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Männerfüße : Lauf dich frei

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Geschmackssicher oder nicht? Sandalen mit Socken: Durchgesetzt hat sich dieser Trend nicht. Bild: dpa

Männer und Sandalen – das galt lange als Fauxpas. Nur Albert Einstein lief in Sandalen für Damen herum. Heute hingegen sind Mandals das Sommer-Accessoire des Großstädters.

          5 Min.

          Die Zeichen stehen auf Fußfreiheit. Sonne raus, Zehen frei. Seit mindestens zwei Jahren zelebrieren Männer eine neue Lässigkeit im Sommer. Hollywood-Beau Zac Efron spaziert in smartem Anzug und Flipflops durch die Straße. Stilikone Marc Jacobs verwirrt auf einer Veranstaltung im gemusterten Pyjama und mit braunen Sandalen. Und Designer Raf Simons belebt die Adilette mit neuen Farbkombinationen. Von wegen dunkelblau-weiß, Männer sollen im Sommer 2015 grasgrün-königsblaue Latschen anziehen.

          Das älteste Schuhwerk der Welt wird also jetzt auch von Männern wiederentdeckt. In Nordamerika trugen die Ureinwohner einst Sandalen aus Pflanzenmaterialien. Seitdem ist es der Männersandale in der Geschichte kontinuierlich schlechter gegangen: Die einfachen Menschen im Römischen Reich schnallten sich zwar Sandalen um, die Soldaten trugen sie mit angenagelten Brettern an den Füßen, aber in besseren Kreisen galt es als Affront, sich mit offenen Schuhen in der Öffentlichkeit zu zeigen. Nur wenn ein Senator zum Essen eingeladen wurde, durfte er Sandalen anziehen – damit er diese leicht abstreifen konnte, wenn man sich obligatorisch auf die Kissen fläzte und speiste. Wer es sich über die Jahrhunderte leisten konnte, ließ sich Schuhwerk anfertigen, das den gesamten Fuß umschloss. Seinen Fuß nackt zu zeigen galt als Armutszeugnis.

          Mit German Fußbett: Der Birkenstock-Schuh erfreut sich auch unter New Yorker Hipstern großer Beliebtheit. Bilderstrecke
          Mit German Fußbett: Der Birkenstock-Schuh erfreut sich auch unter New Yorker Hipstern großer Beliebtheit. :

          Dem konnten sich höchstens Paradiesvögel und Genies entziehen. Albert Einstein bezeichnete sich Ende der dreißiger Jahre selbst einmal als „eine Art antike Gestalt, die dafür bekannt ist, keine Socken zu benutzen“. Als er im Sommer 1939 auf Long Island weilte, wollte er in einem Geschäft ein Paar Sandalen erstehen. Der Besitzer konnte ihm nur noch welche in der größten Damengröße verkaufen – es gab einfach keine anderen. Einstein soll sie den ganzen Sommer über getragen haben. Auf Bildern sieht er damit noch heute exzentrisch aus.

          Einzug in Großstädten

          Jeder Benimmführer spart deshalb nicht mit der Aufforderung: nie, aber auch nie auf offiziellen Gelegenheiten die Zehen blicken zu lassen. Etikette-Experten aus der gesamten Bundesrepublik verdienen sich ihr Sommergehalt mit solchen Warnungen. Wann darf ein Mann ein Schuhwerk mit Lederriemen und leichter Sohle anziehen? Am Ostersonntag dieses Jahres spitzte sich dieser Benimmkonflikt auf geradezu himmlische Weise zu. Als Reverend Andrew Dotchan das Lokal „The Wine Bar“ im englischen Ipswich besuchen wollte, wurde ihm der Einlass verwehrt. Er hatte mandals an – so nennen die Engländer Männersandalen. Der Türsteher des Gastro-Pubs wies den kirchlichen Würdenträger darauf hin, dass er damit ein zu großes Verletzungsrisiko einginge. Die gastronomische Einrichtung wollte diese Verantwortung nicht übernehmen.

          Abseits dünnbesiedelter Landstriche indes sieht die Situation anders aus. In Großstädten halten mandals flächendeckend Einzug. Klingt natürlich moderner, wenn sie Namen wie Houm haben und dabei wie schwarze Lackschuhe mit schicken Luftschlitzen aussehen (gesehen bei Kenzo). Oder von Jeremy Scott mit Comic-Flügeln an den Riemen entworfen wurden (für Adidas). Diese Modelle sind nicht so kontaminiert wie die einfache Strandsandale, bei dem wenige an die Fußbekleidung der Blues-Anhänger in der DDR denken und viele an Russell Crowe in „Gladiator“. In beiden Fällen: an eine uralte modische Verirrung.

          Fußpflege und Pediküre bei Männern

          „Es ist kein modischer Fauxpas mehr, wenn ein Mann Sandalen anzieht“, sagt einer, der es wissen muss: Dan May, der Style Director von Mr. Porter. Der Online-Shop beliefert Herren und Hipster in London, New York oder München. Das schlechte Image der Sandale hält der Brite nicht für gerechtfertigt. „Ich habe Sandalen immer gemocht. Vor zehn Jahren habe ich ein tolles Paar in einem Charity-Shop gefunden, und ich trage es nach wie vor. Es hat wahrscheinlich sein Leben bei einem Geographielehrer begonnen. Wichtig ist natürlich, wie man die Schuhe trägt.“

          Und damit meint er, dass es heutzutage viel besser möglich ist, seine Sommergarderobe auf die unterschiedlichen mandal-Modelle abzustimmen. Die sportlichen Teva-Sandalen mit Klettverschlüssen und Gummisohlen passen zu einer Freizeitgarderobe von T-Shirt und kurzer Hose, die Lanvin-Sandalen mit zwei breiten Riemen und weichem Wildlederfußbett gehören eher zu Jachtclub-Cocktails, weiten Leinenhemden und lässigen Chinos.

          Bei Mr. Porter besonders beliebt sind die dunkelblauen Leder-Flipflops von Bottega Veneta und die Klettverschluss-Sandale mit der doppelt beschichteten Sohle von der japanischen Marke Suicoke. Dan May bevorzugt persönlich ein klassisches Modell des französischen Modehauses APC: chromgegerbtes kastanienbraunes Leder, Kreppsohle, drei Riemen, eine seitliche Schnalle.

          Aber ist der Trend zur Sandale wirklich einfach nur dem größeren Designangebot geschuldet? Hat der Mann wieder eine Chance, Sandalen zu entdecken, weil Dolce&Gabbana, Prada und Rick Owens sich entschieden haben, einfach mehr Riemenschuhe zu produzieren? Vielleicht steckt aber auch die Pflegerevolution dahinter, die seit rund 15 Jahren im Badezimmer der Herren stattfindet. Kosmetika, Parfüms, Peelings: Die Investition ins gepflegte Äußere hat enorm zugenommen. Der Fuß ist nicht mehr der vernachlässigte Körperteil, den viele Herren einfach übersehen.

          Das glaubt auch David Kurt Karl Roth vom Berliner Fashion-Blog „Dandy Diary“: „Männer reduzieren ihre Fußpflege nicht mehr auf ein jährliches Kürzen ihrer Zehennägel, sondern gehen immer öfter zur Pediküre. Sie können somit auch ohne Scham vor öffentlicher Ächtung ihre Füße vorzeigen.“

          Socken und Sandalen

          Der Modeblogger, der mit seinem Kompagnon Carl Jakob Haupt kleine Berühmtheit erlangte, als er einen Flitzer über den Dolce&Gabbana-Laufsteg rennen ließ, nahm die Sandale im „modischen Kontext“ erstmals 2007 wahr. In jenem Jahr schockte die geschmackssichere Miuccia Prada, indem sie Männermodels eine unfassbare Kombination aufzwang: Socken und Sandalen. Sofort schrieben alle Modemagazine darüber, einige legten mit Socke an Sandalen-Modestrecken nach.

          Massenhaft durchgesetzt hat sich dieser Trend jedoch nicht. Obwohl Roth eine größere Häufigkeit registriert. Im Zuge des Normcore-Trends – unauffällig und bewusst nicht an Mode interessiert – wurde gerade diese verpönte Mischung zum Anti-Statement. Er sieht nun Männer, „die ihren Tag nicht Bier trinkend auf dem Campingstuhl verbringen“, sondern lieber am Berliner Landwehrkanal entlangschlendern und Socken in Sandalen tragen. Das kann „großartig“ sein, findet Roth. Privat greift er aber doch lieber zu den sportlichen Modellen von Teva – ohne Socken.

          Eine U-Bahnstation entfernt vom Büro der beiden Modeblogger liegt der Voo Store. In der Kreuzberger Oranienstraße gilt er als das Mekka der Hipster und Touristen, die sich wie solche kleiden. Und was tragen die in diesem Sommer? Der Auslage im Voo Store nach jene Adiletten von Raf Simons, bis zu den Knöcheln kunstvoll verschnürte Ledersandalen von Maison Margiela und schneeweiße respektive schwarz glänzende Birkenstock-Riemensandalen. Ein englisch sprechender Tourist greift sich jedenfalls gleich beide Modelle und probiert sie an.

          Birkenstock? Da war doch was. Das 1774 gegründete Traditionshaus galt bis vor einigen Jahren als Sündenfall im Fashion-Paradies. Wer diese klobigen Schuhe trug, war draußen, eindeutig. Die Gesundheitslatschen klebten wie Betonsockel an den Füßen, wenn man gerade über die Piazza Navona stolperte und sich die Blicke der entsetzten Römer wie eine Welle kalten Flutwassers über einen ergossen.

          „Happy Ugly Feet“

          Nun ist Birkenstock der letzte Schrei. Das Magazin „New Yorker“ feierte die deutsche Firma im März dieses Jahres als eine Art Retterin der geschundenen Füße. „Happy Ugly Feet“, stand über dem Artikel. Denn die Schuhe sähen „an großen Füßen wie Boote“ aus, stand dort. Aber auch, dass ausgerechnet Manolo Blahnik, der Mann, der High Heels fetischisierte, sich zum Fan der platten Schlappen erklärte.

          In Neustadt an der Wied sagt Oliver Reichert, CEO der Birkenstock Gruppe: „Als Marke mit einer Tradition von zweieinhalb Jahrhunderten tragen wir diese Aufgeregtheit mit Fassung.“ Die Firma bleibe ihrem Credo treu, während der Modezirkus sich um sie herum drehe, mal dichter, mal weiter entfernt: „Gute, bequeme und gesunde Schuhe.“

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          Entscheidend bei einer Sandale sei das Fußbett, erklärt Reichert, weil es den Füßen Halt geben muss – viel mehr als bei geschlossenem Schuhwerk. „Streng genommen, sind Sandalen das perfekte Schuhwerk für Männer; sie engen die Füße nicht ein, sorgen für eine perfekte Belüftung und brauchen weniger Platz im Koffer. Reine Funktion also, und darauf achten Männer ja besonders.“

          Oliver Reichert trägt am liebsten das Zweiriemer-Modell Arizona, und zwar aus dem Kunststoff Eva, der den Schuh leicht macht. „Passen in jede Strandtasche, oder man klemmt sie einfach unter den Arm.“ An solchen Details wie Material, Sohlenkonzepten und Verschlusslösungen forschen die Entwickler bei Birkenstock. „Im Vordergrund steht immer die Funktion, Design-Chichi wird es bei uns nicht geben“, sagt der Chef. Dafür sorgen Labels wie Givenchy oder Céline, die ihre eigene Interpretation des klassischen Gesundheitsschuhs entwerfen.

          Für Reichert gibt es nur eine Konstante: das Fußbett. Diese anatomisch geformte dicke Sohle, die der Marke ihren einzigartigen Look gibt – „die tasten wir nicht an“. Muss er auch nicht. Stars wie Leonardo DiCaprio oder Usher wurden in Birkenstocks gesichtet. Diese Männer hätte der Türsteher der Bar in Ipswich bestimmt nicht am Einlass gehindert.

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