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Die Rückkehr des Parkas : Der Mod steht mir gut

Buchstabensalat auf dem Rücken

Den Soundtrack dazu hatte „The Who“ geschrieben: „The Kids Are Alright“, „Substitute“ und, am berühmtesten, „My Generation“ (mit dem epochalen Satz „I hope I die before I get old“). Die Mods sind verlorengegangen wie all die anderen lost generations vor ihnen, die Romantiker, die Beatniks. Der Lebenstil eines Mods, hat Obermod Peter Meaden gesagt, sei „an aphorism for clean living under difficult circumstances“. Also: rauhe Zeiten, smarte Klamotten und Fremdwörter kennen. Dem engen Korsett der Arbeitswelt mit noch engeren Anzügen zeigen, dass man sich nicht die Luft zum Leben abschnüren lässt. Korrekter Stil, aber nicht als Ausweis der Anpassung, sondern einer höheren Empfänglichkeit für die Schönheiten des Seins. Man trieb den Stil einfach fishtailmäßig auf die Spitze, dann wurde er eine Provokation.

Später haben „The Who“ ein Konzeptalbum über ihre Generation aufgenommen: „Quadrophenia“ erschien 1973. Sechs Jahre danach machte die Band einen Film daraus, als aus den Punks, den Erben der Mods, längst die nächste verlorene Generation geworden war. Und wieder elf Jahre später malte ich mir das Logo von „The Who“ auf meinen Parka. Ich machte es wie die Mods von 1964: Die Serife des ersten „h“ bildete den Auslauf des zweiten „h“, aus dem „o“ schoss ein Pfeil nach oben. Das klingt nach Buchstabensalat, und so bescheuert sah es auch aus auf dem Rücken meines Parkas. Der zudem kein echter war, kein fishtail, sondern aus dem Kleiderschrank meiner Geschwister stammte. Aber was sollte ich machen.

Eine Uniform wie die allgegenwärtigen Desert Boots

Es begann also mit einem schlechten Zitat, aber so lernt man ja, sich anzuziehen: weitergereichte Traditionen, Stil aus zweiter Hand, Imitation. Trotzdem übertrug sich die äußere Haltung auf die innere: Wenn man in den Parka schlüpfte (offen tragen, damit die Brust sichtbar ist, wo das Herz schlägt!), war es, als schlüpfte man in die Unverstandenheit der Generation von damals, die sich mit der eigenen Unverstandenheit mischte und sie bedeutsamer machte. Wer das nicht versteht, war nie 16.

Die Mode einer Jugendbewegung ist uniform: Abweichler ziehen sich gleich an, damit sie andere Abweichler erkennen und alle nicht mehr allein sind in ihrer Unverstandenheit. Der Parka ist eine Uniform, die wirklich mal eine Uniform war, ähnlich wie die Desert Boots von Clarks, die Mods unter ihren Anzügen und Parkas trugen: Sie orientierten sich an den Wüstenschuhen aus Krepp und Wildleder, die Montgomerys Soldaten an der nordafrikanischen Front trugen. Auch Desert Boots sieht man jetzt überall. Sogar Regierungssprecher Steffen Seibert trägt sie.

Als wäre ich in eine Szene aus „Quadrophenia“ geraten

Wer das für Ausverkauf hält, ist entweder immer noch 16 oder hat nicht verstanden, wie frei Mode ist und zugleich macht: Man kann Kleider gegen ihre Absichten tragen und umwerten, aus Schuhen und Mänteln von Soldaten werden dann die Uniformen junger Leute, die sich von ihrer Gegenwart nicht kasernieren lassen wollen, und selbst wenn dann die anderen sich so anziehen, flüstert die Uniform ihrem Träger zu: Du nicht, mein Freund, Du kennst die wahre Geschichte des Mantels.

Und irgendwann weht einen der Mantel der Geschichte dann wieder an. Im September vor einem Jahr lief ich im Brooklyn von Göteborg, in Haga, in ein Treffen schwedischer Mods. Junge Frauen in Fred-Perry-Kleidern, junge Männer in Hemden von Ben Sherman, alle in Parkas, fishtail, was sonst. Einige waren 1.200 Kilometer weit gefahren, nach Göteborg, in die Stadt, die so stolz ist, street-smart zu sein: keine Haupt-, eine Hafenstadt.

Die neuen Mods hatten ihre Roller vor einer Boutique namens Karltex aufgereiht, sie gaben mir ein Bier und luden mich zu einer illegalen Party ein, wo sie Northern Soul spielen würden, die schwarze Musik weißer nordenglischer Städte - es war, als wäre ich in eine Szene aus „Quadrophenia“ geraten. An diesem Nachmittag kaufte ich mir einen neuen Parka. Weil es sein musste. Weil ich da irgendwas vergessen hatte, das mir jetzt umso dringender wieder einfiel. Der Parka ist von Elvine, einer Marke aus Göteborg, die dort auch fertigt, was sich ungefähr so gut anfühlt wie das weiche Innenfutter und die feste Außenhaut. Aber eigentlich wollte ich das gar nicht verraten.

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