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Die Rückkehr des Parkas : Der Mod steht mir gut

Unvermittelt wehte unseren Autor das Mäntelchen der Geschichte wieder an, und er kaufte sich diesen Parka Bild: Röth, Frank

Parkas sind wieder da. Sie sind die Teenager unter den Jacken, berühmt durch die Mods der sechziger Jahre. Auch unser Autor hat seine Vergangenheit gefunden.

          Einen Parka zu tragen, das ist eine Frage der Haltung. Inzwischen vor allem der äußeren. Wobei es natürlich immer schon auch eine Frage der inneren Haltung war. Einen Parka zu tragen, das signalisierte mal: Ich lese Bloch, ich drehe meine Zigaretten selbst, ich schlafe auf einer Matratze neben Obstkistenregalen, in denen auch Bücher von Carlos Castaneda und Comics von Gerhard Seyfried stehen, ich war an der Startbahn West, im Bonner Hofgarten, in Wackersdorf, ich lasse, so oft es geht, Begriffe wie „strukturelle Gewalt“ oder „repressive Toleranz“ fallen, und ich weiß, wer gesagt hat, dass Solidarität die Zärtlichkeit der Völker ist, und zwar nicht Paul McCartney, du Popper! (Popper lese ich übrigens auf keinen Fall.) Aber wie man sieht, ist das eine historische Perspektive auf den Parka als Ausdruck einer inneren Haltung. Was die äußere Haltung angeht, hat der Parka den Wandel der Zeit überlebt. Es geht ihm sogar besser als je zuvor: Man sieht ihn jetzt überall.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Egal ob Saint Laurent, Burberry oder Tom Ford: Alle haben sie Parkas in ihren Kollektionen. Neulich stand in einem Berliner Magazin, zur Garderobe der jungen Hauptstädterin gehöre ein Parka, sonst sei sie keine richtige Berlinerin. (Richtige Berlinerinnen glauben so einen Quatsch natürlich nicht.) Aber es stimmt schon, auf den Straßen in Berlin und anderswo sieht man Parkas in allen Variationen. Also nicht nur in der klassischen, grün und mit Kapuze, mit Fell oder ohne.

          Und das liegt an der Haltung, in die ein Parka seinen Besitzer fügt. Der Schnitt passt nämlich genau zur Silhouette der letzten Jahre, zu der Kombination enger Hosen und weiter, oft langer Oberteile. Parkas lassen die Beine schmaler und den Oberkörper imposanter erscheinen. Man steht anders da in einem Parka, aufsässig, aber abwartend. Oben sieht man kräftig, unten schnell aus: ein Kleidungsstück, in dem man angreifen und sich gleichzeitig verstecken kann. Der Parka ist der Teenager unter den Jacken. Es passt, dass er in den Nachschlagewerken zur Garderobe moderner Berufstätiger meist fehlt, weil er sich, anders als ein Trenchcoat beispielsweise, angeblich so schlecht mit einem Anzug kombinieren lässt. (Kompletter Unsinn, aber davon später.)

          Auch als Schlafsack zu gebrauchen

          Man schafft sich jedenfalls Platz in der Welt mit einem Parka. Nicht nur, weil er so ein Volumen hat: Man fährt auch automatisch seine Ellbogen aus, wenn man die Hände in die Taschen steckt, weil sie beim Parka ungefähr auf der Höhe des Brustkorbs sitzen.

          Das ist allerdings nicht bei allen Parkas so. Beim Bundeswehrparka der Bloch-Leser saßen die halfzwareverkrümelten Taschen immer etwas tiefer. Beim fishtail parka aber schon: So nennt sich das klassisch gewordene Modell der amerikanischen Armee, dessen hinterer Saum spitz zuläuft, entworfen zu Zeiten des Korea-Kriegs, zivilisiert und berühmt gemacht etwas später von den Mods, den Rollerfahrern der frühen sechziger Jahre, den schönsten Engländern aller Zeiten.

          Die Mods trugen ihre Parkas sehr wohl über Anzügen; die waren jedoch so eng geschnitten, dass kaum ein Erwachsener in sie hineingepasst hätte. Aber warum eigentlich Parkas? Um sich vor Wind und Regen zu schützen, wenn die Mods auf ihren Rollern durch die Stadt jagten. Oder wenn sie sich auf den Weg an die Küste machten, nach Brighton, wo sie dann die Rocker (Lederjacke, Brillantine, böse Politik, falsche Musik und vor allem: Motorräder!) am Strand verprügelten. Bis alle dann gemeinsam die Pier zerlegten. Das war 1964. Geschlafen wurde anschließend am Strand. Im Parka, weil wasserdicht.

          Buchstabensalat auf dem Rücken

          Den Soundtrack dazu hatte „The Who“ geschrieben: „The Kids Are Alright“, „Substitute“ und, am berühmtesten, „My Generation“ (mit dem epochalen Satz „I hope I die before I get old“). Die Mods sind verlorengegangen wie all die anderen lost generations vor ihnen, die Romantiker, die Beatniks. Der Lebenstil eines Mods, hat Obermod Peter Meaden gesagt, sei „an aphorism for clean living under difficult circumstances“. Also: rauhe Zeiten, smarte Klamotten und Fremdwörter kennen. Dem engen Korsett der Arbeitswelt mit noch engeren Anzügen zeigen, dass man sich nicht die Luft zum Leben abschnüren lässt. Korrekter Stil, aber nicht als Ausweis der Anpassung, sondern einer höheren Empfänglichkeit für die Schönheiten des Seins. Man trieb den Stil einfach fishtailmäßig auf die Spitze, dann wurde er eine Provokation.

          Später haben „The Who“ ein Konzeptalbum über ihre Generation aufgenommen: „Quadrophenia“ erschien 1973. Sechs Jahre danach machte die Band einen Film daraus, als aus den Punks, den Erben der Mods, längst die nächste verlorene Generation geworden war. Und wieder elf Jahre später malte ich mir das Logo von „The Who“ auf meinen Parka. Ich machte es wie die Mods von 1964: Die Serife des ersten „h“ bildete den Auslauf des zweiten „h“, aus dem „o“ schoss ein Pfeil nach oben. Das klingt nach Buchstabensalat, und so bescheuert sah es auch aus auf dem Rücken meines Parkas. Der zudem kein echter war, kein fishtail, sondern aus dem Kleiderschrank meiner Geschwister stammte. Aber was sollte ich machen.

          Eine Uniform wie die allgegenwärtigen Desert Boots

          Es begann also mit einem schlechten Zitat, aber so lernt man ja, sich anzuziehen: weitergereichte Traditionen, Stil aus zweiter Hand, Imitation. Trotzdem übertrug sich die äußere Haltung auf die innere: Wenn man in den Parka schlüpfte (offen tragen, damit die Brust sichtbar ist, wo das Herz schlägt!), war es, als schlüpfte man in die Unverstandenheit der Generation von damals, die sich mit der eigenen Unverstandenheit mischte und sie bedeutsamer machte. Wer das nicht versteht, war nie 16.

          Die Mode einer Jugendbewegung ist uniform: Abweichler ziehen sich gleich an, damit sie andere Abweichler erkennen und alle nicht mehr allein sind in ihrer Unverstandenheit. Der Parka ist eine Uniform, die wirklich mal eine Uniform war, ähnlich wie die Desert Boots von Clarks, die Mods unter ihren Anzügen und Parkas trugen: Sie orientierten sich an den Wüstenschuhen aus Krepp und Wildleder, die Montgomerys Soldaten an der nordafrikanischen Front trugen. Auch Desert Boots sieht man jetzt überall. Sogar Regierungssprecher Steffen Seibert trägt sie.

          Als wäre ich in eine Szene aus „Quadrophenia“ geraten

          Wer das für Ausverkauf hält, ist entweder immer noch 16 oder hat nicht verstanden, wie frei Mode ist und zugleich macht: Man kann Kleider gegen ihre Absichten tragen und umwerten, aus Schuhen und Mänteln von Soldaten werden dann die Uniformen junger Leute, die sich von ihrer Gegenwart nicht kasernieren lassen wollen, und selbst wenn dann die anderen sich so anziehen, flüstert die Uniform ihrem Träger zu: Du nicht, mein Freund, Du kennst die wahre Geschichte des Mantels.

          Und irgendwann weht einen der Mantel der Geschichte dann wieder an. Im September vor einem Jahr lief ich im Brooklyn von Göteborg, in Haga, in ein Treffen schwedischer Mods. Junge Frauen in Fred-Perry-Kleidern, junge Männer in Hemden von Ben Sherman, alle in Parkas, fishtail, was sonst. Einige waren 1.200 Kilometer weit gefahren, nach Göteborg, in die Stadt, die so stolz ist, street-smart zu sein: keine Haupt-, eine Hafenstadt.

          Die neuen Mods hatten ihre Roller vor einer Boutique namens Karltex aufgereiht, sie gaben mir ein Bier und luden mich zu einer illegalen Party ein, wo sie Northern Soul spielen würden, die schwarze Musik weißer nordenglischer Städte - es war, als wäre ich in eine Szene aus „Quadrophenia“ geraten. An diesem Nachmittag kaufte ich mir einen neuen Parka. Weil es sein musste. Weil ich da irgendwas vergessen hatte, das mir jetzt umso dringender wieder einfiel. Der Parka ist von Elvine, einer Marke aus Göteborg, die dort auch fertigt, was sich ungefähr so gut anfühlt wie das weiche Innenfutter und die feste Außenhaut. Aber eigentlich wollte ich das gar nicht verraten.

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