafür schärfen, was es an fairen Labels eigentlich so gibt. Wo werden Stoffe gut hergestellt? Was gibt es für zertifizierte Materialien? Und brauche ich wirklich etwas Neues?

          In der Ausstellung ist die Rede vom ethisch vertretbaren Kleiderschrank von morgen. Wie sieht der konkret aus?

          Dazu könnte zum Beispiel Lachsleder gehören, Leder, das mit Oliven gegerbt ist oder mit Rhabarber, dabei geht es dann auch um die Reduzierung von Chemikalien. Es geht bei ethischer Bekleidung nicht um Sack und Leinen, im Gegenteil, sie kann sehr modisch sein.

          Aber glauben Sie, dass diese „Slow Fashion“ in der von Fast Fashion dominierten Welt überhaupt eine Chance hat?

          Da ist der Konsument gefragt; wenn er keine Fast Fashion mehr shoppt, sondern recherchiert, wer nachhaltige Unterwäsche anbietet, wo es Jeans-Labels gibt, die nicht mit Chlor gebleicht oder sandgestrahlt sind, dann entsteht da ein ziemlicher Druck. Ich sehe das ähnlich wie bei den Nahrungsmitteln. Durch die größere mediale Aufmerksamkeit nach den Unfällen passiert schon jetzt einiges.

          „In der Mode gibt es noch keine Roboter“: Textilarbeiter in Indien

          Vier Brandopfer aus der Fabrik in Karachi verklagen jetzt den Textilriesen Kik (siehe Kasten). Glauben Sie, dass solche Beispiele den Konsumenten zum Umdenken animieren? So wie die Lebensmittelskandale dazu beigetragen haben, dass zumindest ein Teil der Bevölkerung mehr auf das Essen achtet?

          Ich beobachte, dass die Aufmerksamkeit steigt, denn auch Kleidung ist etwas, das wir zwar nicht verzehren, das wir aber sehr nah am Körper tragen, das uns täglich betrifft, selbst wenn wir uns nicht explizit für Mode interessieren.

          Und am Beispiel der Nahrungsmittelindustrie sieht man auch, dass gerade faire Bioprodukte am Ende viel mehr Spaß machen können als die Billigware vom Discounter. Daraus sind echte Lifestyle-Produkte geworden.

          Ja, auch Mode soll Spaß machen. Wenn es um fair Produziertes geht, ist da noch großes Potential.

          Die Klage gegen Kik

          Von Helene Bubrowski

          „No more fashion victims!“ Mit diesem Slogan protestiert die deutsche NGO Inkota gegen die Zustände in Kleidungsfabriken in Pakistan und Bangladesch. Hunderte von Opfern hat es dort gegeben. Allein am 11. September 2012 starben in der Fabrik Ali Enterprises in Karachi 259 Menschen. Ein Feuer war ausgebrochen, viele Arbeiter merkten das zu spät, denn im ganzen Fabrikgebäude gab es keinen Feuermelder. Durch die Fenster konnten die Arbeiter nicht fliehen, die waren vergittert. Keine Notausgänge, nur eine Fluchttreppe für Hunderte von Arbeitern. Die meisten Opfer erstickten im Rauch.

          So zumindest beschreiben die vier Kläger, die in Deutschland vor Gericht gezogen sind, die Zustände in der Fabrik. Drei von ihnen haben ihre Söhne in den Flammen verloren, einer ist mit einer schweren Rauchvergiftung davongekommen. Die Kläger fordern Schmerzensgeld vom deutschen Textildiscounter Kik in Höhe von jeweils 30.000 Euro. Kik hatte zwar nach dem Brand eine Million Dollar Soforthilfe an die Opfer ausgezahlt, man fühle sich „moralisch verantwortlich“, teilt das Unternehmen mit. Eine ursächliche Mitverantwortung für die Brandkatastrophe weist das Unternehmen hingegen zurück. Nach Auffassung von Kik wurde der Brand vorsätzlich gelegt.

          In der Tat betreibt nicht Kik die Fabrik in Pakistan, sondern Ali Enterprises. Somit hat auch nicht Kik, sondern Ali Enterprises die Brandschutzbestimmungen missachtet. „Nach pakistanischem Recht kann man den Auftraggeber auch für das Fehlverhalten von einem Zulieferer verantwortlich machen“, sagt Anwältin Miriam Saage-Maaß vom Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte. Die Organisation unterstützt die Klage der Opfer.

          Fabrik produzierte hauptsächlich für Kik

          Entscheidend ist nach Ansicht von Saage-Maaß nicht, ob Kik selbst einen Fehler gemacht hat - es geht hier um sogenannte „verschuldensunabhängige Haftung“. Die Anwältin muss die Richter aber davon überzeugen, dass zwischen Kik und Ali Enterprises eine „beschäftigungsähnliche Beziehung“ bestanden hat. Dafür sieht sie genügend Anhaltspunkte: Kik sei der Hauptabnehmer von Ali Enterprises. Tatsächlich hat Kik früher einmal zuzugeben, 75 Prozent der gesamten in der Fabrik produzierten Ware zu beziehen. Die Kläger vermuten sogar, dass die Fabrik ausschließlich für Kik produziert. Kik habe auch ein hohes Maß an Kontrolle über die Sicherheitsstandards in der Fabrik gehabt.

          Die Klage ist beim Landgericht Dortmund eingegangen. Kik hat dort seinen satzungsgemäßen Sitz, daher ist das Gericht zuständig. Die Richter müssen sich nun mit den Feinheiten des pakistanischen Rechts beschäftigen. Auf Streitigkeiten über deliktsrechtliche Schadensersatzansprüche ist nämlich immer das Recht jenes Landes anwendbar, in dem der Schaden eingetreten ist. Die deutschen Richter können sich dabei Sachverständige zu Hilfe holen. Eine gewisse Erleichterung ist, dass das pakistanische Recht größtenteils auf britischem und indischem Recht beruht, das Deliktsrecht entspricht sogar fast vollständig englischem Recht.

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